Mystiker und Realist

Als Johannes Paul II. starb, schaute die ganze Welt nach Rom – Millionen trauerten, verbunden in Bewunderung und Dankbarkeit. Von Guido Horst
Der Pontifex besuchte Ali Agca im Gefängnis und verzieh ihm.
Foto: dpa | Das Attentat durch Ali Agca bedeutete einen tiefen Einschnitt im Pontifikat. Die Hintergründe des Anschlags sind bis heute ungeklärt. Der Pontifex besuchte Ali Agca im Gefängnis und verzieh ihm.
Der Pontifex besuchte Ali Agca im Gefängnis und verzieh ihm.
Foto: dpa | Das Attentat durch Ali Agca bedeutete einen tiefen Einschnitt im Pontifikat. Die Hintergründe des Anschlags sind bis heute ungeklärt. Der Pontifex besuchte Ali Agca im Gefängnis und verzieh ihm.

Wer sich in diesen Tagen in die nicht abreißende Reihe der Wartenden stellt, die im Petersdom von dem aufgebahrten Papst Abschied nehmen wollen, hat Zeit genug, die Jahre mit Johannes Paul II. in Gedanken nochmals an sich vorbeilaufen zu lassen. Bewunderung und Dankbarkeit rufen diese Erinnerungen wach, auch ein wenig Stolz. Aber es genügt ein Blick auf die Fenster der Privaträume des Papstes, an denen sich Johannes Paul II. nie wieder zeigen wird, oder auf die Altarinsel vor der Fassade der Basilika, wo er so oft die Messe gefeiert hat, um wieder von Trauer ergriffen zu werden – einer Trauer, die zurzeit Millionen von Menschen verbindet.

Noch stehen jedem die Bilder des leidenden Papstes vor Augen, seine Qualen bei den letzten öffentlichen Auftritten, die Unfähigkeit zu sprechen. Und in den Ohren vieler klingt noch die versagende Stimme, die am Ende in ein Röcheln überging. Aber bald schon wird sich wieder das Bild des Polen Karol Wojtyla durchsetzen, dessen Pontifikat als eines der Bedeutendsten der Neuzeit angesehen werden darf. Das Bild des ersten Slawen auf dem Stuhl des Bischofs von Rom, den er dann auch gleich 26 Jahre und fast sechs Monate inne hatte. In der zweitausendjährigen Geschichte der Kirche dauerte nur ein Pontifikat länger, das von Pius IX., der zwischen 1846 und 1878 insgesamt 31 Jahre und sieben Monate das Papstamt führte. Selbst der heilige Petrus soll sich „nur“ 25 Jahre in Rom selber aufgehalten haben. Und das Bild des nicht rastenden Kirchenführers, den seine Mission auf 104 Reisen in 129 Länder der Erde führte.

Vor einem Vierteljahrhundert war es Deutschland, das zum ersten Mal den Papst aus dem Osten vor heimischer Kulisse erleben konnte. Helmut Kohl war noch Oppositionsführer in Bonn und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz hieß Kardinal Joseph Höffner. Es war die gemütliche „Bonner Republik“, der Johannes Paul II. seinen ersten Besuch abstattete, aber auch das Land, das im Osten mit Mauer, Stacheldraht und Selbstschussanlagen endete. Im Vorfeld der Ankunft des Papstes am 15. November 1980 auf dem Flughafen Köln-Wahn hatten viele Kommentare nochmals daran erinnert, wer da vor zwei Jahren an die Spitze der katholischen Kirche gewählt worden war: Am 18. Mai 1920 in einfachen Verhältnissen in der Kleinstadt Wadowice in der Nähe von Auschwitz geboren, nach dem frühen Verlust beider Eltern in einem Untergrundseminar ausgebildet und 1946 zum Priester geweiht, wurde Karol Wojtyla 1964 Erzbischof von Krakau, 1967 dann Kardinal. Ein Mann, der den Kommunismus nicht nur zutiefst ablehnte, sondern auch bestens kannte. Die Rolle, die Johannes Paul II. in der welthistorischen Auseinandersetzung mit dem real existierenden Sozialismus spielen sollte, war 1980 noch nicht absehbar. Aber in seiner Heimat Polen, die Johannes Paul II. vom 2. bis 10. Juni 1979 erstmals wieder besucht hatte, war schon deutlich geworden, dass der neue Papst die Auseinandersetzung mit der kommunistischen Ideologie suchte. Er wurde später zum geistigen Vater der polnischen Solidarnocz-Bewegung. In Deutschland jedoch sprach der Papst das Thema Kommunismus nicht öffentlich an.

