Wie wir unterwegs zu Gott sind und Psalmen den Weg markieren

Robert Spaemanns zweiter Band seiner „Meditationen eines Christen“. Von Urs Buhlmann
Robert Spaemann
Foto: dpa | Der Philosoph Robert Spaemann.

Die Psalmen lesen, mit den Augen eines, der sich zugleich als offenbarungsgläubiger Christ und als vernunftgläubiger Philosoph bezeichnet. Das versteht nicht ein jeder, manche vermögen diese beiden Grundlegungen in ihrem Kopf nicht zusammenzubringen. Und so wurde zum zweiten Band von Robert Spaemanns Psalmen-Meditationen tadelnd angemerkt, dass der Autor die Psalmen „konsequent von seinem katholischen Glauben“ her lese (NZZ, 1.9.16). Unser Gewinn, möchte man sagen, denn die Behauptung, dies führe zu einer „Engführung“, wie der Schweizer Rezensent meint, ist bei jemandem vom geistigen Rang des Stuttgarter Philosophen absurd. Tatsächlich besticht Spaemanns neuestes Buch, wie schon der vor zwei Jahren erschienene erste Band, der die Psalmen 1-51 behandelte, durch seine Weite, durch den wahrhaft katholischen Atem, der in der Kommentierung einen Bertold Brecht oder Helmut Qualtinger ebenso zu Wort kommen lässt wie die häufig zitierten Gottfried Benn oder Werner Bergengruen.

Im Ganzen kürzer als der erste Band, hat Spaemann sich wieder ganz persönlich ansprechen lassen von diesen fast 100 Psalmen, die ihren Platz im jüdischen Tanach und im christlichen Alten Testament haben, wenn dort auch jeweils an verschiedener Stelle. Einigen wendet er sich ausführlich zu, analysiert sie Vers für Vers, andere behandelt er summarisch. Immer aber ist der persönliche Bezug erkennbar, das, was der Bibelwissenschaftler den „Sitz im Leben“ nennt. Felsenfest steht für Spaemann sein persönlicher Gottesglaube. In der Betrachtung von Ps 53 meint er bündig zum Phänomen des Atheismus: „Für den Gläubigen ist das der Inbegriff der Torheit. Im Gebet eines Ungläubigen von Unamuno heißt es: ,Gott, wenn es dich gäbe, dann wäre ich ja selbst wirklich‘. Gott leugnen heißt, im Absurden leben zu wollen.“ Aber wie ist dieser Gott? Nicht nur das personifizierte Gute, sagt der Autor, sondern auch die absolute Macht. „Manche Priester ersetzen heute das Wort ,allmächtig‘ durch das Wort ,gütig‘. Wenn aber der Gütige nicht der Allmächtige wäre, könnte er uns letzten Endes nicht helfen. Vor allem könnte Er nicht vor dem Tod retten“ (zu Ps 54). Hier spricht ein fast 90-Jähriger, der seinen Standpunkt gefunden hat und der die Dialog-Rituale der alles verzeihenden und niemals eindeutig optierenden Beliebigkeits-Gesellschaft nicht braucht. Er beobachtet ruhig und urteilt klar: „Die kämpferischen Atheisten halten den Glauben an Gott für eine Sache, die an sich längst gescheitert und zum Untergang verurteilt ist. Aber statt diesen Untergang in Ruhe abzuwarten, steigert diese Sicht noch ihre Energie. Sie ertragen die ,Höhe‘ nicht, auf der der Beter steht. Sie geben sich den Anschein der Toleranz und Achtung vor den Gläubigen, aber in Wirklichkeit regiert sie der Vernichtungswille. Sie heucheln, aber sie sind am Ende selbst Opfer ihrer Lüge“ (zu Ps 62).

Es ist Spaemanns Psalmenbuch – das merkt der Leser bald und manche wird es enttäuschen – kein philosophisches Traktat, sondern eine durchbetete Meditation über das, was Gott an uns tut im Spiegel des Psalters. Fast könnte man es Unbarmherzigkeit nennen, die Klarheit, mit der Spaemann von ihm Erkanntes mitteilt: „Wir finden unseren ,Trost‘ in irdischen Inhalten, die uns über Gottes Ferne hinwegtrösten können. Im Tod wird uns diese Welt der tröstenden Ersatzbefriedigungen entzogen. Was wir Fegfeuer nennen, sind die Entzugserscheinungen; ihre Intensität und Dauer hängt von der Tiefe der Sucht ab, die die Sehnsucht nach Gott verdrängte“ (zu Ps 63). Ja, Spaemann kennt das alles noch: Himmel und Hölle, Engel, ewige Seligkeit, aber auch Todsünde und Verdammnis. Er spricht so unbefangen davon, dass manche Zeitgeist-Theologen wohl in konvulsivische Zuckungen verfallen werden. Einen der größten Verführer unserer Epoche nennt er Dostojewskijs Ivan Karamasow, der Gott beschämen will, indem er die Annahme seiner Gabe von der Bedingung abhängig macht, dass alle, wirklich alle gerettet werden. „Heutige Theologen gehen noch einen Schritt weiter. Sie verfügen einfach über Gott und erklären diese Bedingung bereits für bewilligt – entgegen den offenkundig anderslautenden Worten des Herrn.“ Spaemann glaubt lieber wörtlich der Schrift.

