Nootebooms Garten

„533 Tage“: Cees Nooteboom berichtet von seinem spanischen Domizil und der Welt, die zu ihm kommt. Von Stefan Meetschen
Nooteboom schockiert über Versorgungsengpässe in Japan
Foto: dpa | Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom.

Die Hälfte des Jahres verbringt der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom („Die folgende Geschichte“, „Allerseelen“) auf Menorca – in seinem Haus, seinem Schreibstudio und natürlich in seinem Garten, in dem es von Kakteen, Schildkröten und Insekten nur so wimmelt. Den Eindruck bekommt man zumindest bei der Lektüre seines neuen Werkes „533 Tage“, in dem sich der 83-Jährige mit detailverliebtem Blick der Flora und Fauna seiner nächsten Umgebung widmet. Aber natürlich auch den Büchern, die dort extremen Temperatur- und Aufmerksamkeitsschwankungen ausgesetzt sind. Manche sind darunter, die noch der Erstlektüre harren, für andere, wie die „Göttliche Komödie“ von Dante, gilt: „hundertmal gelesen, bevor ich ihn wirklich las“.

Doch so nützlich Lexika, Zeitungen und das Internet auch sein mögen, um sich etwa ein paar Hintergrundinformationen zu den stummen Mitbewohnern zu beschaffen, auf diese Weise strömen doch wieder allerlei Neuigkeiten aus der äußeren Sphäre ein – und so ist Nooteboom („...ich wollte nach innen, nicht länger nach außen. Dort war ich schon so lange und so oft...“) auch nicht sonderlich überrascht, dass sein Rückzugsplan nicht ganz aufgeht. „Versuche, dich von der Welt fernzuhalten, und die Welt kommt zu dir.“

Die Welt, das ist in dem Zeitraum vom 1. August 2014 bis zum 15. Januar 2016, in dem die „533 Tage“ aufgezeichnet wurden, vor allem ein Europa, das zunächst mit dem EU-Bengel Griechenland Probleme hat, dann mit der Ukraine nicht so richtig umzugehen weiß und im Zuge der Flüchtlingskrise sogar eine Art „Riss“ erfährt. Nooteboom hat als „Kriegskind“, essayistischer Berichterstatter und Weltreisender zu viel gesehen und erlebt, als dass ihn die diversen politischen „Spielzüge“ noch besonders beeindrucken könnten. „Meinem Garten ist das alles herzlich egal.“ Und doch kann man sein Buch auch als Versuch ansehen, den „Riss“, der zurzeit durch Europa geht, auf der kulturellen, literarischen Ebene zu kitten. Wie das? Indem Nooteboom bei seinen Tages-Berichten eine ganze Reihe von Autoren und Büchern vorstellt, die aus Osteuropa stammen – vom Polen Witold Gombrowicz, dem Tschechen Karel Capek bis hin zu den ungarischen Schriftstellern Miklos Banffy, Peter Esterhazy und Miklos Szentkuthy –, zeigt er en passant, wie eng der Osten und Westen des Kontinents miteinander verwoben sind in Geschichte und Tradition.

„Il faut cultiver notre jardin“ – das Motto von Voltaires Candide schließt bei Nooteboom natürlich auch die Reflexion über Sprachen und Wörter mit ein – im Angesicht der Vergänglichkeit. „In den letzten hundert Jahren sind Sprachen gestorben, die ich nie gehört oder gelesen habe. Mich hat immer der Gedanke fasziniert, dass Menschen sterben, die die letzten Sprecher einer bestimmten Sprache sind. Was geschieht dann? Was ist ihr letzter Gedanke? Ich stelle mir vor, dass diese Wörter noch kurze Zeit über dem Toten schweben, weil sie wissen, sie werden nie mehr auf die Erde zurückkehren.“ Oder: „Das Gefühl, aus meiner Zeit herausgenommen worden zu sein. Unsanft. Alter ist im Niederländischen ein doppeldeutiges Wort: leeftijd, Lebenszeit. Die Zeit nimmt unabänderlich ihren Lauf, doch das Leben verändert sich und möchte sich an sein Ende gewöhnen.“

Dazu beweist Cees Nooteboom einmal mehr seinen Sinn und seine Faszination für Phänomene, die sich schnellen Erklärungen entziehen. „Vergangene Woche berichteten mir verschiedene Menschen, drei Freunde und eine Unbekannte, in Mails beziehungsweise einer Karte, sie hätten von mir geträumt.“ Eine berechtigte Frage des Schriftstellers lautet deshalb: „Wo befinden wir uns, während andere Menschen von uns träumen? Wenn wir davon ausgehen, dass wir uns an den Orten aufhalten, an denen der Traum der anderen sich abspielt, dann war ich in der vergangenen Woche in Berlin, in Irland, in Wien und bei einer Lesung in Deutschland. Denken wir hingegen, dass wir zeitweise tatsächlich und nicht tatsächlich im Kopf des Träumenden existieren, dann war ich in dieser Woche in Medellin, Kolumbien, in Washington, D.C., im schleswig-holsteinischen Bad Segeberg und vielleicht in Venedig.“

Am Ende seines Buches versteht es Nooteboom in ebenso anregender und geistreicher Weise über das Schicksal der Voyer-Sonden und den Tod des Sängers David Bowie zu sinnieren. „Zeit schien Bowie nichts anhaben zu können, wer für seine Umwelt ständig ein anderer ist, kann als er selbst nicht alt werden, so dass man kaum weiß, wer gestern nun eigentlich gestorben ist.“ Im Unterschied zu den oberflächlichen Huldigungen, denen man auch beim Vatikan in Person von Kardinal Ravasi nicht ausgewichen ist, blickt Nooteboom tiefer und erkennt, dass Bowies Leben ein „gnadenloses Spiel“ gewesen sei.

„533 Tage“ von Cees Nooteboom ist kein Tagebuch, man findet dort keine intimen „Seelenregungen und Gewissenserforschung“. Stattdessen kluge Reflexionen und interessante Beobachtungen eines bedeutenden Schriftstellers unserer Tage zwischen irdischer Zeit und literarischer Zeit, Garten und Weltraum. Gerade für Verehrer des Werks von Nooteboom sind die Verweise auf seine Bücher und die ihn prägenden Autoren ein Genuss, wie natürlich auch die ernste Leichtigkeit, mit der er Politik und Poesie, Musik und Menschen, religiöse Traditionen und Tiere miteinander verwebt. In Nootebooms Garten kann man sich wohlfühlen und die Welt in erträglicher Dosis bestaunen.

Cees Nooteboom: 533 Tage. Berichte von der Insel. Suhrkamp, 2016, 255 Seiten, ISBN 3-518-42556-5, EUR 22,–

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