Wie ein persönlicher Triumphzug waren die ersten Auslandsreisen Johannes Pauls II. nach Mexiko, Polen, Irland oder Brasilien gewesen, und der Eindruck, den er in Köln, Bonn, Osnabrück, Mainz, Fulda, Altötting und München erweckte, war einfach der der Souveränität und Stärke. Er argumentierte. Jede seiner großen Ansprachen war einer bestimmten Fragestellung gewidmet: Um Ehe und Familie sowie um Glaube und Wissenschaft ging es in Köln, um die Welt der Arbeit und die Ökumene in Mainz, um Kunst und Kultur in München.

Der Papst verdammte und verurteilte nicht, sondern lenkte zunächst stets die Aufmerksamkeit auf Erreichtes und Geleis-tetes. Er dankte und sprach Anerkennung aus, um dann für die Haltung der katholischen Kirche zu werben. „Man kann nicht nur“, so unterstrich er in Köln den Wert der kirchlichen Ehemoral, „auf Probe leben, man kann nicht nur auf Probe sterben. Man kann nicht nur auf Probe lieben, nur auf Probe und Zeit einen Menschen annehmen.“ Diese Sätze kamen an. Auch bei der Jugend. Es sollte ein herausragendes Kennzeichen des Pontifikats von Karol Wojtyla werden, besonders die Herzen junger Menschen zu erreichen.

Es kam der 13. Mai 1981. Die Schüsse auf dem Petersplatz, abgefeuert von dem türkischen Profi-Killer Ali Agca. Sie sollten zu einem wirklichen Einschnitt in der Amtszeit Johannes Pauls II. werden. Sie haben ihm Verletzungen zugefügt, von denen er sich nie wieder richtig erholt hat. Eine Begegnung Ostern 1982 in der Audienzhalle in Rom: Der Papst zog ein Bein leicht nach, er hinkte. Er war nicht mehr der, der anderthalb Jahre zuvor auf der Theresienwiese in München mit kraftvollen Schritten die Altarinsel durchmessen hatte. Beim Blick zurück auf dieses 26-jährige Pontifikat wirkt das Attentat auf dem Petersplatz wie der Wendepunkt, mit dem der Leidensweg des polnischen Papstes begann.

Man weiß bis heute nicht, wer den feigen Anschlag warum in Auftrag gab. Man weiß, dass Ali Agca ein Profi-Killer war, der sein Opfer aus der geringen Entfernung eigentlich hätte tödlich verwunden müssen. Ob er das nicht wollte? War nur eine Verwundung, eine Warnung, das eigentliche Ziel?

Johannes Paul II. gibt selber eine andere Antwort: In seinem letzten Buch „Erinnerung und Identität“ berichtet der Papst auch von seiner Unterredung mit dem Attentäter 1983 im Gefängnis. Der Papst erinnert sich: „Während des ganzen Gesprächs wurde deutlich, dass Ali Agca sich immer noch fragte, wie es nur möglich war, dass ihm das Attentat nicht gelungen war... Wie konnte das nur geschehen sein? Das Interessante ist, dass diese Unruhe ihn auf die religiöse Frage gebracht hatte. Er fragte sich, was es eigentlich mit diesem Geheimnis von Fatima auf sich habe, worin dieses Geheimnis wohl bestehe... Möglicherweise hatte Ali Agca intuitiv erfasst, dass es über seiner Macht, jenseits der Macht, zu schießen und zu töten, eine höhere Kraft gab. Und da hatte er begonnen, sie zu suchen. Mein Wunsch ist, dass er sie gefunden hat.“ Der Papst selber war sich immer sicher, diese Kraft zu kennen. „Es war“, so meint er im selben Buch, „als hätte ,jemand' diese Kugel geleitet und umgeleitet...“. Und dieser Jemand war für ihn sie, der er die Kugel, die tödlich sein sollte und es dennoch nicht war, später in die Krone setzen ließ: die Muttergottes von Fatima.

Johannes Paul II. war ein Mystiker, und er war auch Realist. Schon als Erzbischof und Kardinal wusste er, einer der aktiven Mitwirkenden beim Zweiten Vatikanischen Konzil, in welchem Zustand sich die Kirche befindet.

Mit dem Konzil war in der katholischen Welt vieles in Bewegung geraten. In Lateinamerika hatte eine „Theologie der Befreiung“ – die im Grunde gar keine Theologie war – Impulse des Marxismus und Sozialismus aufgenommen. In Asien drangen Synkretismus und Religionsvermischung in die Kirche ein. Im Westen hatten Liberalismus und Materialismus das katholische Christentum geschwächt. Und in Afrika herrschte vielerorts einfach Chaos. Wie bei einem sich immer schneller drehenden Wagenrad nahmen am äußeren Rand der Kirche die zentrifugalen Kräfte zu. Eine starke Achse musste nun umso mehr dafür sorgen, dass das Rad dennoch einen sicheren Lauf behält. Johannes Paul II. sah die römische Kirchenführung als jene Achse, die jetzt besonders gefordert war, und sich selbst als obersten Hirten, der seine Herde zusammenhalten muss. Karol Wojtyla war noch kein halbes Jahr im Amt, da begann er schon, als „eiliger Vater“ die Welt zu umrunden.

