Stille Oasen im Schatten Kevelaers

Frömmigkeit, Natur und Völkerfreundschaft in den Marienheiligtümern am Niederrhein erleben

Millionen Pilger pro Jahr können nicht irren: Seit Jahren steigt der Strom der Wallfahrten zu den europäischen Marienheiligtümern. Dass die meisten katholischen Pilgerziele der Mutter Jesu geweiht sind, ist kein Zufall. Als „kürzester Weg zu Christus“ (Johannes XXIII.) verehren die Gläubigen sie als mächtige Fürsprecherin. Kevelaer, Lourdes oder Fátima verkörpern für viele den Inbegriff katholischen Lebensgefühls. Generationen aus allen sozialen Schichten haben dort den Alltag hinter sich gelassen und sind innerlich erfrischt heimgekehrt. Angehörige verschiedener Nationen und Kulturen bilden eine friedliche Gemeinschaft. Die Hoffnung auf die Macht des Gebets rückt an Marienwallfahrtsorten in greifbare Nähe.

Vor allem in Grenzgebieten wie am Niederrhein steht Marienverehrung im Zeichen der Völkerfreundschaft. Die „Trösterin der Betrübten“ in Kevelaer verehren sogar Hindus. Wenn farbenprächtig gekleidete Tamilen alljährlich zur größten Einzelwallfahrt aus London, Paris und Kopenhagen in das berühmte Marienheiligtum kommen, bedeutet das mehr als einen Hauch asiatischer Exotik im Herzen Europas. Wallfahrten stiften Identität.

Für Prälat Wilhelm Imkamp ist Marienverehrung schlicht „gelebte Theologie von unten“. Dem Wallfahrtsdirektor der mittelschwäbischen Wallfahrtshochburg Maria Vesperbild ist das Vertrauen in die Fürsprache der Gottesmutter am Niederrhein in die Wiege gelegt worden: Ehe er im September 1951 in Krefeld zur Welt kam, pilgerte seine Mutter nach Kevelaer. Nach drei Totgeburten hoffte sie auf das lang ersehnte gesunde Kind. Ihr Gebet wurde erhört. Heute erlebt der fröhliche Prälat den zeitgenössischen Boom der Marienverehrung als Seelsorger: „Volksfrömmigkeit wächst an der Basis“, erklärt er. „Sie kennt keine Trennung von religiöser Praxis und Alltagsleben, wie sie in einer verbürgerlichten Religion gang und gäbe ist.“

Geistliche Höhenerfahrungen mit Rucksack und Rosenkranz

Die „Trösterin der Betrübten“ in Kevelaer und die Schmerzensmutter von Vesperbild haben viele Gemeinsamkeiten. An beiden Orten beginnt die Wallfahrtsgeschichte mit der Aufstellung eines Gnadenbilds. Seitdem haben unzählige Gläubige dort Hilfe zur religiösen Bewältigung des Alltags erfahren. Den integrativen Zug der Marienverehrung dokumentieren Votivtafeln in vielen Sprachen. „In gewisser Hinsicht“, so erklärt der Prälat, „ist Volksfrömmigkeit nichts anderes, als das, was unter dem Stichwort ,Inkulturation‘ heute überall gefordert wird. Wo Marienverehrung echt ist, könne daher weder von Magie noch von Folklore die Rede sein. Zur Wallfahrt gehören heute eher Spontaneität und Ungebundenheit. Vor allem bei jungen Menschen sind Fußwallfahrten wieder gefragt – ob im Trachtenkleid oder in wetterfester Goretex-Ausrüstung. Mit Rucksack und Rosenkranz machen sie geistliche Höhenerfahrungen, von denen mancher Bungeespringer nur träumen kann, singen Lieder und verhelfen überlieferten Bräuchen zu einem bemerkenswerten Comeback.

Am schönsten sind Wallfahrten von Marienheiligtum zu Marienheiligtum. Der Bocholter Prozessionsweg nach Kevelaer führt durch den landschaftlich reizvollen Ort Marienbaum. Oft haben gerade die kleinen Marienkirchen im Schatten der großen Pilgerzentren ihren eigenen Charme: Hier entzieht sich der Besucher der sozialen Kontrolle, die auf dem Land noch mit dem Kirchgang verbunden ist. Der moderne Wallfahrer ist mobil und selbstbestimmt: „Er lässt sich von seiner Kirche nicht mehr in territoriale Begrenzungen einpferchen“, schmunzelt Prälat Imkamp. Aufmerksamen Beobachtern entgeht auch nicht, dass Marienverehrung längst kein katholischer Sonderfall mehr ist.

