Deutsche Wahrnehmung

Von Matthias Bürgel, Bonn
Die Ankunft Benedikt XVI. in Madrid eigentlich ein äußerst freudiges Ereignis also, wird in der Wahrnehmung der deutschen Öffentlichkeit leider vorrangig mit dem Begriff „Ausschreitungen“ in Verbindungen gebracht. Ein Video zeigt Bilder der Zusammenstöße zwischen Papstgegnern und spanischen Polizisten – die negative Schlagzeile bezieht sich aber natürlich direkt auf den ganzen Weltjugendtag und somit wieder einmal auf die Kirche. Besagtes Video der Nachrichtenagentur Reuters ist auch auf der Internetpräsenz einer überregionalen Zeitung zu sehen. Der dazugehörige Artikel fängt mit einem Zitat der Antipapstdemonstranten an: „Benedicto ist ein Nazi“. Wer auf eine Verurteilung derartiger Geschmacklosigkeiten wartet, wird allerdings enttäuscht: Dem anonymen Autor scheint das Zitat ein gelungener Einstieg zur Beschreibung der Proteste zu sein. Diese finden offenbar sein vollstes Verständnis, zumal „ein spanischer Kirchenvertreter (...) weiter Öl ins Feuer“ gieße. Damit ist der Generalsekretär der spanischen Bischofskonferenz, Juan Antonio Martínez Camino, der die Protestler als „Parasiten“ bezeichnet habe, gemeint. Abgesehen davon, dass sich hiermit auf eine bereits einige Tage zuvor gefallene Aussage bezogen wird (und der Ausdruck „Öl ins Feuer gießen“ folglich recht unpassend erscheint), hat Martínez Camino niemanden als „Parasiten“ bezeichnet, sondern lediglich darauf hingewiesen, dass einige Minderheitengruppen das große Öffentlichkeitsinteresse des Großereignisses missbrauchten, um ihre eigenen, ausschließlich negativ formulierten „Programme“ kundzutun. Sie würden also vom Weltjugendtag, gegen den sie doch eigentlich Stellung beziehen, schmarotzen, was auf Spanisch nun einmal „parasitar“ heißt. Der Tenor des folgenden Berichts über die Ausschreitungen ist dann so, wie er nach diesem Auftakt zu erwarten war: Die „zunächst friedlichen“ (so das Video, wobei das Wort „zunächst“ bereits darauf hinweist, dass offenkundig einige Informationen vorenthalten werden) Demonstranten seien erst durch das Einschreiten der Sicherheitskräfte „in Aufruhr“ geraten, weshalb der Artikel dann auch den romantisch-verklärenden Titel „Aufstand der ‚Parasiten’“ trägt. Dabei zeichnen andere Reportage, insbesondere solche ausländischer Medien, ein Bild der Papstgegner, das nicht unbedingt mit dem der um den Staatshaushalt besorgten Robin Hoods der „Süddeutschen Zeitung“ übereinstimmt: Die Auseinandersetzungen hätten begonnen, so etwa die sich auf Polizeiberichte berufende „Zeit“, als die Einsatzkräfte einen der Papstgegner, der sie mit einer Flasche attackiert hatte, festnehmen wollten. Von flaschenwerfenden Demonstranten berichtet auch die Webseite der „BBC“, während die spanische „La Razón“ auch von anderen Wurfobjekten, darunter sogar pyrotechnischen Gegenständen, und verbrannten Weltjungendtagsfahnen berichtet. Was in der medialen Öffentlichkeit in Deutschland größtenteils (die FAZ bildet hier eine rühmliche Ausnahme) verschwiegen wird, sind die massiven Anfeindungen, denen sich die Pilger durch die Protestkundgebung am Mittwoch ausgesetzt sahen, und ihre, im Unterschied zu den antiklerikalen Gruppierungen nicht nur „zunächst“, friedliche Reaktion darauf. Denn die jungen Katholiken traten den Antipapstdemonstranten, die, wie der Mailänder „Corriere della Sera“ berichtet, unter anderem den Eingang der U-Bahn-Station an der Puerta del Sol umzingelten, um die Gäste mit Rufen wie „Raus mit euch!“ und „Ihr seid hier nicht willkommen“ zu empfangen, mit Gebeten, Hallelujagesängen und „Viva il Papa“-Rufen entgegen. Die Protestkundgebung zog hingegen nicht, wie ursprünglich geplant, von der Puerta del Sol weiter, sondern verharrte, die Katholiken verhöhnend und provozierend, auf dem zentralen Platz bis es zu den erwähnten Auseinandersetzungen mit der Polizei kam. Ursprünglich geplant war seitens der Protestler auch, so war zumindest immer wieder zu hören, nicht gegen die Kirche, sondern gegen die mit dem Weltjugendtag verbundenen Kosten zu demonstrieren. Aber abgesehen davon, dass der Kostenfaktor wenn es um die aufgrund der Antipapstkundgebung benötigten polizeilichen Einsatzkräfte geht, für die Demonstranten offenbar auf einmal keine Rolle mehr spielt, stellt sich so oder so die Frage, warum gerade mit „Ich bin ein Sünder“- („yo soy pecador“) Sprechchören gegen die Finanzplanung protestiert werden muss. Auch erschließt sich der Sinnzusammenhang zwischen den den Weltjugendtagsbesuchern mannigfach entgegengereckten Mittelfingern (auf diversen Photographien deutlich zu erkennen), der Bezeichnung des Papstes als „Nazi“ sowie der des Vatikans als „geistiges Guantanamo“ und der angeblichen Kritik am spanischen Staat nur sehr schwer. Das Ziel scheint da doch vielmehr eindeutig eine direkte Attacke auf den Glauben der Weltjugendtagsbesucher zu sein. Noch nicht einmal den Mut zu haben, dieses Ziel offen zu benennen – diesen Vorwurf müssen sich auch diejenigen gefallen lassen, die den Protesten eine breite Plattform bieten, den Reaktionen der zahlenmäßig weit überlegenen Pilger und den Botschaften des Papstes aber keinen Raum bieten. So fehlte am Abend des 18. August bei den Freemailanbietern jegliche Erwähnung der Begrüßungsrede des Papstes. Auch das Video über die Ausschreitungen ist aber bereits entfernt worden. Dafür werden die Nutzer über das Jugendevent „Street Parade“ in Zürich informiert. Das verlief, so der Schweizer „Blick“ „weitgehend friedlich“ – es gab nur 73 Verhaftungen und die „Zürcher Innenstadt stinkt zum Himmel“, da die Teilnehmer breitwillig diverse Körperflüssigkeiten auf offener Straße hinterließen. Nach den mit dem Ereignis, und gar erst mit der Reinigung, verbundenen Kosten fragt übrigens keiner – und man möchte nicht so recht glauben, dass der Grund dafür die verglichen mit Spanien rosige Finanzsituation der Schweiz ist.
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