Anmerkungen zur „Tagespost“-Besprechung des Buches von Kardinal Cordes „Warum Priester?“: Schwund an Glaubwürdigkeit

Erlauben Sie mir zu einem Artikel von Urs Buhlmann in der „Tagespost“ zur Amtstheologie nach dem Buch von Kurienkardinal Josef Cordes („Was Priester können, können nur Priester“, DT vom 3. Dezember) ein paar Anmerkungen: Zuerst ist es mir wichtig, festzuhalten, dass ich die weitreichenden Gedanken zur Theologie des priesterlichen Amtes durchaus unterstreiche und akzeptiere.

Weiters sollen meine Gedanken nicht einfach Kritik sein, sondern, so hoffe ich, zum Nachdenken anregen. Es entsteht durch den Beitrag der Eindruck, dass mit einer Korrektur, Vertiefung und Erneuerung der Theologie des Amtes die kirchliche beziehungsweise die klerikale Welt wieder in Ordnung wäre. Könnte es nicht sein, dass in Wirklichkeit die Kirche insgesamt und die Priester im Besonderen unter einem Schwund an Glaubwürdigkeit leiden?

Einige konkrete Beispiele dazu möchte ich anführen. Ich finde es schön, aber auch gefährlich, den heiligen Pfarrer von Ars den Priestern als Beispiel vor Augen zu führen. Denn es ist nicht nur faszinierend, wie oft und wie wirksam er das Beichtsakrament gespendet hat – wie Sie es im Artikel vermerken. Wer Pfarrer Vianney ernst nimmt, muss auch sein asketisches Leben mit dazu nehmen. Könnte es sein, dass kirchliches Amt unglaubwürdig wird, wenn Priester ein zu normales Leben im Wohlstand führen, wo Dinge wie Fasten und Askese nicht mehr auffindbar sind?

Sie sprechen vom „fest in Christus verankert sein“ eines priesterlichen Lebens. Könnte es sein, dass die Lebensweise etwa der Bischöfe unglaubwürdig wird, wenn sie in Deutschland mit Mercedes S-Klasse und Chauffeur leben? In der Theorie ist es leicht zu sagen, dass „der ganze Mensch in seiner Personmitte von Gott in Anspruch genommen“ sein soll, will er ein echter Priester in der Nachfolge Christi werden.

Nehmen wir den Fall, dass bei allem guten Willen ein Priester sein Mann-sein entdeckt, dass er in seiner realen Personmitte von der Liebe zu einer Frau übermannt wird. So ein Priester hat nur die Möglichkeit, sein Amt niederzulegen oder in den Untergrund des Geheimen und Sündhaften abzutauchen. Könnte es sein, dass hier einer der Hauptgründe für Probleme mit dem kirchlichen Amtsverständnis zu finden ist? Mitarbeiter mit unausgesprochenen Problemen, mit geheimer Schuld beladen, sind keine guten Mitarbeiter.

Könnte es sein, dass es der Kirchenleitung vor allem an Liebe fehlt. Wer über „Deus caritas est“ schreibt und bald darauf über „Caritas in veritate“, muss sich wohl auch den Zuruf gefallen lassen: „Sehr richtig, aber fangen Sie bitte mit der Liebe bei den eigenen, unglücklichen Mitbrüdern an.“

Könnte es sein, dass wir als Kirche zu viel von Liebe reden – und zu wenig in Liebe tun? Jeden Tag sterben weltweit Tausende an Hunger – die Erschütterung darüber und die Hilfsbereitschaft dafür in der Kirche sind endenwollend. Könnte es sein, dass wir uns in theologischer, hochtrabender Theologie schon fast vollkommen dünken, aber den Boden der Realität und der Menschlichkeit unter den Füßen verloren haben?

Könnte es sein, dass die Gesellschaft anstatt frommer Appelle endlich einmal ein ehrliches Wort erwartet, das über „Humanae vitae“ hinausführt. Wie lange wird man darauf noch warten müssen?

Könnte es sein, dass die Öffentlichkeit enttäuscht ist, weil die Kirchenleitung die Befreiungstheologie und die hoffnungsvolle Erneuerung der Kirche von der Basis her abgestellt hat? Könnte es sein, dass die Fälle von Kindesmissbrauch in den USA und die jüngsten Enthüllungen aus dem katholischen Musterland Irland viele hehre Worte über das priesterliche und bischöfliche Amt als fern jeder Realität erwiesen haben? Übrigens man hat auch hier und heute noch versucht, so viel als möglich zu vertuschen und unter den Teppich zu kehren. Könnte es sein, dass die Öffentlichkeit von der Kirche mehr ein „Wir sind fehlbar“ anstatt des Eindrucks „Wir sind unfehlbar“ erwartet?