Poetische Spurensuche Biblische Themen bei Patrick Roth

Der Schriftsteller Patrick Roth ist in der deutschsprachigen Literatur eine Ausnahmeerscheinung. 1953 in Freiburg geboren, aufgewachsen in Karlsruhe, lebt er seit 1975 in Los Angeles. Er studierte dort an der Filmhochschule, schrieb zunächst Drehbücher und arbeitete als Regisseur und Filmjournalist, schrieb Hörspiele und Dramen, bevor er mit seiner so genannten "Christusnovelle" mit dem Titel "Riverside", veröffentlicht 1991 im Suhrkamp Verlag, schlagartig bekannt wurde. Für dieses Prosadebüt erhielt er 1992 den Rauriser Literaturpreis, der jeweils für die beste Prosa-Erstveröffentlichung des Jahres vergeben wird. Roth schrieb auch in der Fremde stets auf Deutsch. Die Besonderheit, ja Einmaligkeit Rothscher Sprache und Thematik wurde früh erkannt und blieb doch nicht ohne Widerspruch. Wie bei kaum einem anderen Autor changierten die Urteile zwischen Begeisterung, Unverständnis und völliger Ablehnung. "Riverside" war der erste Band einer Christus-Trilogie, die mit den Bänden "Johnny Shines oder Die Wiedererweckung der Toten" (1993) und "Corpus Christi" (1996) zur Vollendung kam und als Gesamtausgabe 2003 unter dem Titel "Resurrection" erschien. Patrick Roth bewegt sich von Beginn an jenseits gängiger Literaturtrends. Seine Sprache ist archaisierend, dem Unbewussten nachspürend und zugleich an modernen Stilmitteln des Films wie Überschneidungen und Schnitten geschult. Das Besondere aber ist seine Thematik, die biblische Themen aufgreift, diese sowohl in der Vergangenheit, als auch in der Gegenwart spielen lässt und völlig eigenständig gestaltet. So kann auch heute noch gelten, was die Literaturkritikerin Sigrid Löffler 1993 feststellte: "In der deutschsprachigen Literatur von heute hat Patrick Roth nicht seinesgleichen." Der Rezeption Rothscher Werke geht Georg Langenhorst in seinem äußerst lesenswerten Buch "Patrick Roth - Erzähler zwischen Bibel und Hollywood" nach. Es stellt die erste Zwischenbilanz zum Schaffen dieses eigenwilligen Schriftstellers dar. Langenhorst hat dazu die bisher erschienenen Rezensionen, Porträts und Preisreden gesichtet und in einen übersichtlichen Zusammenhang gestellt. Neben einer ausführlichen Einleitung werden die Annäherungen an Werk und Person des Schriftstellers aus unterschiedlichen Perspektiven dargeboten: aus literaturkritischer, religionsdidaktischer, theologischer, medien- und kulturwissenschaftlicher Sicht. Zu den Deutungen der einzelnen Werke, in der wiederum sehr unterschiedliche Herangehensweisen berücksichtigt werden, bietet Langenhorst jeweils ein einführendes Kapitel. Den Abschluss des Buches bilden Preisreden auf Patrick Roth, die erkennen lassen, dass der Dichter trotz immer noch auch vorhandener Skepsis, ja sogar Häme gegenüber seinem Werk, entscheidende Anerkennung zuteil wird. Das zeigt sich auch daran, dass Roth im Frühjahr 2002 in Frankfurt die Poetikvorlesungen hielt, unter dem Titel "Ins Tal der Schatten". Gefolgt wurden diese 2004 von den Heidelberger Poetikvorlesungen, die jetzt (wie auch schon die Frankfurter Poetikvorlesungen) als Suhrkamp-Taschenbuch vorliegen, Titel: "Zur Stadt am Meer". Selbstredend lässt uns bei dieser Art von Vorlesungen der Dichter bei seinem Schaffensprozess über die Schulter schauen. Ein gutes Stück weit klärt er uns über Hintergründe und Beweggründe zu seiner Arbeit auf. Das sind bei Roth seine Begeisterung für den Film, sein Interesse am Unbewussten - manifestiert vor allem in den Träumen - , wobei er sich besonders auf die Tiefenpsychologie C. G. Jungs beruft. Vor allem aber treibt ihn das Kreisen um große existentielle Fragen um: Schuld und Vergebung, Heilung und Erlösung, Tod und Auferstehung. Es kann daher nicht verwundern, wenn Patrick Roth einem filmischen Stilmittel, der Suspense, transzendentale Bedeutung zumisst. Suspense bedeutet Spannung, heißt Gegensätzliches, das nach Auflösung drängt. Bei Roth bedeutet Auflösung Erlösung. Er spricht von der coniunctio oppositorum: "Denn nur da wandelt sich etwas, verwandeln sich beide: die Feinde, befeindeten Gegensätze, oder Natürlich- Gegensätzlichen (Männliches, Weibliches) in ein Drittes, entsteht also wirklich Neues." In dieser Verpflichtung zur Wandlung sieht Roth sich selbst als Künstler: "Das uns Gegebene muss vermehrt, muss gewagt, muss gewandelt werden." Der gekreuzigte und auferstandene Christus ist für Roth die Figur, die paradigmatisch diese Wandlung für uns vollzogen hat. "Er hält die Gegensätze aus, die uns zerreißen - denn das ist das Kreuz - , ist zwischen ihnen aufgehängt, hängt über seinem-unserem Abgrund, um in seinem Innersten das unerhörte, ungesehene ,Schwarze', in seiner Dunkelheit am Kreuz unser aller Dunkel auszuhalten, zu durchstehen, zu ertragen und im Gewandeltwerden, dem Prozess einer ungeheuerlichen Qual, höchster Verzweiflung, höchster Not, Erleidens solcher Gegensätze: uns zu verwandeln." Patrick Roth ist weder Eiferer noch Prediger. "Nur die eigene Erfahrung ist bindend", sagt er. Und die sucht er sich nicht aus. Vielmehr betrachtet er sich als Gefäß, weiß selber keine letzte Antwort, ist stets auf der Suche, auf dem Weg zum Ziel. "Zur Stadt am Meer" gibt die Richtung an, Trennstelle zwischen Wasser und Land, Unbewusstem und Bewusstem. Dieses Bild von Nebeneinander und Ineinander hatte Roth schon in seiner Frankfurter Poetikdozentur in anderer, doch gleichbedeutender Motivik benutzt: "Das Lebende steht im Toten, das Tote im Lebenden, ineinander und nebeneinander stehen beide - ein Augenblick des Gleichgewichts und der größten Gefahr." Kunst, Literatur - so sieht es Patrick Roth - ist Erfahrung, nicht Erfindung. "Mit dem Wissen vom Bösen leben, sich am Guten bescheiden. No fiction", so lässt er seine Frankfurter Gedanken zur Poetik ausklingen. Am Ende der Heidelberger Vorlesungen heißt es: "It's all true." Autor: VON ILKA SCHEIDGEN