Triebverzicht oder Liebe?

Sexuelle Enthaltsamkeit kannte auch die Antike. In der christlichen Ehelosigkeit aber geht es um mehr. Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

Marylin Monroe setzt zum Kuss mit ihrem damaligen Mann Joe DiMaggio an. Dennoch: Durch die Existenz von Mann und Frau laufe selbstverschuldet ein Riss, auch geschlechtsspezifisch, schreibt Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. Foto: Fotomontage: dpa/Winkler
Marylin Monroe setzt zum Kuss mit ihrem damaligen Mann Joe DiMaggio an. Dennoch: Durch die Existenz von Mann und Frau la... Foto: Fotomontage: dpa/Winkler

Es macht die Not unserer Existenz aus, dass sie alle Lebensvollzüge degradieren kann. Es gibt die Zweckgemeinschaft Ehe, den Selbstgenuss im Sex, die narzisstische Bindung, das frustrierte, leer gewordene Zölibat, die erzwungene, lähmende Einsamkeit.

Ehelosigkeit kann nur um einer großen Liebe willen gelebt werden. Solange sie als Machtmittel der (Selbst-)Disziplinierung verstanden wird, solange sie als nützlich für den familienunabhängigen Einsatz gesehen wird, hat sie den archimedischen Punkt nicht erreicht, auf dem sich die Existenz aus den Angeln heben lässt. Welchen Punkt? „Liebe. Man verlegt den Mittelpunkt aus sich selbst heraus.“ (Simone Weil)

Aber ist sie nicht gerade an entscheidender Stelle, im Leib, eingeschränkt?

Ja, und diese Einschränkung verdient Nachdenken.

Die Eingangsfrage lautet: Hindert die Geschlechtlichkeit, kraft ihrer Struktur und ihrer Folgen, notwendig den Flug der Seele? Die erste Antwort lautet redlicherweise Ja. Dieses Ja kommt aus ältester, interkulturell und interreligiös abgestützter Erfahrung. Jede Kultur, auch die archaische, erzieht zum Triebverzicht. Aus sozialen Gründen: denn nur die Bändigung der Triebe lässt auf Dauer Gemeinschaft entstehen. Gebote und Verbote, Ordnungen von Gut und Böse enthalten ausnahmslos auch Sexualregelungen.

Zugleich wirken religiöse Gründe: Überwundene Triebhaftigkeit macht frei für das Heilige. Daraus erhebt sich die große Anstrengung der Religionen, den Menschen zum Herrn seiner ungeheuren geschlechtlichen Motorik zu machen: vom Triebverzicht zur Steigerung (Sublimation) zu führen. Solche Zähmung schneidet tief ins eigene Fleisch und dabei tief ins eigene Geschlecht. Längst vor dem Christentum wird gerade die aufsässige Sexualität unterworfen, durch Einräumung ins Verbotene und Erlaubte, in Ort und Zeit, durch Bindung an ein bestimmtes Gegenüber, auch durch wörtliches Aushungern des Geschlechts vor einer Begegnung mit dem Göttlichen, oder durch zeitweilige und sogar lebenslange Enthaltsamkeit der dem Göttlichen geweihten Personen. Hinduistische Asketen entmächtigen durch Yoga ihren Körper. An den Todesaspekt „allen Fleisches“ erinnert der Buddhismus seine Mönche dreimal am Tag durch eine „Glocke, die so bitterlich Nein! sagt“ (Paul Claudel). Die jungfräuliche römische Vestalin konnte, so die Sage, mit dem kleinen Finger der linken Hand ein Schiff tiberaufwärts nach Rom ziehen.

Hinter der mit besonderer Härte bewehrten Sexualität steht die Erfahrung des Urchaos, der „uralten Verwirrung“, die sich vorrangig in der geschlechtlichen Ekstase ausprägt. Es gibt auch die bewusste religiöse Rückkehr ins Chaotische, etwa im orgiastischen Dionysoskult der Griechen, aber nur unter Aufsicht der Kultgemeinschaft, die das Zurückfinden in die normale Beschränkung garantiert. Dauerekstase ist eine moderne Selbsttäuschung. „In die freie Höhe willst du, nach Sternen dürstet deine Seele. Aber auch deine schlimmen Triebe dürsten nach Freiheit. Deine wilden Hunde wollen in die Freiheit, sie bellen vor Lust in ihrem Kerker, wenn dein Geist alle Gefängnisse zu lösen trachtet.“ (Nietzsche)

