Nur ein Kirchengesetz?

Die Ehelosigkeit des Priesters: Wer es fassen kann, der fasse es. Von Jens Hartner

Priesterweihe
Luftaufnahme der aufgereihten Weihekandidaten bei der Niederwerfung, der Prostratio, während einer Priesterweihe in der Kathedrale Notre-Dame in Paris am 27. Juni 2015. Foto: Frederic Soreau (KNA)

Seit Jahrzehnten kommt die Kirche in der Zölibatsfrage nicht zur Ruhe. Unmittelbar nach dem Konzil schien es, als würde das die Priester zur Ehelosigkeit verpflichtende Kirchengesetz bald fallen. Nicht wenige Kandidaten traten in die Seminarien in der Hoffnung ein, bald wählen zu können. Bereits geweihte, dann laisierte Priester glaubten, in nicht allzu ferner Zukunft als Ehemänner wieder am Altar stehen zu können. Doch weder der heilige Paul VI. noch der heilige Johannes Paul II. gingen diesen Weg. Im Gegenteil. Beide bestätigten den Zölibat als zutiefst angemessene Lebensform für den an Christi Statt handelnden Priester.

Doch sowohl auf weltkirchlicher Ebene wie in Deutschland wird der Zölibat von vielen wieder zur offenen Frage erklärt. Sie hoffen, die Amazonassynode im Herbst im Vatikan als Anfang vom Ende des verpflichtenden Zölibats nutzen zu können. Spätestens seit der Diskussion der Missbrauchsfälle steht das Thema auch wieder ganz oben auf der Tagesordnung der Kirche in Deutschland. Nicht, dass die Forderungen nach Abschaffung des Pflichtzölibats je verklungen wären. Aber im Rahmen des „synodalen Weges“ soll bekanntlich mit bischöflicher Ermutigung nichts undiskutiert bleiben. Kurienkardinal Paul-Josef Cordes nimmt in dieser Beilage das Gesprächsangebot von Kardinal Marx auf und plädiert für eine Vertiefung des priesterlichen Zölibats, nicht für seine Abschaffung (S. 37). Weihbischof Marian Eleganti aus Chur ist ohnehin der Meinung, dass es nicht der Zölibat ist, der zu Missbrauch führt (S.39). Der Altkirchengeschichtler Stefan Heid führt aus, dass der Zölibat mitnichten eine Erfindung der lateinischen Kirche des zweiten Jahrtausends ist. Kardinal Walter Brandmüller wiederum schaut auf die Zeit des Mittelalters und der Neuzeit und stellt fest, dass Bejahung oder Ablehnung des Zölibats davon abhängt, welche Vorstellung von Amt und Wesen des Priesters eine Gesellschaft hat. Sozialarbeiter müssen tatsächlich nicht ehelos leben. Pastoraltheologe Andreas Wollbold räumt auf mit der Vorstellung, der Zölibat sei die Ursache des Priestermangels. Vielmehr sei die abnehmende Zahl Folge des Glaubensschwundes und der Kirchenkrise. Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz gräbt tief in die Schichten der Religionsgeschichte und stellt fest: Auch die Antike kannte sexuelle Enthaltsamkeit. Im Christentum aber geht es um eine höhere Liebe.

Der Wiedergewinnung dieser Liebe zur priesterlichen Ehelosigkeit wollen die folgenden Seiten des Oster-Forums dienen. Ja, die Ehelosigkeit der Priester ist ein positives Kirchengesetz, von dem folglich auch dispensiert werden kann. Dennoch zwingt die Kirche niemandem den Zölibat auf. Vielmehr wählt sie ihre Kandidaten aus dem Kreis derjenigen aus, die dieses Charisma als endzeitliches Zeugnis fassen können, denen die innere Verbindung von Ehelosigkeit und Priestertum aufgegangen ist, die verstanden haben, dass der Priester, der am Altar das Geheimnis von Tod und Auferstehung feiert, auch in der Wahl seiner Lebensform am besten dem Beispiel Christi folgt.