Was ist aus all' den „Millenniumszielen“ geworden?

Mutter Teresa zeigt, dass die Weltverbesserung nicht das letzte Ziel und Motiv kirchlicher Entwicklungsarbeit sein kann. Von Monsignore Leo Maasburg
Foto: dpa | Schwestern der „Missionarinnen der Nächstenliebe“ beten neben dem Grabmal von Mutter Teresa im Mutterhaus in Kalkutta. Für sie ist Gottes-Dienst Grundlage des Menschen-Dienstes.
Foto: dpa | Schwestern der „Missionarinnen der Nächstenliebe“ beten neben dem Grabmal von Mutter Teresa im Mutterhaus in Kalkutta. Für sie ist Gottes-Dienst Grundlage des Menschen-Dienstes.

Mutter Teresa, wozu sind wir auf der Welt?“ Diese direkte Frage eines Journalisten an die 2003 seliggesprochene „Heilige der Ärmsten“ erhielt eine gleichermaßen direkte Antwort: „Damit wir in den Himmel kommen!“ Diese Antwort einer Missionarin der Gegenwart, zahlreiche Lehräußerungen der Kirche bis hin zum letzten Kanon des Kirchenrechtes, „Salus animarum suprema lex“ (das Heil der Seelen ist das oberste Gesetz), deuten auf eines hin: So schön unser Planet Erde auch ist, er ist nicht Ziel und erschöpfende Begründung für die Sinnhaftigkeit unserer Existenz. Er kann aber sehr wohl ein Gradmesser dafür sein, ob wir den Sinn unseres Lebens finden oder nicht.

Diese Sichtweise, die ihre Kraft letztlich aus dem Glauben bezieht, könnte uns davor bewahren, eine allgemeine Weltverbesserung oder gar nur eine Weltveränderung als letztes Ziel unseres Einsatzes für Mission und Entwicklungszusammenarbeit zu sehen.

Die oben zitierte Selige hat in diesem Zusammenhang eine weitere, erstaunliche Antwort auf eine etwas zynische Bemerkung gegeben: „Mutter Teresa, Sie sind jetzt 70 Jahre alt. Wenn Sie sterben, wird die Welt genauso aussehen wie zuvor. Was wird sich nach einer so großen Anstrengung wie der Ihren überhaupt geändert haben?“ Darauf Mutter Teresa: „Wissen Sie, ich habe nie geglaubt, ich sei fähig, die Welt zu ändern. Ich habe nur versucht, ein Tropfen reinen Wassers zu sein, in dem sich Gottes Liebe widerspiegeln kann. Scheint Ihnen das wenig zu sein?“

Was ist aus all den großen Plänen für die Jahrtausendwende, aus den „Millenniumszielen“ geworden? Diese großen Würfe erinnern mich ein wenig an die Fünfjahrespläne kommunistischer Diktaturen, an die „großen Sprünge nach vorne“ im China Maos. Ein „Tropfen reinen Wassers“ zu sein, klingt da wesentlich bescheidener und viel realistischer.

Christus hat uns nicht aufgetragen, hinauszugehen und die Welt zu verändern, sondern das Evangelium zu verkünden. Allerdings mit einer tiefen Verheißung: „und ich bin bei Euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20). Was die Weltverbesserung angeht, haben wir nur die Verheißung, dass uns „das alles nachgeworfen wird“, wenn wir zuerst das Reich Gottes suchen (Mt 6,33).

Auch die österliche Aussendung der Apostel – „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21) – ist nicht der Auftrag eines erfolgreichen Weltverbesserers an die nächste Unternehmergeneration, sondern die Offenbarung einer tiefen Wahrheit, nämlich der unbesiegbaren Liebes-Macht Gottes, der „Macht der Zärtlichkeit“ (Zitat Mutter Teresa), die sich in der Hilflosigkeit eines neugeborenen Kindes, eines Menschen ohne Ruhekissen für sein Haupt, eines am Kreuz Gescheiterten ohne Rachegedanken und Feindseligkeiten unwiderstehlich einen Weg zu den Herzen der Menschen bahnt.

Wer ihn einmal erlebt hat, den Augenblick der ersten Heiligen Messe auf irgendeinem entlegenen, weißen Punkt der Missionslandkarte, im Slum einer Elendsmetropole oder am Bett eines Sterbenden, umgeben von seiner Familie, der kann ahnen, dass es Christus selber ist, der sich mit seinem immer neu gegenwärtigen Opfer der Liebe und der Versöhnung einen Zugang bahnt zu den Armen, den Gefangenen und den Trauernden einer schiffbrüchigen Welt.

Es ist der Dienst der Kirche, Christus immer wieder sichtbar und erfahrbar werden zu lassen in der Gemeinschaft (Koinonia), in der Verkündigung (Kerygma), in der Eucharistie (Liturgia) und im Zeugnis (Martyrion). Der Liebesdienst der Kirche (Diakonia) ist nicht ein losgelöster Weltverbesserungsarm des multinationalen Konzerns „Kirche“, sondern das normale Leben des Reiches Gottes, das schon unter uns angebrochen ist. Ja, auch hier öffnet sich der Blick auf eine Wahrheit, die so geheimnisvoll wie hoch erhaben ist: Die Heilung der Kranken, die Zuwendung zu den Hungrigen und Durstigen, den Obdachlosen oder Gebundenen wird unter dem Einfluss der Liebe zum Gottes-Dienst: „Was immer ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr für mich getan“ (Mt 25, 40).