Die biblische Antwort öffnet noch einen zweiten Zugang zur Wahrheit des Ganzen. Diese ergänzende Antwort lautet, dass die Geschlechtlichkeit, kraft ihrer Struktur und ihrer Folgen, den Flug der Seele zu Gott nicht hindert. Diese gegenläufige Behauptung stützt sich auf den explosiven Beginn der Genesis (1,27): „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis. Als Mann und Frau schuf er sie.“ In der Zweigeschlechtlichkeit lässt sich El, der sonst Bildlose, sehen. Dieser religiös ungewohnte Schritt unterstreicht das Götzenbilderverbot: keine Bilder Jahwes außer dem von ihm selbst gewollten – dem Menschen. Mann und Frau sind die Bildfreude Gottes.

Damit eröffnet sich ein unerhörtes Beziehungsgeflecht: Wir selber sind theomorph, Gott fraulich oder männlich nachgestaltet. Wenn Platon die Trennung des ursprünglichen „Kugelmenschen“ als Unglück empfindet, so ist sie in der Genesis gerade Glück: Zwei Menschen erhalten das Ebenbild des Einen aufgeprägt, zwei sollen fruchtbar sein, zwei sollen herrschen – als Doppelansicht des Unsichtbaren. Damit ist der griechischen Trauer über die Zweiheit des Menschen eine unglaubliche Antwort gegeben: statt Trauer die Seligkeit, in den Geschlechtern Gottes innere Dynamik abzubilden. Wie tief ist in Ihm der Ursprung alles Lebendigen, alles Menschlichen, des Eros zwischen den Geschlechtern, ja der unbeschreiblichen Freude der Mutterschaft und Vaterschaft zu verehren. Deswegen ja auch die Fassung der Ehe als Sakrament: als Fenster und Durchsicht auf seine Gegenwart.

Aber warum dann doch die evangelischen Räte?

Hier rührt man an den Nerv.

Unmittelbar nach dem paradiesischen Segen setzt die Genesis einen Fluch. Durch die Existenz von Mann wie Frau läuft selbstverschuldet ein Riss, auch geschlechtsspezifisch. Denn der Fluch unterscheidet beide in Lasten und Schmerzen, während der Segen sie nicht unterschieden hatte. Ihr Verhältnis ist verstört – bis zur Möglichkeit des Tierischen. Der Sündenfall stieß Adam „von seiner königlichen Wohnung fort zum Wohnort der Tiere. Weil er sich durch ein Tier verführen ließ, machte (Gott) ihn den Tieren gleich“ (Ephräm der Syrer). Die jetzige Welt ist fragwürdig dem Animalischen nahe, Makulatur – von einem eigenartigen Makel durchsetzt. Davon ist auch das Geschlecht mitbetroffen: statt Ehe Paarung, auf den Unterleib verkürzt, statt der Ewigkeit des fraglosen Gehörens die bange Frage: noch oder schon nicht mehr oder noch nie: mein? Neben der Lust der Engel die Lust der Tiere, so Thomas von Aquin. In der Affäre des Judas mit seiner Schwiegertochter Thamar bezeichnet Thomas Mann die Knechtschaft des Sexus als eine„der Höllen, die's gibt, die Geschlechtshölle“.

So scheint es doch, je tiefer man auf den Grund der Dinge kommt, dass Armut, Keuschheit, Gehorsam zur Struktur der Liebe selbst gehören. Auch die Ehe ist dafür eine unpathetische Lehrstätte; dann nämlich, wenn das exzentrische Ich in das Zentrum des anderen einrückt. Wenn die Liebe bei ihrem wirklichen Gegenüber ankommt. Deswegen macht die große Liebe immer keusch, deckt immer der Sünden Menge. Geschweige dass man in der Ehe die Keuschheit einbüßt – man gewinnt sie vielleicht zum ersten Mal, nicht durch äußere Monogamie, sondern durch die Bindung des Herzens, das nötige Sich-Verlassen. Auch dadurch wird man arm, gehorsam, fügsam. Die Liebe zu einer Person und die Liebe zu Gott entsprechen demselben Alphabet. Im nahen Du scheint das noch Nähere/Fernere auf. Immer wird man sich selbst abgefordert und zugleich seiner Exzentrizität enthoben. Von sich loskommen und doch in die Mitte einrücken – diese schwierige Doppelaufgabe macht eine gelungene Bindung so kostbar und eine misslungene so tragisch, ob es nun die Bindung an einen Menschen oder an Gott war. Zum geschlechtlichen Dasein gehört alles: Beseligung und Gebrochenheit, Eingrenzung, Verzicht, Sublimation, Treue, Ertragen einer Unerfülltheit, Erfüllung, Ekstase – und all ihre Mischformen.

