Althergebrachtes neu entdecken

Alexander Ertl
Alexander Ertl, 24, freier Autor "Junge Federn" und studiert Theologie in München

An die Eisheiligen werden wir jedes Jahr im Mai von Meteorologen erinnert, aber, Hand aufs Herz, wer weiß, was es mit dem „Frauendreißiger“ auf sich hat? Dabei ist der Frauendreißiger, die Spanne zwischen Mariä Himmelfahrt und Mariä Namen (also die Tage zwischen 15. August und 12. September), gerade für die Natur eine besonders wichtige Zeit: Jetzt werden die Nächte zwar wieder spürbar länger, eine kräftig-warme Sonne aber kann selbst einen mäßigen, verregneten Juli wieder wettmachen. Langsam wachsen nun die Früchte heran; im Garten daheim reifen schon die ersten Zwetschgen und Äpfel. Die einen färben sich in einen satten Blau-, die anderen in einen warmen Rotton. Es riecht jetzt nach Heu, über Getreidefelder der Umgebung weht ein sanfter Wind, ein laues Lüftchen, das den Urlaub daheim erträglich macht.

Schade ist es da, dass der Frauendreißiger dabei ist, in Vergessenheit zu geraten. Schuld daran sind nicht nur die Urlauber, die sich an den italienischen, griechischen oder gar maledivischen Stränden brutzeln lassen und sich gar nicht mehr für die heimische Flora und Fauna interessieren. Es ist auch ein Stück weit Brauchtumsverlust, den man leider beklagen müsste. Dabei sind die Kräuterbuschen ein schönes Zeichen dafür, wie Wissen über die Natur und der althergebrachte Glaube in diesen Tagen eine herrliche Symbiose eingehen.

Die große bayerische Schriftstellerin Lena Christ schildert in ihrem 1916 erschienenen Roman „Die Rumplhanni“ die Sitten, die sich um den Frauendreißiger ranken: „Kräuter, zu dieser Zeit geweiht, sind ein Abwehrmittel gegen Feuersgefahr und Wetterschaden, eine Arznei gegen Krankheit und Siechtum bei Mensch und Vieh und eine sicher wirkende Hilf zur Abtreibung aller Zauberei und Verhexung in Haus und Stall. Kälber, unterm Frauendreißiger gezogen, sind gesünder und fruchtbarer wie andere, und man soll sie aufstellen. Die Kühe geben um diese Zeit ihre beste Milch, das Schmalz hat einen besseren Kern wie um Georgi und Jakobi und lässt sich gut einrühren als Winterschmalz und für die Kirchweih. Die Hennen aber legen in diesen Tagen ihre größten und schönsten Eier, die sogenannten Fraueneier. Diese gelten der Bäuerin so viel wie geweihte, ja, schier noch mehr. Denn ihnen haftet nicht die Vergänglichkeit alles Irdischen an – sie sind ohne allen Keim der Fäulnis und halten sich frisch bis Allerheiligen, also dass sie mit jedem Tag rarer und kostbarer werden und in den Geldbeutel der Bäuerin frei den Segen Gottes tragen zu einer Zeit, wo die Natur alljährlich aufhört mit dem Geben und Schenken, und also auch die Hennen ihr ,Gagagagei!... Henn legt ihr Ei, ga gei‘ immer seltener rufen und schließlich ganz damit aufhören bis zur Weihnacht, da sie dann der Hausmutter gemeiniglich die ersten Christkindleier ins Nest legen.“

Es wäre an der Zeit, den Frauendreißiger neu zu entdecken. Die Natur kennenzulernen ist nicht nur eine Forderung, die vom Bund Naturschutz oder anderen Ökobewegungen kommen sollte, sondern gerade auch von der Kirche. Denn: Wer sein Vertrauen in das Gelingen des Weltganzen wachsen lässt, bekommt es mit dem treuen und liebenden Gott selbst zu tun.

Der Autor, 24, studiert katholische Theologie in München