Der heilige Benedikt in Trastevere

Er kam, sah und lief wieder weg. Ein kleines Kirchlein am Ufer des Tibers erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der im Treiben der Großstadt keine Antwort auf seine innere Sehnsucht fand.

Wenn man vom Vatikan aus am Tiber-Ufer entlang läuft und nach Trastevere kommt, stößt man - hinter der Piazza Trilussa, wo sich abends und nachts so viel Jugend tummelt - auf das Kirchlein San Benedetto in Piscinula. Man muss aber schon genau hinschauen, denn irgendwie duckt sich der kleine Bau weg und ist erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Unter anderem an dem kleinsten romanischen Kirchturm Roms - mit den ältesten Glocken der Stadt. Sie sind aus dem Jahr 1069. Also so ein "unbekanntes Juwel". Auch deshalb, weil sich gleich hinter dem Eingangs links die "Zelle" befindet, in der der junge Benedikt von Nursia (480-547) seine Zeit als römischer Student verbracht haben soll, bevor er in die Einsamkeit der Berge floh. Betreut wird das kleine Kirchlein übrigens heute von den "Araldi del Vangelo", den "Herolden des Evangeliums", einer jungen Kleriker-Gemeinschaft aus Brasilien, der Papst Benedikt in seinem Interview-Buch mit Peter Seewald die Ehre erwies, sie als einzige Neugründung in der katholischen Kirche namentlich zu nennen.
Natürlich gibt es keine "Beweise", dass der heilige Benedikt hier wohnte. Allerdings soll das Kirchklein auf den Grundmauern der römischen Patrizierfamiie der Anicier stehen, zum dem auch Benedikt gehörte - und es könnte schon sein, dass der Student aus Nursia in Rom im Hause seiner Familie wohnte. Ein amüsanter Gedanke, weil auch heute noch - nach anderthalbtausend Jahren - hier, in Trastevere, viel Studentenvolk seine Zeit verbringt. Und vor diesem ausgelassenen und manchmal zügellosen Treiben ist der junge Benedikt ja abgehauen. Es zog ihn fort, da war jenes Sehnen, das ich schon erwähnte, die Sehnsucht nach nach dem Unendlichen, nach Gott.


Ich habe selber einige Jahre in Trastevere gewohnt und war schon manchmal neidisch auf die Studenten und jungen Leute, die vor dieser herrlichen Kulisse ausgelassene Nächte verbringen. Aber ist es nicht so, dass selbst die größten Vergnügungen, das schönste Zusammensein mit den Freuden, eine durchgefeierte Nacht am kommenden Morgen nicht nur manchmal den Kater, sondern auch die leichte Bitterkeit hinterlassen, dass sie den Wunsch nach Glück, die Sehnsucht nach dem Absoluten nicht wirklich befriedigen konnten. Sie sind flüchtig, sie hinterlassen keine bleibende Freude. Der junge Benedikt mag genau das gespürt haben. Da war ein Wunsch nach "mehr", den die Feste und Feiern nicht erfüllen konnten. Zumindest nicht dauerhaft. Darum zog er weg. Nur wenn die Kirche - heute wie damals - zeigen kann, dass sie die wahre Antwort auf jene Sehnsucht, die jede junge (gesunde) Seele erfüllt, zu zeigen und zu geben vermag,  wird sie glaub-würdig. Ansonsten bliebe sie reiner Menschenbetrieb.

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