Der sich sein Leben lang in gedanklicher Klarheit schulte, zeigt aber nicht nur das Schwert des Gerichts vor, wie er es in den Psalmen, die so oft Notschreie nach Gottes starkem Arm sind, vorfindet. Er sieht in den Liedern Davids auch Trost und Auferbauung, von denen er künden will. So, wenn er von den Thronen, bereit für das Gericht, spricht, die in Ps 122 vorkommen: „In den katholischen Kirchen sind diese Throne zu besichtigen und aufzusuchen in Gestalt der Beichtstühle, in denen Recht gesprochen, Schuldsprüche gefällt werden und am Ende die Begnadigung ergeht aufgrund der Tatsache, dass die Schuld bereits bezahlt wurde. Es sind die Throne Davids, zu dessen Königsamt zugleich das des Richters gehört, der die gestörte kosmische Ordnung wiederherstellt.“ So verstanden, muss man Gott nicht fürchten, ist Gottesfurcht auch kein Begriff der „schwarzen“ Pädagogik. Spaemann (zu Ps 119): „Die Furcht, das heißt die realistische Einschätzung der Machtverhältnisse, ist die in der Regel ganz unausdrückliche Basis jeder Gottesbeziehung. Für den Beter ist diese Einschätzung Grund des Jubels: Der absolut Gute ist der absolut Mächtige. Der Beter jubelt über diese Verheißung, wie einer, der ,reiche Beute gemacht hat‘. Er hat sich ja auf die Seite Gottes gestellt.“ Für den Ungeübten ist diese Sicht auf Gott Grund zur Unsicherheit, es kann Angst machen, was in Ps 139 steht: „Ob ich sitze oder stehe, du weißt von mir... Du umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich.“ Wer Gott nicht kennt, der spürt hier Beklemmung. Spaemann dagegen sagt, dass so eine Dimension der Wirklichkeit Gottes benannt wird, die „Dimension seiner Allgegenwart, aus der seine Allwissenheit folgt“. Davor muss man sich nicht fürchten, denn „ich bin nicht am Rand seiner Aufmerksamkeit, sondern im Zentrum. Er kennt mich so, als sei ich das Wichtigste für ihn. Und jeder Mensch ist berechtigt zu sagen: Er kennt mich ganz besonders“. Vertrauen auf Gott ist das, was zählt: „Gottes Allwissenheit ist nur sein Aspekt seiner Allmacht. Und seine Allmacht wiederum ist identisch mit seiner Güte, seinem unendlichen Wohlwollen. Es kann für ihn keinen Grund geben, nicht gut zu sein. Mein Vorteil ist identisch mit seinem Vorteil. Es ist in ihm keine Schwäche, die er kompensieren müsste. Seine Perspektive auf das, was geschieht, integriert alle endlichen Perspektiven.“ So kann der Autor als Quintessenz des Nachdenkens über den Weg Gottes mit den Menschen, wie er in den Psalmen Niederschlag gefunden hat, zum Unterschied zwischen Christentum und anderen Religionen anmerken: „Der Mensch als Gottsucher, das ist ein Motiv auch in anderen Religionen. Aber dass Gott den Menschen sucht, das ist neu.“ Der Weg dieses Suchens und Findens, das ist die treue Beachtung von Gottes Geboten. Wer ihnen folgt, kann nicht in die Irre gehen. So gilt: „Christen sind Menschen, die nach Hause wollen und den Heimweg schon gefunden haben.“

Robert Spaemann hat im hohen Alter ein Werk vorgelegt, das ihn auf der Höhe seines Könnens zeigt und nachgerade therapeutische Qualitäten aufweist. Man wird einmal staunend stehen vor diesem Buch, das so gottfernen Zeiten entstammt und doch zum Kanon der großen geistlichen Literatur zählt.

Robert Spaemann: Meditationen eines Christen. Eine Auswahl aus den Psalmen 52–150. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2016, 295 Seiten, in Leinen gebunden, ISBN 978-3-608-94909-4, EUR 49,95

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