Mission ist keine Einbahnstraße

Die Kongregation der Missionare von Mariannhill feiert ihr hundertjähriges Bestehen – Ein Gespräch mit Pater Hubert Wendl CMM, Provinzial der deutschen Provinz

Wie verstehen Sie, die Mariannhiller, ihre missionarische Aufgabe?

Die Kongregation der Missionare von Mariannhill ist eine moderne Missionsgemeinschaft. Sie trägt ihren Namen nach der ehemaligen Trappistenabtei Mariannhill (Maria-Anna-Hügel) in Südafrika. Dieses Kloster wurde 1882 vom Trappistenpater Franz Pfanner aus Vorarlberg gegründet. Es wuchs bald zum weltweit größten Trappistenkloster heran. 1895 wurde der Gründer des Klosters zum Abt geweiht. Rings um das Kloster Mariannhill errichteten die Mönche Außenstationen, Schulen, Ausbildungsstätten und Krankenhäuser. Bald folgten Niederlassungen auch in anderen afrikanischen Ländern wie etwa im damaligen Südrhodesien (Simbabwe) und in Ostafrika. Die erfolgreiche Missionsarbeit Mariannhills ließ sich aber auf Dauer mit dem beschaulichen und zurückgezogenen Ideal der Trappisten nicht vereinbaren. Papst Pius X. trennte daher am 2. Februar 1909 das Kloster Mariannhill aus dem Ordensverband der Trappisten und gab so den Weg frei zur Gründung der Kongregation der Missionare von Mariannhill. Abt Franz Pfanner starb wenig später, am 24. Mai 1909 auf der Missionsstation Emmaus in Südafrika. Aus diesem Grund können wir Missionare von Mariannhill in diesem Jahr auf ein 100-jähriges Jubiläumsjahr zurückschauen. Die Missionstätigkeit hat sich in diesen Jahren gewandelt. Das Zweite Vatikanische Konzil hat den gegenseitigen Respekt bei der Mission betont. Es geht darum, den Armen die Frohe Botschaft zu verkünden, es geht um die Solidarität mit den Armen und Unterdrückten. So nehmen wir heute in besonderer Weise Anteil an dieser missionarischen Sendung der Kirche und betrachten es als unseren Auftrag, an der Verkündigung des Evangeliums mitzuwirken, bei der Gründung und beim Aufbau von Ortskirchen zu helfen, bei den Gläubigen das Verantwortungsbewusstsein für die Gesamtkirche wachzuhalten und zu vertiefen und die missionarische Arbeit geistig und materiell zu unterstützen.

Wie wirkt sich dieses konkret in Ihrer Mission aus und welche Erfahrungen machen Sie?

Abt Franz Pfanner und viele Missionare in den Anfangsjahren antworteten prophetisch mit Vision und Vitalität auf die Ungerechtigkeiten ihrer Zeit zum Wohl der Menschen, denen sie predigten. Das Streben nach „besseren Feldern, besseren Häusern, besseren Herzen“, wie es ein Motto von P. Bernhard Huss – ein früher Sozialreformer unserer Gemeinschaft – ausdrückte, steht als Beispiel für das Mariannhiller Erbe, mit Menschen in Solidarität und Freundschaft zusammenzuwirken und menschliche Würde, Entwicklung durch Erziehung, Unterricht und soliden sozialen Strukturen aufrecht zu erhalten und zu fördern. Unsere Mitbrüder in den Ländern der Mission stellen sich den dortigen Herausforderungen, die sich vielfach in den Jahren geändert haben. Neben den vielfältigen pastoralen Aufgaben stehen die Menschen im Vordergrund. In Südafrika ist die Bekämpfung der Armut eine wichtige Aufgabe geworden. In Simbabwe ist vor allem das Aushalten der Mitbrüder, afrikanische und europäische, ein großes Zeichen für die Bevölkerung. In den schlechten Zeiten und in der Not fühlen sie sich deshalb bei und mit ihnen geborgen. Straßenkindern und Jugendlichen wieder einen Halt zu geben und einen Lebenssinn aufzuzeigen, ist in vielen Ländern, in denen wir tätig sind, nicht mehr nur eine Nebenaufgabe geworden. Die Sorge für Kranke, und hier in besonderer Weise für Aidskranke und Aidswaisen, wird in vielen Ländern von den Behörden vernachlässigt. Vielfach sind es nur die Kirchen, die in den Pfarreien und Instituten hier für die Menschen da sind und Hilfe anbieten.

