Zehn Gebote für die Verkündigung

Jesus Christus – Die Mitte des Evangeliums. Von Klaus Berger
Foto: KNA | Auf unkonventionellen Evangelisierungswegen erreichen geistliche Bewegungen ihr Ziel. Die Aufnahme zeigt eine Aktion der Gemeinschaft Emmanuel in Altötting.
Foto: KNA | Auf unkonventionellen Evangelisierungswegen erreichen geistliche Bewegungen ihr Ziel. Die Aufnahme zeigt eine Aktion der Gemeinschaft Emmanuel in Altötting.

Inwiefern ist die Person Jesu immer wieder der Schlüssel zum Verständnis seiner Botschaft? Die christliche Lehre oder Moral oder Dogmatik ist von der Person Jesu nicht ablösbar. Gott ist in Jesus Mensch geworden. Er hat den Menschen kein Lehrbuch geschickt, sondern diesen Menschen Jesus mit seinem Leben unter Menschen. Aber wie soll man vorgehen, ohne die Geschichten einfach zu hören und nachzuerzählen? Das ist zwar in jedem Fall empfehlenswert, aber um Jesus und die Evangelien nebst der Verkündigung der Apostel sinnvoll aufeinander zu beziehen, bedarf es einiger Leitlinien. Diese wage ich hier als Gebote darzustellen.

Erstes Gebot: Es gibt nur einen Gott. Dieser Gott ist dreifaltig. Dieser eine Gott ist zu suchen, zu finden und anzubeten im Ursprung, den wir „Vater“ nennen, im Menschen Jesus Christus, den wir Sohn nennen und im Heiligen Geist, der Schöpfer, Lebendigmacher und Vollender ist. Die ganze Existenz und Verkündigung Jesu ist eine einzige Reklame, ein einziges Werben um die Erneuerung des Glaubens an den einen Gott. Jesus versteht sich als das entscheidende Argument für den Glauben an Gott. Das tut er im Gebet, in der Bergpredigt und in der völligen Sorglosigkeit, mit der er jeden Tag und sein ganzes Leben in Gottes Hand legt.

Vor Sonnenaufgang geht Jesus täglich in die Wüste, um zu beten. Wenn es Tag wird, ist jeder Tag für ihn ein Abbild des „Tages des Herrn“. Der Sonnenaufgang ist ein Bild für das Kommen des Reiches Gottes und für sein Offenbarwerden. Gott selbst ist die Sonne der Gerechtigkeit, und der Sonnenaufgang ist Anschauungsmaterial für das Reich, das im Kommen ist. In seinem Gebet erneuert Jesus jeden Tag die direkte Zugehörigkeit zu Gott.

In der Bergpredigt fordert Jesus dazu auf, zu handeln wie Gott selbst. Denn Gott selbst lässt sich alles gefallen und liebt seine Feinde. Durch seine Sanftmut und Demut stellt Jesus selbst dar, wie Gott ist. Die alte Frage der Menschen nach Gott wird durch den Menschen Jesus völlig unmissverständlich beantwortet. Hier ist er und so ist er. Deshalb stellt Jesus sich selbst dar als den sichtbar und zum Beispiel gewordenen Gott. Dasselbe geschieht in den Wundern. Jesus tut Gottes Werke, daher sind wir für den Glauben an Gott auf diese Werke angewiesen. Denn sie berichten von Gott als dem Schöpfer und Vollender.

So lässt sich das Erste Gebot zusammenfassen: Vergiss bei keiner Aussage über Jesus, dass er nichts anderes will als durchsichtig werden für Gott. Und umgekehrt: Vergiss bei keiner Aussage über Gott, dass wir durch Jesus Näheres über ihn erfahren haben und wissen. Jesus ist unser Foto von Gott.

Zweites Gebot: Ein Schlüssel für das Evangelium ist Jesu Humor. Es ist gar nicht vorstellbar, dass Jesus mit allen möglichen Menschen gefeiert hat, ohne dass dabei hauptsächlich gelacht wurde. In seinem Humor ist Jesus auf das Groteske spezialisiert – wie viele Karikaturisten. Wir kennen das aus den Beispielen Perlen und Säue, Kamel und Nadelöhr, Splitter und Balken, Hunde und Krümel, von dem Fest anlässlich der Wiederauffindung eines Cent-Stücks, und von Jesu Meinung, eine Frau scharf anzugucken bedeute, dabei die Ehe zu brechen. Eine Groteske, die auf der Kippe zur Tollkühnheit steht, ist Jesu Empfehlung, keinerlei praktische Vorsorge mehr zu treffen, weder für Nahrung noch für Kleidung noch für die Verteidigung vor Gericht.

