Wo die Engel rasteten

Auf seiner 100. Auslandsreise besuchte Papst Johannes Paul II. auch Trsat, den ältesten Marienwallfahrtsort Kroatiens. Von Stephan Baier

Eine geradezu kindliche Anhänglichkeit an die Gottesmutter zeichnet viele katholische Völker Europas aus, auch die Kroaten. Der um 1600 in Graz geborene und in Kroatien wirkende Pauliner-Mönch, Historiker und Philosoph Andrija Eggerer meinte deshalb einst, Kroatien sei „wahrlich ein Marienreich“. Daran hat sich auch heute wenig geändert: Das Gnadenbild „Unserer Lieben Frau vom Steinernen Tor“ in der Hauptstadt Zagreb, das Nationalheiligtum Marija Bistrica und der hoch über dem Meer gelegene Wallfahrtsort Trsat am Rande der Hafenstadt Rijeka ziehen nicht nur zu den Marienfesten die Pilgermassen an. Die Verehrung der Gottesmutter als „Advocata Croatiae“ und „Königin der Kroaten“ ist im ganzen Land überaus lebendig und spiegelt sich in den zahllosen Kirchen und Kathedralen, die Maria geweiht sind.

Mit Papst Johannes Paul II. verband die Kroaten nicht nur die Liebe zur Gottesmutter: Der Papst aus Polen setzte sich lange vor den westlichen Politikern für die Anerkennung der Unabhängigkeit Kroatiens ein und sorgte dafür, dass der Heilige Stuhl das Land 1991 noch vor den Staaten Europas als souverän anerkannte. Dass der Papst Kroatien 1994, also in der Zeit teilweiser Okkupation durch serbische Truppen und Freischärler besuchte, dass er den Bekenner-Kardinal Stepinac seligsprach und seine hundertste Auslandsreise ebenfalls Kroatien widmete, trug zur immensen Popularität Johannes Pauls II. in dem mitteleuropäisch-mediterranen Land bei. Kein Wunder, dass seine dritte Kroatien-Reise im Juni 2003 zu einem Triumphzug geriet, bei dem die Massen ihren Papst frenetisch feierten. Bis heute zeugen Statuen von diesem unvergessenen Ereignis, etwa auf der Insel Krk, wo Johannes Paul II. von Rom kommend landete, und seit 2008 auch vor der Kirche von Trsat. Diese überlebensgroße Büste des betenden Papstes zeigt einen von Krankheit gezeichneten Johannes Paul, ins Gebet in Richtung auf das Gnadenbild versunken. Immer wieder zeugen Blumen von der Verehrung der Pilger für den Papst.

Ebenfalls draußen vor der Kirche von Trsat befindet sich eine Statue von Mutter Teresa, deren Jugend starke kroatische Bezüge aufweist: Immerhin waren es kroatische Jesuiten, die ihre Herz-Jesu-Frömmigkeit in Skopje prägten, und die in der jungen Frau den leidenschaftlichen Entschluss weckten, als Missionarin nach Indien zu gehen. Doch weder der Papst aus Polen noch die Ordensfrau vom südlichen Balkan locken Tag für Tag tausende Pilger – an den Marienfesten mehrere Zehntausend – nach Trsat. Der älteste unter den Marienwallfahrtsorten Kroatiens verdankt seine Popularität weder dem reisefreudigen Papst noch der weitgereisten Mutter Teresa von Kalkutta, sondern einer Reise der Engel.

Hier soll das Haus Mariens „zwischengelandet“ sein

Die fromme Verehrung will wissen, dass Engel einst das Haus Mariens aus Nazareth retteten, als das Heilige Land vollständig in muslimische Hand geriet. Im Mai 1291 machten sie, wie man heute wohl sagen müsste, Zwischenlandung auf dem Berg Trsat, den die Italiener Tersatto nennen. So jedenfalls schildert es eine Chronik aus dem 15. Jahrhundert. Etwa dreieinhalb Jahre lang soll das Haus, in dem sich die Begegnung des Erzengels Gabriel mit Maria in Nazareth einst zutrug, hier in Trsat gewesen sein. Für Dezember 1294 gibt es das erste schriftliche Zeugnis seiner Anwesenheit im italienischen Loreto bei Ancona. Profaner gestimmte Historiker erklären, dass Mariens Haus bereits zu Zeiten der Apostel in ein Gotteshaus umgewandelt worden sei, von den Mameluken jedoch zerstört und von den Kreuzfahrern wieder aufgebaut wurde. Als diese nach dem Fall von Akkon das Heilige Land endgültig verlassen mussten, trugen sie das Haus Mariens ab, um die Steine wie Reliquien mitzunehmen.

Um die Kroaten über den Verlust des von den Engeln weitergetragenen Hauses Mariens hinwegzutrösten, sandte Papst Urban V. eigens einen franziskanischen Legaten, um Trsat ein Gnadenbild zu überbringen: die Mutter der Gnade. Die fürstliche Familie Frankopan errichtete hierfür eine Kirche und ein Franziskaner-Kloster. Beide wuchsen in der Folgezeit mit der Verehrung und dem Besuch der Pilger.

Heute zeigt die Schatzkammer eine Überfülle schlichter und prächtiger, einfacher und aufwändiger Votivgaben, die von der Dankbarkeit der Gläubigen zeugen. Da finden sich Fatimastatuen und Bilder mit Meereslandschaft, zahlreiche Krücken von wundersam Geheilten, Kindergemälde, die für einen glimpflich verlaufenen Unfall danken. Vor der Votivkirche zünden junge Paare, Familien, Kinder und Greise ihre Kerzen an und verharren still im Gebet. Der Souvenirshop stört die monastische Stille des Kreuzgangs kaum. Am Hochfest Mariae Himmelfahrt oder an Mariae Geburt, während die Touristen ahnungslos drunten in der Adria plantschen, drängen sich hier festlich gewandet die frommen Massen, und man kann vereinzelt auch italienische und slowenische Stimmen heraushören. An solchen Feiertagen reicht der Platz in Kirche und Kreuzgang nicht. Dann finden die Gottesdienste im Freien vor der Kirche statt. In bester Gesellschaft, nämlich bei den Standbildern zweier großer Heiliger des 20. Jahrhunderts: von Mutter Teresa und Johannes Paul II.