Nochmals: Ehelos bleiben lässt sich nur um einer großen Liebe willen. Es ist die Spannung auf Christus, die dem priesterlichen Leben die weitausholende Gebärde gibt. Das Warten auf Ihn unterläuft das Geschlecht auf eine kommende Freiheit hin. „Die allein können wahrhaft feiern, die zuvor gefastet haben; die allein wissen die Welt richtig zu gebrauchen, die gelernt haben, sie nicht zu missbrauchen; die allein werden sie erben, die sie ansehen als einen Schatten der künftigen, und um dieser künftigen willen ihr entsagen.“ (J. H. Newman)

Die neuen Maßstäbe Christi verneinen die Lebenstriebe nicht, sondern setzen sie voraus, überspringen sie jedoch – woraufhin? „Kommt hinter mich“ (Mk 1,17), hinter meine Armut, meine Enthaltsamkeit, meinen Gehorsam, allein „um meinetwillen“ (Mk 10,29). Eine andere Begründung gibt es nicht. Fordern darf nur der Lebendige selbst, und nur um seines gesteigerten Lebens willen. Askese ist nicht Selbstzweck, auch wenn sie Wohlgefühl auslöst (manchmal). Askese ist einzig Durchsicht auf Ihn, neue Fleischwerdung immer Desselben.

Die drei Räte sind einfach persönliche Nachfolge, nicht eines Ideals oder einer Lebenskunst, sondern einer geliebten Person. Sie sind auf Glück hin entworfen, nicht auf Unglück. Entworfen nämlich auf das Paradox Jesu hin, dass das Aufgegebene hundertfach gewonnen wird. Hundert ist hier kein Zahlwort, sondern eine Qualität, volle Anspannung des Glücks. Nicht Vieles wird gefunden, sondern Einer. Solange das Evangelium verkündet wird auf der ganzen Welt, wird man auch tun, was er getan hat.

„Immer von neuem hat der geistige Entschluss in den rebellischen Körper abzusteigen, sich neu zu inkarnieren. Tag für Tag und Jahr um Jahr muss sich die Entscheidung zu Christus, dem Jungfräulichen, zur ebenfalls jungfräulichen und deshalb mütterlichen Kirche als stärker erweisen denn die plausibelsten Einwände des sinnlich verfassten Menschen. (…) Und das ,Gesetzhafte‘ daran: dass man diesen Entschluss zur Nachfolge ähnlich unwiderruflich machen durfte, wie der Entschluss des Sohnes zur Inkarnation unwiderruflich bleibt.“ (von Balthasar) Was immer dagegen gesagt werden kann, wiederholt die gefährliche Frage des Judas: „Wozu diese Verschwendung?“ (Mk 14,4) Ja, wozu? Drehen wir die missgünstige Frage um: Nicht Opfer, sondern Verschwendung ist der Grundcharakter der Liebe. Nur ihr entspringt die Hingabe, das Zulaufen auf die Hoch-Zeit künftigen Lebens. „Ich zähle mich, mein Gott, doch Du, Du hast das Recht, mich zu verschwenden.“ (Rilke) Zwar wird dies keineswegs immer und durchgängig empfunden, häufig bleibt es als Joch.

Für alles Ungeleistete, Ungetröstete aber gilt das Wort Romano Guardinis:

„Jungfräulichkeit steht am Ende eines Lebens, nicht am Anfang.“

Die Autorin ist Philosophin und

Vorstand des Europäischen Instituts für Philosophie und Religion an der Hochschule Heiligenkreuz.