In allen diesen Fällen wird unser Wirklichkeitsverständnis sehr strapaziert. Wir reagieren spontan mit dem Gefühl: Jesus übertreibt maßlos, er macht aus Mücken Elefanten. Das Verhalten, das er schildert, oder seine Einschätzung der Realität ist „schrill“. Warum das alles? Welcher Heidenchrist wird es sich denn gefallen lassen, wenn Jesus ihn mit einem Hund von der Straße vergleicht, der nach Krümeln schnüffelt? Dabei fällt auf: Jesu Humor verletzt das Gefühl der Menschen, die meinen, stets im Recht zu sein. Es ist eine sokratische Art von Humor, die die Menschen zum Lachen bringt und ihnen einen Spiegel vorhält.

Zusammenfassung zweites Gebot: Jesus geht mit den Möglichkeiten, mit denen Menschen rechnen, um wie einer, der mit einem Gummiband spielt. Er zerdehnt sie aufs äußerste, um die Menschen sensibel zu machen für ihre eigene Maß- und Sorglosigkeit. Andererseits lehrt er von Gottes Möglichkeiten. Die Menschen halten sich für zu groß und zu gut. Sie merken nicht, dass beides leicht lächerlich wirkt.

Drittes Gebot: Jesus ist Jude, in Jesus ist Gott ein jüdischer Mensch geworden. Wer die Bindung des Evangeliums an die Person Jesu Christi aufgibt, der steht in Gefahr, den Glauben an den einen und einzigen Gott zu entjudaisieren. Dann wird er gesichts- und geschichtslos, verliert den Boden unter den Füßen und wird doch nur ein Produkt unserer Wünsche.

Der aufgeklärte Deismus würde das zweifellos als Vorteil betrachten. Denn ein mit der Weltvernunft identisches Gottwesen hat kein Profil und keine Geschichte. Es ist nur noch vernünftig. Dabei geht es dann nicht um ein Gottesbild mit selbst „irrationalen“ und daher der Sprache gar nicht mehr zugänglichen Zügen.

Aber dass der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs eben diese Erzväter erwählt hat, wird in der Erwählung Jesu Christi nur auf die Spitze getrieben. Erwählung und Liebe sind ohne Grund und trotzdem nicht irrational. Denn Liebe kann man formulieren mit einer Fülle von Zeichen. Irrational wäre pure Gewalt. Die auserwählende Liebe Gottes geschieht nicht gegen andere, sondern für andere und zielt auf alle.

Zusammenfassung: Bedenke, dass Gottes Liebe und Erwählung nicht nach dem Gießkannenprinzip verteilt werden. An Israel und konzentriert an der Person Jesu wird erkennbar, dass diese erwählende Liebe eine große Chance für alle ist, mit diesem Gott ins Gespräch zu kommen.

Viertes Gebot: „auf dass du lange lebst auf Erden“. Jesus als die Mitte der Verkündigung entdecken bedeutet auch, sich an seiner Lebensfreude und Lebensbejahung zu orientieren. Das betrifft besonders sein Verhältnis zu Kindern. Kinder sind weder dumm noch lästig noch naiv. Aber sie sind abhängig und können sich freuen. Sie haben gegenüber vielen Erwachsenen oft in erstaunlichem Maße die Fähigkeit, Zuwendung zu wollen und zu empfangen. Gerade so versteht Jesus sein Verhältnis zu Gott, zu seinem himmlischen Vater.

Dass wir von der Gottessohnschaft Jesu zumeist nur abstrakt oder nach der Art von Bedenkenträgern reagieren, hat verschiedene Ursachen, besonders diese: die Kinder-Unfreundlichkeit unserer Kultur.

Nicht dogmatische Erwägungen und Schwierigkeiten sind hier die Mitte des Evangeliums, sondern eine Mentalität, die von einem Grundvertrauen getragen ist. Aus der eigenen Kindheit habe ich in Erinnerung besonders die Zeiten erwartungsvoller Vorfreude, besonders in der Zeit vor Weihnachten. Meine kleine Schwester wollte immer schon ins Weihnachtszimmer hineingucken, um genau zu wissen, was sie bekommen sollte. Ich habe stets versucht, das zu verhindern und es auch für mich selbst abgelehnt. Denn ich wollte die Vorfreude und die Spannung genießen.