Hier klingt schon etwas von dem dreifaltigen Leben an, das der Vater auf alle seine Kinder ausweiten möchte. Das Zweite Vatikanum formuliert es so: „Gott hat beschlossen, auf eine neue und endgültige Weise in die Geschichte der Menschen einzutreten ... Darum sandte er seinen Sohn in unserem Fleisch, damit er durch ihn die Menschen der Gewalt der Finsternis und Satans entreiße und in ihm die Welt sich versöhne“ (Ad gentes 3). Jede Verkündigung hat also ihren Ursprung letztlich im Dreifaltigen Gott selber.

„Mich dürstet“, dieses letzte Wort Jesu am Kreuz (Joh 19,28) verstehen die heilige Therese von Lisieux und die selige Mutter Teresa in dem Sinn, dass Jesus hier nicht nur von seinem körperlichen Durst spricht, sondern die hilflose, innige Sehnsucht eines Gottes nach der Liebe seiner Geschöpfe sichtbar wird.

Gott sehnt sich nicht nur, ja: Er dürstet gleichsam nach der Liebe Seiner Geschöpfe. Auch hier ist deutlich, dass die Liebesmacht Gottes sich nicht weltlich-politischer Macht bedient, sondern fast schüchtern Sein Angebot der Liebe und des ewigen Lebens unter die Freiheit und die freie Wahl Seiner Geschöpfe stellt: Glaubensfreiheit bis in die innersten Tiefen des Menschen hinein. Diese hat in der Religionsfreiheit nicht nur eine äußere Seite, die der privaten und öffentlichen Ausübung einer Religion, sondern auch eine Freiheit nach innen, tief in die Würde des Menschen, die Gott selbst grundgelegt hat.

Jede Person, die Gottes Angebot der Liebe annimmt, dringt noch tiefer in das Geheimnis der Mission ein und wird selbst Träger derselben. Gott hat einen Schritt getan, den sich keine menschliche Religion ausdenken konnte. „Gott sandte seinen Sohn“ (Gal 4,4). Diese Sendung, dieses Ungeheure, dass Gott Mensch geworden ist, dass Gott in die menschliche Geschichte eingetreten ist, dass das Wort Fleisch angenommen hat und unter uns gelebt hat, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist, wird zum eigentlichen Grund, warum es eine christliche Mission gibt.

Die heilige Elisabeth von der Heiligsten Dreifaltigkeit (†1906) erklärt uns den tiefen Ursprung von Mission: „Die 33 Jahre seines Erdenlebens waren für Jesus nicht genug. Der unstillbare Durst seiner Liebe hält an und will lieben, arbeiten, beten und leiden. Von jedem von uns erbittet Er sein Menschsein – gleichsam eine weitere Inkarnation.“ Sie sagt, Jesus bittet jeden von uns: „Mein Sohn, meine Tochter, gib mir dein Herz, sodass ich in Dir und durch Dich, oder besser Wir zusammen, in einem Leben vollkommener Einheit den Vater innig lieben; gib mir Deine Lippen, sodass wir zusammen sein Lob singen können; gib mir Dein Denken, Deine Augen, Deine Hände, Dein ganzes Wesen. Ich sehne mich danach, in Dir und durch Dich leben zu können, als wäre es mein zweites Leben – ganz aus Liebe, das die Ergänzung und Fortsetzung meines Erdenlebens in Nazareth und Palästina sein wird.“ (Übersetzung; Paul de Jaegher, Eins mit Jesus) Das Ziel unserer Existenz, der Himmel, beginnt nicht erst nach unserem Tod, sondern bereits hier, in dieser Welt, wo immer die Kirche Christus verkündet und der Geist Gottes die Welt durchwirkt. Mission und Entwicklungszusammenarbeit sind daher im richtigen geistlichen Verständnis Strahlen der Teilnahme an derselben dreifaltigen Liebe des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Hintergrund

Der Papst steht an der Spitze der Päpstlichen Missionswerke. Benedikt XVI. zur Mission: „Der missionarische Einsatz ist der erste Dienst, den die Kirche der Menschheit von heute schuldet, um den kulturellen, sozialen und ethischen Veränderungen Orientierung und das Evangelium zu bringen." Dem Papst als Haupt des Bischofskollegiums kommt es auch zu, die anderen Hirten an ihre Verantwortung für die Weltmission zu erinnern. Die Päpstlichen Missionswerke sind der Leitung der Kongregation für die Evangelisierung der Völker anvertraut. An ihrer Spitze steht Kardinal Ivan Dias. Ihm steht als Präsident der Päpstlichen Missionswerke, die in vier Zweige gegliedert sind, Erzbischof Piergiuseppe Vacchelli zur Seite. Die vier Werke sind: Werk der Glaubensverbreitung, Kindermissionswerk, Werk des Heiligen Apostel Petrus und die Missionsvereinigung der Kleriker. In über 150 Ländern dieser Erde existieren Vertretungen der Päpstlichen Missionswerke. In Österreich bestehen sie seit 1922. Die Nationaldirektion hat ihren Sitz in Wien und eine Vertretung in jeder der neun Diözesen Österreichs. DT/mi

Internet: www.missio.at

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