Stille in der Großstadt

Wie ein Refugium vor der Hektik des Alltags erwartet die Berliner Rosenkranzbasilika ihre Besucher. Das vielfältige Gemeindeleben zeigt, dass sie „Ort gelebten Glaubens“ ist. Von Katrin Krips-Schmidt

Rosenkranz-Basilika, Berlin-Steglitz
Der Innenraum der Kirche beeindruckt mit seiner Harmonie und den byzantinisch wirkenden Fresken, die den Rosenkranz thematisieren. Foto: Ansgar Koreng
Rosenkranz-Basilika, Berlin-Steglitz
Der Innenraum der Kirche beeindruckt mit seiner Harmonie und den byzantinisch wirkenden Fresken, die den Rosenkranz them... Foto: Ansgar Koreng

Von der Grellheit des ruhelosen großstädtischen Lebens ins gedämpfte Licht der Stille: Wer die schwere Pforte der Rosenkranzbasilika im Berliner Bezirk Steglitz hinter sich lässt, um den Innenraum der ganztägig geöffneten Kirche zu betreten, verlässt die „Welt“ da draußen, um dem Lärm der Stadt zu entkommen und sich hier ganz Gott und dem Gebet zu öffnen. Nur 75 Meter entfernt von der großen Einkaufszeile Schlossstraße im Südwesten der Hauptstadt, und von den vorbeieilenden Passanten kaum wahrgenommen, erhebt sich das Backsteingebäude in eine Höhe von etwa 40 Metern. Wer hier zum ersten Mal eintritt, ist erstaunt über das Innere: trotz der relativen Dunkelheit, die hier herrscht, erblickt der Besucher riesige bunte Fresken an Wänden und Decken mit biblischen Szenen, ein schmuckreicher Hochaltar erhebt sich an der Nordseite der Basilika. Die Kirche wurde im neoromanischen Stil Ende des 19. Jahrhunderts erbaut, im November 1900 erfolgte die Weihe. Ganz bewusst wurde die Basilika bei der Namensgebung mit dem Rosenkranz in Verbindung gebracht. Oder vielmehr mit Maria, der Rosenkranzkönigin – offiziell heißt sie auch heute noch so. Der Name ist Programm: Der Innenraum wurde vom renommierten Kirchenbaumeister Christoph Hehl als Gesamtkunstwerk gestaltet. Wie eine Symphonie konzipiert, bei der alles stimmig und harmonisch zusammengefügt ist, hatte Hehl in seinen Bauplan bereits die Innenausstattung mit einbezogen. Von außen an eine spätromanische Kirche der Mark Brandenburg erinnernd, entfalten sich die Wand- und Deckengemälde in einem byzantisierenden Stil. Das Bildprogramm, künstlerisch durch den – von der nazarenischen Kunst inspirierten – Maler Friedrich Stummel ausgeführt, widmet sich Maria und den fünfzehn Rosenkranzgeheimnissen.

Der Geist der äußeren Form schlägt sich auch in den Gottesdiensten und Andachten nieder. Täglich wird hier vor der Abendmesse der Rosenkranz gebetet (zusätzlich jeden Dienstagnachmittag auch der Barmherzigkeitsrosenkranz), jeden Donnerstag findet eine Eucharistische Anbetung statt, die Maiandachten reflektieren den Glanz festlich gefeierter Andachtsformen, die sich der Muttergottes widmen. Hinzu kommt monatlich die Feier des Herz-Jesu-Freitags und des Herz-Mariä-Sühnesamstags zum Fatima-Gedenken, an dem sich mindestens hundert Menschen aus der ganzen Stadt versammeln. Dennoch ist die Rosenkranzbasilika keine Wallfahrtskirche im eigentlichen Sinn. Sie ist aber, wie Kaplan Krystian Gwizdala, der den Gemeindepfarrer Andrej Nikolai Descyk tatkräftig unterstützt, betont, „ein Ort lebendigen Glaubens“.