Zu Jesu Lebensfreude und Lebensbejahung gehört auch, dass er über die Pracht der Lilien des Feldes und über Gottes Fürsorge für die Vögel staunen kann. Denn jeder Piepmatz benötigt das Vielfache seines Körpergewichts als tägliche Nahrung an Würmern und Käfern. Und wie das alles bereitgestellt wird!

Fazit zum vierten Gebot: Im Blick auf Jesus kann man lernen zu staunen, gespannt zu erwarten und für jeden Tag, den Gott werden lässt, zu fragen, in welcher Richtung wir eine gute Nachricht oder Überraschung erwarten. Wie wird sich Jesus darauf gefreut haben, mit den Eltern zum Fest nach Jerusalem zu ziehen, zu dem berühmten, prächtigen Tempel, von dem er schon so vieles gehört hatte.

Fünftes Gebot: Gott ist in Jesus Mensch geworden. Im Te Deum heißt es, dass er, der große Gott, keine Scheu davor hatte, im Schoß der Jungfrau zu wohnen. Und im Philipper-Hymnus, jenem uralten und höchst beachtlichen Dokument frühester Gemeinden, schreibt Paulus: Gott wurde sterblicher Mensch. Der Sohn Gottes hat auf sein Vorrecht – das ewige Leben – verzichtet und hat Sklavengestalt angenommen. Er wurde wie wir Menschen, führte genauso ein Leben wir wir und gehorchte Gottes Auftrag bis zum Sklaventod am Kreuz (Phil 2, 6–8). Auch das ist – recht betrachtet – eine ganz tiefe und weitgehende Werbeveranstaltung Gottes. Gott wirbt um die Menschen. Aus Liebe, natürlich. Die Menschen, hat er sich gesagt, können mich am ehesten lieben, wenn ich werde wie einer von ihnen und ihr Geschick bis zur Talsohle teile. Und wenn ich ihnen zeige, wie sie herauskommen können aus ihrem Elend und Sklavendasein unter der Herrschaft des Todes. Jesus hat das gezeigt durch demütigen Gehorsam. Denn wer sich erniedrigt, wird erhöht. Das ist dem Philipperbrief zufolge Geheimnis der Erlösung. Sich zu erniedrigen, das heißt auf urchristlich: das Geschick teilen.

Der buchstäblich mit den Menschen mitleidende Gott hat allen übrigen Göttern dieses voraus: Er ist nicht fern von den Menschen, sondern in ihrer Nähe. Das aber ist die Urbotschaft des Christentums, die schon am Anfang der Verkündigung Jesu steht: Gottes Reich ist euch nahe. Diese Nähe besteht nun überraschenderweise auch in einer Schicksalsgemeinschaft auf dem gemeinsamen „Weg zum Schafott“. So ist Gott, der die Menschen auch auf dem Weg zum Sterben begleitet, ein liebenswerter, treuer Gefährte. Wenn ein Gott dieses auf sich nimmt, dann ist der Leidende nicht aus der Gottesbeziehung herausgefallen. Dann ist Leiden kein unüberwindliches Unglück mehr, sondern wird zum Tor der Gottesbegegnung.

Zusammenfassung fünftes Gebot: Jesus hat sein Anrecht auf ewiges Leben aufgegeben und es für ein sterbliches Dasein eingetauscht. Wie ein Sklave hat er gelitten, wie ein Sklave ist er gestorben. Daher kann sich der niedrigste und verhassteste Mensch in ihm wiedererkennen. Das Leiden und die Ausweglosigkeit der Todesnot sind dadurch ein Weg zu Gott geworden.

Vom zwölften Jahrhundert ab haben zunächst die Zisterzienser und dann die Franziskaner die Betrachtung des Leidens Jesu als Einbeziehung in das Evangelium erfahren. „Lass mich getreulich mit dir weinen“ sagt der Beter zu der unter dem Kreuz stehenden Muttergottes. Der Beter lernt hier, den Schmerz mitzuempfinden, zunächst bei Jesus, dann aber auch bei anderen leidenden Menschen. Denn aus der Passionsfrömmigkeit entstehen die Hospize, Herbergen der Christenheit.

