Tanzen als Chance für das Leben

In einem Armenvorort von Kalkutta hat Pater Saju George SJ ein Zentrum für Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Familien gegründet. Schüler aus der Region erhalten hier Unterricht – und lernen dabei auch die Schönheit des traditionellen indischen Tanzes kennen. Es geht für sie, bei aller Not, um eine Zukunft in Würde, vermittelt durch die Kunst des Tanzes. Von Ulrich Fischer
Foto: Ender/Jesuitenmission | Fließende Bewegungen: Pater Saju George SJ beim Training mit Kindern aus den Slums von Kalkutta.
Foto: Ender/Jesuitenmission | Fließende Bewegungen: Pater Saju George SJ beim Training mit Kindern aus den Slums von Kalkutta.

Aufmerksam verfolgt Pater Saju George jede Geste seiner Schülerinnen. Mit gespreizten Fingern und leicht gebeugten Knien, die Oberkörper kerzengerade, folgen sie in grazilen Bewegungen den Klängen der Musik. Was auf den ersten Blick so leicht und mühelos erscheint, ist jedoch das Ergebnis vieler Übungsstunden.

Konzentriert hören die jungen Mädchen auf die Anweisungen des Lehrers, der im Schneidersitz vor ihnen auf einer kleinen Holzbank Platz genommen hat. Ihre Gesichter verraten Anspannung und Konzentration. Gestik und Mimik, Hand- und Fußbewegungen müssen, nach den Regeln indischer Tanzkunst, gefühlvoll ineinanderfließen. Doch das ist viel leichter gesagt als getan.

„Unsere Zeit ist abgelaufen, aber ihr könnt noch etwas üben, wenn ihr wollt“, beendet der Lehrer schließlich die Trainingseinheit. Also bleiben Sneha, Kotha, Deepa and Sushama noch eine Weile in dem schlichten Übungsraum und wiederholen barfuß, mit farbigen Tüchern um die Hüften, die eben gelernten Schrittfolgen und Bewegungen auf dem Steinboden. Durch die geöffneten Fenster weht feuchtheiße Luft herein.

Die vier jungen Mädchen stammen aus den Dörfern der Umgebung, sie gehören zur Schicht der Dalits, der „Unberührbaren“. Deren Platz in der indischen Kastengesellschaft ist seit Jahrhunderten wie zementiert: am untersten Ende der sozialen Rangordnung. Und das bedeutet zugleich ein Leben in bitterer Armut, rechtlos und diskriminiert.

Der Traum von einem anderen Leben

Die Eltern der Kinder haben keine andere Wahl: Sie müssen sich als Tagelöhner verdingen, um ihre Familien mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten. Für einen Tanzunterricht der Kinder ist das Geld viel zu knapp. Umso dankbarer sind die Eltern, dass ihre Mädchen und Jungen bei ihm, dem international bekannten Tänzer und Jesuitenpater Saju George, in die Schule gehen dürfen. Hier erhalten sie nicht nur Unterricht in Englisch oder Mathematik, sondern auch in Yoga, Musik und im traditionellen Tempeltanz Bharata Natyam. „Wir wollen nicht nur den Kopf bilden“, sagt der 49-jährige Jesuit, „sondern auch das Herz und die Seele. All das gibt den jungen Menschen Kraft und ein Zutrauen, dass sie etwas können und wertvoll sind.“

In Pater Sajus Tanzunterricht zu kommen bedeutet für die Kinder von Bakeswar, einem Armutsviertel 40 Rikscha-Minuten vom Zentrum Kalkuttas entfernt, etwas Großartiges. Vor allem die gelegentlichen Auftritte im Rampenlicht sorgen für ein wenig Bollywood-Zauber im eintönigen Alltag. Herausgeputzt, geschminkt und in farbenfrohe Gewänder gehüllt, träumen die Kinder dann von einem anderen Leben.

Pater Saju hat lange gesucht nach diesem Ort. Als er Bakeswar gefunden hatte, wusste er: Hier wird etwas Neues entstehen. Sein Orden unterstützt ihn dabei, ebenso wie er ihn darin unterstützte, das jahrelange intensive Studium des indischen Tanzes zu meistern. Dafür hat er selber bei bedeutenden Lehrern – Christen und Hindus – gelernt. Die Kinder, die heute bei Pater Saju George zur Schule gehen, wissen nicht, dass sie von einem Künstler gefördert werden, der mehrere bedeutende Auszeichnungen erhalten hat, der die Bühnen der Welt kennt, der einst auch die Eucharistiefeier von Papst Johannes Paul II. in Neu-Delhi tanzend begleitet hat.