Mit zur „Vielfalt“ der Kirchgänger trägt eine bunte Mischung bei: Gläubige aus aller Herren Länder, ob in Berlin ansässig oder von außerhalb, aber auch Suchende und kulturell Interessierte besuchen die Basilika. Vor allem die Tamilen, die regelmäßig hierherkommen, fühlen sich angesprochen von den Wand- und Deckenfresken und den Werken der plastischen Bildnerei in der Kirche. Insbesondere die Antonius-Statue ist ein beliebter Anziehungspunkt: Für sie würde man beim Kunsthändler nur 100 Euro bekommen, sagt Gwizdala, „aber sie ist die Figur, die am meisten ,bebetet‘ wird“. Viele brennende Kerzen und von den Betern dargebrachte „Opfergaben“, wie Salz und Pfeffer, belegen die hohe Wertschätzung für den Heiligen und die innere Beziehung der Gläubigen zu den Kultgegenständen in der Basilika allgemein. Man sehe zuweilen auch, wie Gläubige sich auf Knien durch den Kirchenraum bewegen und den Rosenkranz beten. Ausgerechnet hier im Norden der Republik mag eine solch gelebte Volksfrömmigkeit überraschen, gilt doch Berlin in den Augen west- und süddeutscher Gläubiger als besonders gottesfern und säkular, ja, als „Hauptstadt der Sünde“ und geradezu als Inbegriff babylonischer Zustände. Dennoch sollte nicht vergessen werden, dass die Bundeshauptstadt die drittgrößte katholische Gemeinde – nach München und Köln – beherbergt. Hier leben immerhin mehr als 330 000 Katholiken – Tendenz steigend. Dennoch war Berlin immer auch von seiner Diasporasituation geprägt. Heute wird der Berliner Katholizismus vor allem auch durch die Weltkirche inspiriert: „Wir leben von den Polen, wir leben von den Kroaten, wir leben von den Asiaten, wir leben von den Afrikanern. Das ist die Lebendigkeit der Weltkirche, die sich hier widerspiegelt“, sagt Gwizdala.

Neben die Vielfalt der Herkunft der Besucher tritt noch die Vielfalt in den unterschiedlichen Gruppen der Rosenkranz-Gemeinde hinzu – diese spiegelten, wie Kaplan Gwizdala bemerkt, „alle kirchlichen Haltungen wider“. Dies zeige, dass hier tatsächlich ein Ort gelebten Glaubens entstanden ist, der von einem Miteinander, nicht von einem Gegeneinander geprägt ist. Deutlich werde das auch dadurch, dass hier neben dem Novus Ordo auch der klassische römische Ritus beheimatet ist – Kaplan Gwizdala zelebriert ihn mit Unterstützung von vier bis sechs jugendlichen Ministranten jeden Sonntagabend um 19 Uhr vor mindestens 50 bis 70 Gläubigen. Überraschend ist der hohe Anteil der jungen Leute, die hier zugegen sind; man könnte fast meinen, man hätte sich hier zu einer „Jugendmesse“ versammelt. Das zeigt das weite Spektrum der Gemeinde. Zudem wird die Rosenkranzbasilika nicht nur von den eigenen Pfarrmitgliedern besucht, sondern auch von vielen Menschen aus anderen Gemeinden, weil sie den Kirchenraum, die Kirchenmusik und die Feierlichkeit der insgesamt vier sonntäglichen Gottesdienste, die sonntäglich stattfinden, als Ort einer würdig gefeierten Liturgie schätzen.

Von der Rosenkranzbasilika aus führen regelmäßig Pilgerfahrten zu Marienwallfahrtsorten. Ende April 2019 fährt Kaplan Gwizdala, begleitet von einem Pfarrer aus einem westlichen Stadtbezirk, mit einer Pilgergruppe zu bekannten Wallfahrtsstätten in Polen, nach Krakau und Tschenstochau. Jahre zuvor waren Gemeindemitglieder in Fatima, für das kommende Jahr ist eine große Italienwallfahrt in Planung – nach Manopello, Loreto und San Giovanni Rotondo.