Die Überarbeitung des Kirchenrechts, die zur Veröffentlichung des „Codex Iuris Canonici“ von 1983 führte, die Erarbeitung eines Weltkatechismus der katholischen Kirche, den Johannes Paul II. 1992 im Vatikan vorstellte, das System der Bischofssynoden, die regelmäßig zu regionalen oder inhaltlichen Themen in Rom zusammenkamen, die Ad-limina-Besuche der Episkopate aller Länder, die römischen Instruktionen und Schreiben, die zu schwerwiegenden Fragen erschienen – wie etwa die beiden klärenden Texte der Glaubenskongregation zur „Theologie der Befreiung“ – und schließlich die vierzehn Enzykliken des Papstes: Alles das waren Instrumente, mit denen Johannes Paul II. dem schnell rotierenden Rad der Kirche ein kräftiges Zent-rum geben wollte. Unverkennbar, dass der deutsche Theologe und Kardinal Joseph Ratzinger dabei einer seiner wichtigsten Mitarbeiter war. Aber der Papst tat noch mehr. Er suchte die Ortskirchen auf, weil ihn allein schon die Erfahrung mit dem Kommunismus lehrte, dass schriftliche Direktiven aus der Zentrale nicht das ersetzen können, was Menschen auch brauchen: eine Identifikationsfigur. Und genau das ist Johannes Paul II. in den zweieinhalb Jahrzehnten als Papst geworden.

Die Öffentlichkeit hat meistens die politischen, auch die interreligiösen Äußerungen und Akte Johannes Pauls II. stärker wahrgenommen als seinen nur der Kirche gewidmeten Petrusdienst: das vehemente Eintreten gegen jede Form der Gewalt, vor allem gegen die beiden Kriege am Golf, die Annäherung an das Judentum, die Aussöhnung mit Israel oder den schwierigen Dialog mit dem Islam. Das ist verständlich und findet gerade in diesen Tagen wieder in allen Medien seinen Niederschlag.

Denn Johannes Paul II. hat direkt zu Beginn seines Pontifikats eine Art „Grundsatzentscheidung“ getroffen. Er hat sich nicht zum „ersten Mann“ der Römischen Kurie gemacht – wie das etwa Pius XII. sicher war. Von Anfang an hat er die katholische Kirche nicht mit einer „Behörde“ geführt. Auch hat er sich nicht hinter Akten zurückgezogen und mit wenigen ausgewählten Reisen – so wie Paul VI. – hier und dort einen Schwerpunkt gesetzt. Johannes Paul II. hat die Römische Kurie arbeiten lassen, ist aber nicht in sie hineingewachsen. Stattdessen hat er von Anfang an sich selbst, seine Person und das Gewicht des Petrusamtes in die Waagschale geworfen. Eine Intuition vielleicht. Aber die Geschichte seines Pontifikats hat ihm Recht gegeben. In der Mediengesellschaft von heute und in einer globalisierten Welt müssen Personen verkörpern, was sie verkündigen wollen. Sicherlich hätte der Päpstliche Rat für die religiösen Beziehungen zum Judentum im Heiligen Jahr 2000 eine wohl durchdachte und feierliche Erklärung zum Verhältnis von Christen und Juden abgeben können. Aber der demütige Gang des Papstes zur Klagemauer in Jerusalem – das schlug wirklich ein.

So kam es, dass Johannes Paul II. vor den „Augen der Welt“, aber auch vielen Christen als ein großer religiöser Führer erschien, als ein Prophet, eine moralische Autorität oder ein zweiter Moses, der das Volk aller Menschen guten Willens in die von ihm so oft beschworene „Kultur des Lebens“ führen will. Nicht aber mehr als Papst, der als Bischof von Rom gleichzeitig Patriarch des lateinischen Westens ist. Zutreffend daran ist, dass Johannes Paul II. die Römische Kurie weitgehend eigenständig arbeiten ließ und sich die Sorgen der gesamten Welt und aller Menschen in Not zu Eigen machte. In den vergangenen Jahren und erst recht in den vergangenen Monaten hat sich das bezahlt gemacht. Während Krankheit und Alter das Wirken des Papstes immer mehr einschränkte, arbeitete die Kurie in Rom wie ein geöltes Räderwerk weiter. Neben dem Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger, wurde Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano zur zweiten Stütze, auf die sich Johannes Paul II. bedenkenlos stützen konnte.

Auch für den Vatikan war das Pontifikat Karol Wojtylas wie eine Epoche. Seit Samstag ist sie beendet. Die römische Kirchenführung steht vor einem Neuanfang.

Der Beitrag erschien in der „Tagespost“ vom 5. April 2005

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