Wie beurteilen Sie das Zusammenwirken von Missionaren und Einheimischen?

In vielen kleinen und großen Projekten versuchen wir, die Menschen ernst zu nehmen und mit ihnen zusammen Probleme anzugehen. In vielen Krankenhäusern, Schulen und Ausbildungsstätten arbeiten wir zusammen mit den Menschen für diejenigen, die diese Unterstützung benötigen. Dabei sind Projekte heute auch darauf angelegt, dass die Menschen ermuntert werden, selbst tätig zu werden und dadurch ihr Leben zu meistern. Gemeinsam werden auch die Aufgaben der Pfarreien gemeistert, vor allem dann, wenn kleine christliche Gemeinschaften in den vielen kleinen Außenstationen die Pastoral und die Sorge für die Menschen lebendig halten. Bei Besuchen in afrikanischen Pfarreien habe ich immer wieder erfahren, wie wichtig dies den Menschen ist. Sie nehmen aktiv Anteil und halten so ihren Glauben lebendig, ob es nun um das Mitdenken beim Kirchenbau oder beim Betrieb eines Brunnens ist, der auf Pfarreigrund steht. Durch das Geld einer Erbschaft konnten wir in dieser Pfarrei den Brunnen anlegen. Der Pfarrgemeinderat hat beschlossen, dass die Bewohner der Siedlung sich hier sauberes Trinkwasser umsonst abholen können. In vielen Arbeitsgebieten sind bereits Missionarinnen und Missionare gemeinsam tätig. Solche gemeinsamen Projekte werden in Zukunft immer wichtiger werden. Vielleicht wird es auch gelingen, dass nicht nur die Orden miteinander kooperieren, sondern die Orden mit anderen kirchlichen Gruppen, die sich derselben Aufgabe widmen, gemeinsame Unternehmungen beginnen. Vor allem aber ist es notwendig, dass die Laien vor Ort in diese Aufgaben eingebunden werden und diese Tätigkeiten dann auch fortführen können.

Europäer vermuten in Entwicklungsländern mehr Ordensnachwuchs als hier. Wie sieht die „Berufungssituation“ in Ihrem Orden aus, besonders in den Entwicklungsländern?

Unsere Kongregation wächst vor allem in den südlichen Provinzen, also bei uns in Afrika oder in Papua Neuguinea. Diese christlichen Gemeinden sind oft sehr vital und sie tragen so auch die Sorgen um die Zukunft der Kirche mit. Der soziale Hintergrund ist in diesen Ländern vielfach anders als bei uns und der Eintritt in einen Orden oder in ein Priesterseminar wird auch noch – zumindest manchmal – als sozialer Aufstieg verstanden. Die Ausbildung dieser jungen Menschen in den Noviziaten und Studienhäusern ist eine besonders wichtige Aufgabe für die Orden und Diözesen geworden. Aber auch in unserer Deutschen Provinz gibt es immer wieder junge Menschen, die unser Leben teilen wollen. Mission ist keine Einbahnstraße, sondern ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Verstärkt arbeiten wir auf international besetzte Gemeinschaften hin, nicht nur in den traditionellen Missionsgebieten, sondern auch hier bei uns. Wenn immer wieder betont wird, dass Deutschland mehr und mehr ein Missionsland wird, so wird es für uns als eine missionarische Gemeinschaft immer wichtiger werden, auch darauf eine Antwort zu finden. Wir können so zeigen, dass die Kirche ein weltweites Gesicht hat. Die ausländischen Priester, die in den Pfarreien Deutschlands arbeiten und die ausländischen Ordensleute, die immer mehr hier bei uns Tätigkeiten übernehmen, zeigen uns bereits dieses Gesicht der Kirche.

Halten Sie die Hilfe von Europa für effizient? Oder fallen Ihnen in diesem Kontext Sachverhalte auf, die Ihnen wichtig sind, in den Medien jedoch nicht erwähnt werden?