Sechstes Gebot: Bei der Frage nach der Wahrheit beziehungsweise nach der wahren Religion stoßen wir im frühen Christentum nicht auf eine Summe abstrakter Sätze, sondern auf einen Menschen, der wie wir ist und gleichzeitig von sich sagen kann, er sei Weg, Wahrheit und Leben. Das gilt von ihm selbst in Person. Alles, was wir über Gott wissen müssen, kann man an ihm ablesen, alles, was wir brauchen, um in den Himmel zu gelangen, kann man von ihm lernen, alles, was nötig ist, um vor Gott zu bestehen, können wir an seinem Mittlerdienst festmachen und daher von ihm erhoffen. Die Frage nach der wahren Religion entscheidet sich an dem, der zwischen Golgotha und Wolken am Kreuz hängt. Denn so ungerecht sind die Menschen in der Welt, dass sie den einzigen Gerechten nur kreuzigen können.

Der gekreuzigte Gerechte vermittelt etwas von der traurigen Wahrheit über uns. Aber wie wäre es, wenn gerade dort die Frage nach Wahrheit überhaupt entschieden würde? Wenn mit Paulus die Kreuzestheologie die Antwort auf die Frage wäre, welcher Weg zum Frieden führt? Denn die Frage nach der Wahrheit hängt mit der nach dem wahren und echten Frieden eng zusammen. Eines gibt es nicht ohne das andere. Das Kreuz ist der Widerspruch gegen Scheinwerte. Wer auf sie verzichten kann, ist frei. Das meint Jesus, wenn er sagt, jeder, der sein Kreuz auf sich nehme, also Schande und Armut trage, der könne sein Jünger sein.

Siebtes Gebot: Die Theodizee-Frage, wie sich Gottes Existenz und Allmacht verhalte zu Leid und Katastrophen, findet ihre Antwort im Blick auf Jesus Christus und seinen Weg. Denn für Jesus und für jeden Christen besteht die Antwort im treuen Dabeibleiben, im Nicht-Weglaufen, in der demütigen Geduld. Denn Glauben heißt eigentlich: Treu sein, Aushalten, auf den Advent Gottes in jeder Zeit warten.

Der Weg Jesu zeigt, dass Gott den nicht verlässt, der sich in diesem Sinne auf ihn stützt. Gott lässt Leid und Katastrophen zu, damit sich die Treuen erweisen. Denn insofern sind sie ihm ähnlich. Denn Gott erträgt, ohne sich zur Wehr zu setzen, den Ungehorsam und die Tritte, die Menschen ihm verpassen. Achtes Gebot: Bei der Frage nach dem Sinn der Kirche und dem möglichen Trost in all ihrer Unvollkommenheit und oft heillosen Korruptheit weist der Blick auf Jesus den Kern des Evangeliums als die Antwort aus: Jesus ist zu den Sündern gesandt. Er lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass Petrus und alle seine Jünger Sünder sind, und zwar sogar rückfällige. Angesichts dessen die Kirche als vollkommen zu bezeichnen, wäre eine Illusion. Die letzte Antwort des Apostels Petrus ist „Ja, du weißt Herr, dass ich dich liebe“. Das geschieht nicht aus moralischer Perfektion, sondern aus unverwüstlicher Sympathie. Wir kennen diese Art von Liebe auch bei Jesus gegenüber dem reichen Jüngling, den Jesus sympathisch findet, obwohl er sich ihm nicht anschließen wird.

So läuft also das achte Gebot darauf hinaus: Die Kirche besteht aus Sündern. Über deren moralische Besserung wird nichts gesagt und nichts versprochen. Jesus zu lieben ist vormoralisch. Und auch Jesus liebt Menschen nicht wegen deren moralischer Perfektion. Wir können es nur ahnen: Petrus liebt Jesus als den Meister, der fordert und rettet, der ihm auch über seinen unvollkommenen Glauben (siehe Petrus nach Mk 8, 33) die Wahrheit sagt, aber diesen Defekt irgendwie mit göttlichem Humor erträgt. Damit stoßen wir zum zweiten Mal auf das Stichwort Humor, aber anders als beim ersten Mal. Es ist, wie wenn Jesus zu Petrus sagt: Du bist zwar ein Schlingel, du bist feige und kein Ausbund von Treue. Aber wem sonst sollte ich meine Herde anvertrauen als jemandem, er mich so liebt? Und alle kirchlichen Sünder aller Zeiten können sich an meiner Liebe zu dir orientieren. Und vielleicht können sie dann auch glücklicherweise ihre Liebe zu mir, das heißt zu Christus, in deiner Liebe, Petrus, wiedererkennen.

