Signale aus den Weiten des Opernkosmos

Das irische Wexford Opera Festival entdeckt seit mehr als fünfzig Jahren vergessene Werke des Musiktheaters

Leichter Nebel senkt sich über das Land, macht alle Farben zu Abstufungen von Grau. Kalte Feuchtigkeit zieht durch die Kleider, lässt einen frösteln. Ein sachter Wind wirbelt den Dunst an giftig gelben Straßenleuchten vorbei. Es riecht nach Kohle und Schwefel, das typische Aroma von Torffeuer. Früh schon zieht die Nacht herauf, bricht den letzten Schimmer des trüben Tageslichts in schwärzlichem Grau. Es ist Herbst im irischen Wexford – und es ist Festival-Zeit.

Seit Mitte der fünfziger Jahre machen sich ausgerechnet zu dieser unwirtlichen Jahreszeit Hundertschaften von Opernfreunden auf in den äußersten Südosten Irlands. Die alte Wikingersiedlung, die auf irisch „Loch Garman“ heißt, ist stolz auf ihre mittelalterlichen Stadtmauerreste, noch stolzer auf Commodore Barry, der die US-Navy aufgebaut hat, noch viel stolzer jedoch auf Dr. Tom Walsh. Den Apotheker kennt in Wexford fast jedes Kind, obwohl er schon seit 1988 tot ist. Er ist der Gründer und war fünfzehn Jahre der Inspirator des Wexford Opera Festivals. Hier, am Rande der glamourösen Welt der luxuriösen Foyers, der kapriziösen Diven und der opulenten Galapremieren, gedieh ab 1951 eine aus Enthusiasmus geborene Aufführungsserie von Opern, die sich zu einem der bedeutendsten Festivals weltweit gemausert hat. Getragen vom Engagement einiger Opernnarren, zuerst nachsichtig-freundlich, dann einhellig und begeistert unterstützt von Handwerkern, Lehrern, Hausfrauen, Farmern und Tante-Emma-Ladeninhabern, wuchs ein Festival heran, das sich der Wiederaufführung zu Unrecht vernachlässigter Opern verschrieben hatte. Walsh hatte Anfang der fünfziger Jahre ein Näschen für das Kommende: Als selbst in Italien noch kaum jemand an das Erbe des Belcanto dachte, erklangen in Wexford unbekannte Opern Rossinis, Donizettis und Bellinis, immer wieder unterbrochen von Trouvaillen aus anderen Ländern, ob „La Siege de Rochelle“ des Iren Michael Balfe oder „Mireille“ des Franzosen Charles Gounod: Werke, die heute oft wieder vergessen sind, aber wenigstens einmal das Licht der Opernwelt des 20. Jahrhunderts erblicken konnten.

Einige dieser Stücke machten jedoch von Wexford aus ihren Weg. In den Fünfzigern blickten wohl noch aufmerksame Dramaturgen und Journalisten in den Winkel am Rand der Irischen See und entdeckten die längst als selbstverständlich anerkannten Qualitäten einer „Italienerin in Algier“ oder einer „Anna Bolena“. Bis heute entstaubt Wexford Jahr für Jahr unverdrossen drei Werke. Die Erfahrung zeigt, dass in jedem Herbst mindestens eines dabei ist, bei dem sich nicht nur der Kenner fragt, warum es in der Mottenkiste der Musikgeschichte verschwunden ist.

Aber die Impulse, die von Wexford ausgehen könnten, federn an den Gummiwänden aus Routine, Geschäft und Überheblichkeit ab, mit denen der internationale Opernbetrieb seine dreißig oder vierzig allgegenwärtigen Dauerbrenner gegen Beeinträchtigungen abschirmt. Wie wäre es sonst erklärbar, dass ein so nachdenkliches Stück wie Pavel Haas' „Scharlatan“, ein musikalischer Edelstein wie „Sarka“ des Tschechen Zdenek Fibich, ein tiefgründiges Drama wie Riccardo Zandonais „Cavalieri di Ekebú“, eine heitere Perle wie Bohuslav Martinus „Mirandolina“, ein psychologischer Reißer wie Gaetano Donizettis „Parisina“ oder ein grandioses Gefühlsdrama wie Jules Massenets „Sapho“ in der weltweiten Opernszene ohne Echo geblieben sind?

Seit 2005 besorgt der amerikanische Dirigent David Agler die künstlerische Leitung des Festivals. Er ist mit den bisher schwierigen und mageren Arbeitsbedingungen Wexfords vertraut; er hat zwei Produktionen im alten „Theatre Royal“ dirigiert. Das duckte sich unscheinbar hinter die Kleinstadthäuschen der High Street. Das niedrige Foyer mit seinem Teppichboden und seiner knarzenden Treppe, den meist überheizten, mit einer Art Ölfarbe dunkelrot ausgepinselten Zuschauerraum und die historischen, für Menschen ab einen Meter achtzig Größe qualvollen Sitze hätte dennoch keiner der echten Wexfordianer mit einem der nobel dekorierten Säle mitteleuropäischer Häuser eintauschen wollen.