Die Heimatprovinzen sahen es von Anfang an als ihre Aufgabe an, die Mission zu unterstützen. Viele Projekte und Aufgaben konnten und können nur in Angriff genommen werden, weil viele Freunde und Wohltäter da sind, die die Missionsaufgabe auch finanziell unterstützen. Viele Kirchen, Schulen, Krankenhäuser und Hilfsprojekte können nur mit einer solchen Hilfe gestartet werden. Gerade dann, wenn lebendige Gemeindemitglieder hinter den Projekten stehen, dann werden diese auch weitergeführt oder der nötige Unterhalt für Einrichtungen durchgeführt.

Vor allem Krankenhäuser und Waisenhäuser, die vielfach von Schwestern betreut werden, sind auf finanzielle Unterstützung angewiesen, da sie oft keinerlei staatliche Hilfe erhalten. Das Krankenhaus St. Mary's in Mariannhill ist das einzige unabhängige katholische Krankenhaus in Südafrika, aber dadurch auf Spenden angewiesen. Gerade in diesen Krankenhäusern werden aber auch die Versorgung von Aidskranken und viele Projekte in Gang gebracht, sodass gerade den Menschen geholfen wird, die sonst keine Hilfe mehr haben.

In Kenia habe ich einen afrikanischen Mitbruder besucht, der gerade mit den Gläubigen seiner Pfarrei eine neue Kirche baut, weil die alte Kirche wirklich zu klein geworden ist. Die Leute tragen all das zusammen, was sie selbst leisten können. Da kommt eine Ladung Steine und jemand anders konnte Sand oder Zement beisteuern. Alle zusammen kommen regelmäßig am Samstag zusammen, um weiterzubauen. Natürlich steckt viel Geld für Material von vielen deutschen Spendern in diesem Kirchenbau und die Gläubigen wissen sehr wohl darum und sind auch sehr dankbar, aber man spürt, dass sie alle hinter dem großen Vorhaben dieser Kirche stehen. Mit einfachen Mitteln, ohne jede Maschine, da bis jetzt die Stromversorgung noch nicht so weit vorangekommen ist, wächst die Kirche ständig – langsam aber stetig. Man spürt, dass der Ort der Kirche ihr Anliegen ist, dass diese Kirche ihre Kirche ist, an der sie mitbauen. Und mit dem Bau der Kirche wird auch die Gemeinde zusammengefügt, kommt ein großen Zusammenhalt zustande, der auch nach außen spürbar ist. Die neue Pfarrei wird ein großartiges geistliches Zentrum werden, da ein Kindergarten, eine Schule und ein Waisenhaus in direkter Nachbarschaft entstehen.

In Selbsthilfezentrum Jabulani in Südafrika arbeiten 150 Frauen und einige Männer aus den umliegenden Townships. Sie bekommen die Möglichkeit, für ein kleines Entgelt zu arbeiten, eine finanzielle Unterstützung, um ihre Familie zu ernähren und ihren Kinder eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Aber die Leute finden in Jabulani nicht nur finanziellen Rückhalt, sondern vor allem eine soziale Stütze, einen Halt, ein Zuhause! Sie nehmen ihr Leben selbst in die Hand, überlassen es nicht ihrem Schicksal! Die Frauen lernen Verantwortung zu übernehmen, ihre Persönlichkeit zu entwickeln und ihre Ideen und Meinungen in ihre Tätigkeiten einzubringen. Die Würde der Menschen wird hier wieder hergestellt. Die Kinder der Frauen bekommen in Jabulani regelmäßig Mahlzeiten und ein sicheren Platz zum spielen. Das kleine Zentrum sorgt so dafür, dass gut tausend Kinder eine Schulausbildung erhalten. Nicht umsonst heißt „Jabulani“ in Zulu „Freut Euch“.

Jabulani ist das Produkt aller Menschen, die über die vielen Jahre in und für Jabulani gearbeitet haben, der Schwestern und Brüder von Mariannhill, der lokalen Gemeinschaft der umliegenden Townships, Spender und Freunde in Südafrika und in Europa. Leute aller Farben helfen, eine bessere Zukunft für viele Menschen hier zu gestalten. Jabulani besitzt heute den Charakter eines kleinen „afrikanischen Dorfes“, wo Menschen arbeiten, Kinder spielen und lernen, wo sich kulturelle Traditionen treffen, wo Menschen hinkommen können, um Freude am Leben zu haben. Hier ist ein Neuanfang immer wieder möglich.

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