Neuntes Gebot: Jegliche Autorität des kirchlichen Amtes besteht aus der Fähigkeit seiner Träger, zu dienen. Und dazu gehört auch: Jünger sind das Salz der Erde insofern, als Christ sein heißt, unentwegt zu dienen; „Salz der Erde sein ist Dienstleistung pur“. Der Maßstab für jegliche Ehre ist die Maßlosigkeit des Dienens. Überall anderswo auf der Welt versteht niemand diese Zuordnung; keine Religion und erst recht keine Gesellschaft vergibt Posten nach der Intensität des Dienens. So als müsste jeder Würdenträger, der weiter gekommen ist als bis zum Rang eines Kaplans oder Vikars, jeden Morgen von acht bis neun Uhr seine diakonischen Fähigkeiten unter Beweis stellen und dürfte erst ab 9.30 Uhr anfangen zu regieren. Der tägliche Dienst am Krankenbett wäre nicht als Demutsübung zu verstehen, sondern als eine Christusbegegnung außerhalb der Sakramente (die tägliche Messfeier wäre dann zwischen 7 und 8 Uhr anzusetzen). Die Bereitschaft, sich die Hände schmutzig zu machen, ist dabei oft recht wörtlich zu verstehen. Das ist nicht allzu weit entfernt vom Weg der Schande in der Kreuzestheologie oder bei den zölibatären „Eunuchen“ um des Himmelreiches willen.

Zehntes Gebot: Barmherzigkeit in der Seelsorge und klare, harte Forderungen – wie beides zusammenpasst und sich nicht gegenseitig aufhebt, das kann man an Jesus erkennen. Das Problem ist jedem Seelsorger geläufig: Einerseits ist das Evangelium radikal, zum Beispiel in der Frage des Besitzverzichts und der Ehescheidung. Andererseits versteht sich Jesus als Hirte, der jedem verirrten Schaf nachgeht. An die Stelle des Richtens setzt er das Retten, und dazu gehört Sündenvergebung. Die Lösung besteht darin, dass Jesus ganz klar sagt, was Gottes Wille ist und was Gott vom Tun der Jünger Jesu im erneuerten Israel erwartet. Andererseits ist er aber zur Vergebung bereit, wann immer Menschen darum bitten oder dieses offensichtlich nötig haben. Den Satz „Sündige fortan nicht mehr!“ kennen wir aus den Evangelien. Er folgt aber oft auf eine barmherzige Heilung oder Sündenvergebung.

Im Unterschied zu Johannes dem Täufer verkündigt Jesus nicht einfach „das Gericht“ als nächsten Akt der Heilsgeschichte, sondern er schiebt zwischen Gegenwart und Gericht die Phase der möglichen Vergebung und Rettung ein. Insofern verkündet er jetzt die Möglichkeit der Umkehr, doch ist er weit davon entfernt, das Gericht oder die Hölle „abzuschaffen“. Vielmehr äußert sich Jesu Radikalität zweifach: in der Unbedingtheit der Vergebung, der restlosen Annahme des Sünders – und in der Strenge der Forderung, die keinen Rabatt kennt. Denn so ist Gott: Er kann keinen Kompromiss mit der Sünde schließen, und er liebt die Menschen auf eine für uns unfasslich weite und intensive Weise.

Bei Jesus verbindet sich auf einmalige Weise die Klarheit des prophetischen Verkündigers mit einer Seelsorge, die das Leben jedes Menschen annimmt und umfassend heilt, sodass er im Ganzen und auf Dauer gesund sein kann. Diese beiden Linien treten auch in der heilsgeschichtlichen Position Jesu zutage: Einerseits stirbt er als der leidende Gottesknecht für die Sünden der Menschen und lässt die Sünden also soweit an sich herantreten, dass sie ihn physisch vernichten. Andererseits ist der Gekreuzigte und Auferstandene der kommende Richter. Und nach frühjüdischem und frühchristlichem Verständnis ist er gerade als der Märtyrer schlechthin auch zum Richter geeignet. Gotteslamm und Richter zugleich – das ist die Botschaft Jesu, die er in seiner Person darstellt.

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