Doch gerade in Irland, das seit fast zwanzig Jahren einen einmaligen Wirtschaftsboom erlebt hat, bleibt die Zeit nicht stehen. Das alte, auf die 1830er Jahre zurückgehende Opernhaus fiel Ende 2005 der Spitzhacke zum Opfer. So manche stille Träne dürfte in den Augen der Besucher geglänzt haben, als der Vorhang zu letzten Mal nach Carlisle Floyds „Susannah“, einer amerikanischen Oper über religiösen Fundamentalismus und Freiheitsbegehren im Namen der Liebe, gefallen war. An dem Theaterchen hingen so viele Erinnerungen an so viele Stunden großartigen Musiktheaters, an die Begegnung mit begeisterungsfähigen Menschen, an künstlerisches Mühen unter provisorischen Bedingungen. Auch an den Beginn hoffnungsvoller Karrieren. Immerhin kam in den fünfziger Jahren Mirella Freni nach Wexford, 1996 trat in Meyerbeers „L'Etoile du Nord“ der blutjunge Tenor Juan Diego Florez auf, und Joseph Calleja, heute an Häusern wie der Wiener Staatsoper, sang 2000 in Adolphe Adams reizender Opéra comique „Si j'étais roi“ („Wenn ich König wär?“). Aber das weinende wird von einem lachenden Auge ergänzt: Mit Spannung blickt nicht nur Irland dem 16. Oktober 2008 entgegen, wenn das neue Theater mit der Oper „Schneeflöckchen“ von Nikolai Rimski-Korsakow eingeweiht wird. Schon ragt der Bühnenturm des Neubaus des irischen Architekten Keith Williams hoch über der Silhouette des Küstenstädtchens auf. Von oben schweift der Blick weit über die irische See und fast dreißig Kilometer landeinwärts bis zu fernen Küstengebirgen.

Das Haus wird einen neuen Standard im Theaterbau setzen, meinte etwas patriotisch-vollmundig der irische Kultur-, Sport- und Tourismusminister Séamus Brennan beim Richtfest im Februar. Für Irland wird das gelten, ist Wexford doch das größte Theaterbauprojekt nach 1945. Brennans Ministerium hat das 33-Millionen-Euro-Projekt finanziert, doch sieben Millionen kamen von Sponsoren aus Wirtschaft und Gesellschaft. Viermal so groß wie das alte „Theatre Royal“ ist der Neubau; 779 Besuchern bietet er Platz – 200 mehr als bisher. Die Hauptstadt blickt neidvoll in den Südostwinkel des Landes, denn Dublin kann den rund eine Million Einwohnern seines Großraums – trotz des renovierten Gaiety-Theaters – kein Opernhaus und nur eine magere Frühjahrs- und Wintersaison mit einer Handvoll Aufführungen bieten.

Das 57. Wexford Opera Festival greift den bewährten Rhythmus auf und bietet zwischen 16. Oktober und 6. November drei Opernproduktionen in achtzehn Aufführungen an. Rimski-Korsakows Oper „Snegurotschka“ erzählt die traurig-versöhnliche Geschichte der Tochter von Frost und Frühling, die in der Menschenwelt Liebe erfahren will.

Die beiden anderen Opern handeln vom Theater: In Sir Richard Rodney Bennetts „The Sulphur Mines“ sucht eine Theatertruppe in einem heruntergekommenen Herrenhaus ein Nachtasyl. Kurz zuvor geschah dort ein Mord: Drei Zigeuner haben sich an dem Lord für vergangene Missetaten gerächt. Doch die Schauspieler führen mehr im Schilde als nur Theaterspiel... Bennetts Musik zu diesem düsteren Thriller verspricht einen spannenden Abend, ist der Komponist doch vor allem für Filmmusiken wie zu „Mord im Orientexpress“, „Mord mit doppeltem Boden“ und „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ berühmt.

Die dritte Wexford-Oper dieses Jahres stammt von einem Zeitgenossen Giuseppe Verdis: „Tutti in maschera“ von Carlo Pedrotti (1817 bis 1893) stellt ebenfalls eine reisende Komödiantentruppe vor, hungrig nach Brot, hungrig nach Ruhm. Von einem skrupellosen Impresario in Venedig engagiert, sind sie alle zu einem Maskenball ins berühmte Teatro La Fenice geladen. Doch woher die nötigen aufwändigen Kostüme nehmen?

Wieder positioniert sich das Festival mit drei Werken, die hinter einem Nebel verborgen liegen, der dichter ist als der graue Dunst, der einen abends beim Gang ins Wexforder Theater begleiten kann. Es ist lohnend, mit dem Licht einer kritischen Prüfung das Dunkel der Geschichte zu durchschneiden. Hat es sich in Wexford doch immer wieder gezeigt, wie das Tribunal der Zeit ungerechte Urteile fällt. Und wie manches Werk, das vor einer Generation noch als überholt gegolten hat, heute wieder überraschend aktuell sein kann.

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