Religiös feinfühlige Menschen beneiden Katholiken oft darum, sich einer mütterlichen Fürsprecherin anvertrauen zu können. Immer mehr Protestanten erinnern sich daran, dass Luther die Marienverehrung nie aus seiner privaten Frömmigkeit verbannte. Das Vertrauen der Kranken und Gebrechlichen auf die Fürsprache Mariens steht oft am Beginn einer Wallfahrtsgeschichte. Marienbaum bei Xanten verdankt seine Wallfahrt einem gelähmten Schafhirten. Der Überlieferung nach soll er um 1430 im Traum eine Eiche mit treppenförmigem Stamm gesehen haben. Im Astwerk entdeckte er eine Marienstatue. Eine Stimme befahl ihm, den Baum aufzusuchen und das Bild zu verehren. Der Schäfer folgte dem Traumbild, fand den Baum und wurde von seiner Krankheit geheilt. Die Nachricht von seiner Heilung verbreitete sich in Windeseile. Viele Kranke aus der Umgebung pilgerten zu dem Baum und fanden ebenfalls Genesung. Unter Herzog Adolf I. von Kleve erhielt die Muttergottes statt eines Laubdachs einen festen Wohnsitz: 1438 begann man mit dem Bau einer Kapelle, die 1441 der Muttergottes und dem Evangelisten Johannes geweiht wurde. Der gotische Chor der heutigen Pfarrkirche entstammt dem Gründungsbau der früheren Wallfahrtskapelle. Neunzehn Jahre später zogen Nonnen und Mönche des Birgittenordens in ein neu gegründetes Doppelkloster in Marienbaum ein. Die Säkularisierung unter Napoleon beendete seine Geschichte. 1801 mussten die Ordensleute das Kloster verlassen. Die einstige Klosterkirche ist heute Pfarrkirche, die ursprüngliche Gnadenkapelle dient als Chorraum. Maria wird hier als „Zuflucht der Sünder“ verehrt. Stolz sind die Marienbaumer auch auf das wertvolle Sakramenthäuschen und das Chorgestühl in der Wallfahrtskirche. Während der Fastenzeit wird ein Hungertuch aufgehängt, das die Birgittenschwestern in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts herstellten. Ein kleines Wallfahrtsmuseum gegenüber der Kirche zeigt Schätze des einstigen Birgittenklosters sowie Funde aus der Römerzeit. Wer gern zu Fuß pilgert, erreicht Marienbaum in einer knappen Stunde von Kloster Mörmter aus. Der Zauber der niederrheinischen Landschaft macht den Weg zur „Zuflucht der Sünder“ zum Vergnügen.

Der mittelalterliche Fund in einer Esche

Marienbaum ist eine der stillen Oasen im Schatten Kevelaers. Die Statue der „Zuflucht der Sünder“ spricht dieselbe leise Sprache wie viele Mariendarstellungen in der Gegend. Zu den anrührendsten Gnadenbildern am Niederrhein gehört die Schmerzensmutter von Aengenesch bei Geldern. Sie zeigt die Mutter Jesu mit dem toten Sohn im Schoß. Die Legende berichtet, dass in dem Ort im Mittelalter in einer Esche ein Madonnenbild gefunden wurde. Aengenesch (wörtlich: an der Esche) zog bald die Gläubigen an. Zunächst an einer anderen Stelle aufbewahrt, verschwand das Bild immer wieder und tauchte in der Esche wieder auf.

Im Jahr 1431 bauten die Bewohner der Bauernschaft am ursprünglichen Fundort eine Kapelle für das Gnadenbild. In einer kleinen Kapelle an der Südseite der Kirche wurde nach dem Zweiten Weltkrieg eine Plastik aus dem 16. Jahrhundert aufgestellt, nachdem das ursprüngliche Bild verlorengegangen war. Das Bild der Schmerzensmutter verkörpert vielleicht am sinnfälligsten das Charisma der Mutter Jesu. In den schwierigen Nachkriegsjahren hatten viele Frauen, die auf die Heimkehr ihrer Männer oder Söhne warteten, überhaupt keine andere Hoffnung mehr als das Gebet. Was Gläubige und Ungläubige an Maria bis heute so beeindruckt, ist nicht nur die unverdiente Auszeichnung, als Mutter Jesu in die Geschichte eingegangen zu sein. Staunen erregt vor allem ihr bedingungsloses Gottvertrauen. Unter dem Kreuz hat Maria die härteste Schicksalsprüfung bestanden, die das Leben Eltern auferlegen kann: Das eigene Kind unschuldig leiden zu sehen, ohne ihm die Last abnehmen zu können. Wer daran nicht zugrunde geht, besitzt den inneren Halt, den sich viele wünschen. Gnadenbilder wie die Schmerzensmutter von Aengenesch erinnern daran, dass es Kraftquellen geben muss, die das menschliche Maß des Durchhaltevermögens übersteigen. Lebensklug wie die Mutter Jesu ist, wer sich nicht nur auf die eigenen Kräfte verlässt.

Dieser nüchternen Erkenntnis verdankt auch Ginderich seine Wiederentdeckung. In der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts hatte der protestantische Kurfürst Friedrich Wilhelm I. im Herzogtum Kleve alle Wallfahrten verboten. Für den ältesten Marienwallfahrtsort am Niederrhein, der schon 1190 vom Kölner Erzbischof erwähnt wird, bedeutete der Entzug des Prozessionsrechts für 365 Jahre das Aus. Dabei gehören die Kirche St. Mariä Himmelfahrt und das heutige Gnadenbild zu den kunsthistorischen Juwelen des Niederrheins. Der romanische Westturm des Gotteshauses ist das Wahrzeichen des Dorfes. Das Gnadenbild, um 1320 in Köln entstanden, zeigt die thronende Himmelskönigin als Sitz der Weisheit. Auf dem Schlussstein vor dem Chor streckt ihr der Teufel die Zunge heraus, weil sie ihm den Zugang zum Chorraum verwehrt. Über die Macht der Himmelskönigin scheint er sich keine Illusionen zu machen. Jahrhundertelang hatte Ginderich überregionale Bedeutung: 1524 bestätigte Papst Clemens VII. die Wallfahrt. Vor zwei Jahren wurde die Wallfahrtskirche vom Münsteraner Bischof Lettmann wieder in den Kreis der Wallfahrtsorte der Diözese aufgenommen. Seitdem steht das Gnadenbild nicht mehr im hinteren Teil der Kirche, sondern im Seitenschiff. Und manchem ergeht es beim Anblick der graziösen Statue wie dem niederländischen Schriftsteller Cees Nooteboom auf seinem literarischen „Umweg nach Santiago“: Beim Klang des Ave Maria „singt eine noch nicht ganz verlorengegangene Instanz in mir wortlos mit“.

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