Wer Pater Saju George persönlich begegnet, seine Darbietungen buchstäblich miterlebt, ist berührt von seiner Ausstrahlung und der Ausdrucksstärke seiner Bewegungen. Die Themen, die der tanzt, hat der promovierte Theologe selbst komponiert und choreografiert. Sie handeln von Gottes Liebe und tiefem Schmerz, von Trauer und Hoffnung. „Der Tanz ist eine Form des Gebets“, sagt er. „Die Seele kann sich im Tanz mit dem Allumfassenden vereinigen.“

Die Faszination für Mutter Teresa, den „Engel der Armen“, war es, die ihn vor mehr als zwanzig Jahren von Kerala nach Kalkutta führte, in diesen Moloch von 15 Millionen Menschen, mit stetig wuchernden Slums. In dieser Stadt ist er, ein Sohn aus einer katholischen südindischen Familie, in den Jesuitenorden eingetreten und Priester geworden. Und hier hat er damit begonnen, einen Ort zu schaffen, der über den täglichen Kampf ums Überleben hinausweist. Denn darin liegt seiner Meinung nach das Wesen der Kunst: Den Menschen über sich selbst zu erheben – hin zum Transzendenten. Pater Saju George steckt alle Energie in sein Zentrum für Kunst, Kultur und Spiritualität, das den indischen Namen Kalahrdaya, „Herz der Kunst“, trägt. Der Name ist Programm.

Den Menschen zum Transzendenten erheben

Noch ist Kalahrdaya im Aufbau begriffen: Vier Häuser aus Ziegelstein gehören dazu, von fleißigen Helfern renoviert und frisch gestrichen. Den Vorbesitzern dienten die flachen Gebäude noch als Ställe und Schuppen. Es gibt zudem fünf Fischteiche und hinter dem Hauptgebäude einen Bach, der durch ein dschungelartiges Dickicht plätschert. Ein Mangobaum spendet Schatten, um den großen Gemüsegarten wachsen Palmen. Alles ist grün, gepflegt, einladend: Eine Oase der Ruhe und der Kultur inmitten der vibrierenden, überhitzten Region rund um die Millionenmetropole Kalkutta.

Zu den Menschen der Umgebung pflegt Pater Saju George engen Kontakt. Sie laden ihn zu sich nach Hause ein, um ihm von ihren Sorgen zu erzählen, um mit ihm zu essen. Kaum erstaunlich, dass der Arbeitstag des Jesuiten selten vor Mitternacht endet. Mehr als hundert Dalit-Familien aus der Umgebung hat Pater Saju George in den vergangenen Jahren zu neuen, wetterfesten Häusern verholfen. Die alten Unterkünfte waren bruchreif, zum Teil von heftigen Stürmen zerstört. Den Bewohnern, unter ihnen auch die Familien einiger seiner Schülerinnen und Schüler, hat er die Bauten mithilfe tatkräftiger Unterstützer und durch die Einnahmen aus Tanzprogrammen finanziert. Und nun gilt es, Kalahrdaya, das „Zentrum für Kunst, Kultur und Spiritualität“, auf eine solide, zukunftsfeste Basis zu stellen.

Wo heute etwa 20 Jungen und 40 Mädchen bei Pater Saju George zur Schule gehen, sollen innerhalb der nächsten drei Jahre weitere 100 Kinder und Jugendliche aus anderen Teilen Kalkuttas, ja Westbengalens hinzukommen. Das ist der Plan. Die Mittel, die Pater Saju George für sein großes Projekt benötigt, verdient er zu einem Großteil selber – mit Meditationskursen und Tanz-Workshops im Westen. Hier trifft er alljährlich auf ein fasziniertes Publikum. Pater Saju Georges Erfahrung: „In Europa suchen die Menschen so sehr nach Spiritualität und finden doch wenig. Viele von ihnen haben ein Bedürfnis zu tanzen, eine neue Dimension in sich zu entdecken und tanzend ihrem Schöpfer zu danken.“

Mit der Unterstützung von Förderern und Spendern will Pater Saju George bisher chancenlosen Kindern und Jugendlichen neue Türen öffnen. „Mit einer guten Ausbildung werden sie eines Tages selber Arbeit finden als Lehrer oder Musiker. Sie können ihr Leben selbstbewusster in die eigene Hand nehmen und nachhaltig für ihre Familien sorgen“, sagt Pater Saju George. „Wir möchten sie nach Kräften darin unterstützen, zu verantwortungsbewussten, engagierten Bürgern heranzuwachsen – mit einem weiten universalen Horizont.“

Hintergrund: Die Dalits, die „Unberührbaren“ in Indien, stehen von Geburt an außerhalb des hinduistischen Kastensystems und damit der Gesellschaft. Obwohl es „Unberührbarkeit“ seit Indiens Unabhängigkeit 1947 laut Verfassung nicht mehr geben darf, sind Dalits bis heute zahlreichen Benachteiligungen und anhaltender Ächtung ausgesetzt. Sie leben oft unter miserablen sozialen Voraussetzungen in Slums und verdienen sich unter entwürdigenden Bedingungen ihren Lebensunterhalt ohne Aussicht auf Land, Bildung und Aufstiegschancen. Christliche Missionare waren die ersten, die Dalits als gleichberechtigt betrachteten und ihnen Zugang zu Bildung verschafften. DT/aho

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