Maria in der Krypta

Im charmanten Städtchen Andlau an der Elsässischen Weinstraße liegt eine der ältesten Marienwallfahrtsstätten der Region. Von Barbara Wenz

Die Statue stammt vermutlich aus dem 15. Jahrhundert. Foto: Fotos: Barbara Wenz

Im Schatten des berühmten Ottilienbergs, den man auch den heiligen Berg des Elsass nennt, liegt das winzige, eher unbekannte Vogesendörfchen Andlau an der elsässischen Weinstraße, eine halbe Stunde Fahrt südwestlich von Straßburg. Vor der smaragdgrünen Kulisse sanft geschwungener Hügel birgt Andlau in seinem Herzen ein ebenso kunsthistorisch wie geistlich bedeutsames Juwel – die Kirche Sankt Peter und Paul mit seiner romanischen Krypta und den Überresten einer ehemaligen Abtei, die von einer Kaiserin gegründet wurde.

Hier trug es sich vor mehr als 1 100 Jahren zu, dass eine Frau namens Richardis auf den Gipfel des benachbarten Ottilienberg stieg, wo man die Angehörigen des edlen Merowingergeschlechtes zu bestatten pflegte, um für ihre Vorfahren zu beten und eine Antwort von Gott auf ihr dringendstes Problem zu erhalten. Als Tochter eines elsässischen Grafen um das Jahr 840 geboren, wurde sie um 860 dem späteren Kaiser Karl III. zur Frau gegeben und zusammen mit ihm in Rom gekrönt. Doch der verstieß sie, verbannte gleichzeitig Bischof Luitgard von seinem Hof und Richardis wurde des Ehebruchs mit ihm angeklagt, so dass sie sich der Feuerprobe unterzog, das heißt, sie ging über glühende Pflugscharen – und bestand. An ein Leben am Hofe war dennoch nicht mehr zu denken.

Zu jener Zeit stieg Richardis also auf den Ottilienberg, um an den Gräbern ihrer Ahnen zu beten. Nicht eher wollte sie von dem Berg wieder heruntersteigen, bis sie Antwort von Gott erhielte. Die Legende berichtet, Richardis habe den Auftrag erhalten, durch ihre Wälder nahe des Berges zu wandern und an der Stelle, an der sie eine Bärin mit ihrem Jungen in der Erde scharren sehe, ein Kloster zu gründen. So kam es zu der Gründung der Abtei am Flüsschen der Andlau um das Jahr 880. Richardis gab ihr den Namen „Eleon“ in Anlehnung an den Ölberg in Jerusalem: Eine Stätte des Leidens wie auch der Auferstehung, an dem nach jüdischer Tradition am Tage des Jüngsten Gerichtes die Toten auferstehen werden. Sie verbrachte den Rest ihrer Tage zurückgezogen im von ihr begründeten Benediktinerinnenstift und starb der Überlieferung nach am 18. September 894.

Es war Papst Leo IX., der im Jahre 1049 die Erhebung ihrer Gebeine veranlasste, während er sich auf der Rückreise von der Mainzer Synode befand und in Andlau Station machte. Doch nicht nur zur Grabstätte der Heiligen pilgerten die Gläubigen. Von Kaiser Karl IV. weiß ein Straßburger Chronist zu berichten, dass er dort die Reliquie des heiligen Lazarus verehren wollte. Sie sei ein Geschenk Leos IV. an Richardis gewesen und wird heute in der beeindruckenden Krypta aus dem 11. Jahrhundert aufbewahrt. Über dieser Krypta erhebt sich die ehemalige Stiftskirche, welche ungefähr zum selben Zeitpunkt erbaut und im 17. Jahrhundert umgestaltet wurde. In der Krypta befindet sich auch das Gnadenbild, eine Statue der Muttergottes mit einem auf ihrem Knie balancierenden, keck dreinschauenden Jesuskind, vermutlich aus dem 15. Jahrhundert.

Vor dem Eintritt in das Kirchenschiff lohnt ein intensiverer Blick auf den Portalvorbau aus dem 12. Jahrhundert mit seinen Skulpturen: David und Goliath, Samson und der Löwe, aber auch die heilige Richardis, wie sie Christus persönlich die Stiftungsurkunde ihrer Abtei übergibt. Ein besonders wichtiges Motiv für die Geschichte des Klosters ist dabei die Schlüsselübergabe durch Jesus an Petrus, den Fels der Kirche, den er mit Binde- und Lösegewalt ausstattete. Außerdem sehen wir die Übergabe der Heiligen Schrift an Paulus, dem der Herr somit die Lehr- und Auslegevollmacht überträgt. Petrus und Paulus – das sind insbesondere die Heiligen, die die Kirche von Rom darstellen – und man findet sie in diesem Fries nicht von ungefähr: Durch sehr geschickte Diplomatie erreichte Richardis, ihr Stift von landesherrlicher und landeskirchlichem Zugriff auf immer frei zu halten, in dem sie erlangte, dass es direkt der Gerichtsbarkeit des Heiligen Stuhls, also dem Papst selbst, unterstellt wurde.

So leiteten viele ihrer Nachfolgerinnen das Kloster durch die Jahrhunderte. Erst die Wirren der Französischen Revolution, fast neunhundert Jahre, nachdem die heilige Richardis sich hier niedergelassen hatte, führten zur Aufgabe der Gemeinschaft – die letzte Äbtissin verließ Andlau im Jahre 1790.

Ein Glück für uns Heutige, dass die sehenswerte gotische Kirche mit ihren lichten Kreuzgewölben und charakteristischen Schlusssteinen erhalten ist. Hinter dem Hochaltar aus Marmor und Bronze, der aus der Zeit kurz vor der Auflassung der Abtei stammt, befindet sich der wunderschön bemalte erhöhte Schrein der heiligen Richardis; in einer kleinen Seitenkapelle, die barock-ornamentreich ausgestaltet wurde, werden zusätzlich in einem Kästchen auf dem Altar Überreste von ihr zur Verehrung ausgestellt. Andlau war aber auch von je her ein Marienwallfahrtsort – zahlreiche Inschriften und Votivtafeln bezeugen, wie vielen Pilgern Unsere liebe Frau in der Krypta geholfen hat. Diese Krypta ist ein äußerst suggestiver Raum, der durch die typischen Kreuzgratgewölbe mit Querbögen und Säulen lediglich durch drei kleine Rundbogenfenster erhellt wird.

Auf dem Altar befindet sich die Muttergottes, direkt über ihr ein wunderschönes Glasfenster, das den Gekreuzigten zeigt. An dieser Stelle lässt es sich auf das Beste über die Lebensgeschichte Jesu, seine Geburt in einer Stallgrotte, seine Erhöhung am Kreuz, seinen Tod und seine Auferstehung meditieren, anhand des Rosenkranzgebetes oder im freien Gebet. Hier unten findet sich auch durch eine kleine Holzfalltür die Stelle markiert, an der die Bärin die Erde aufgescharrt und so den Gründungsort der Abtei bezeichnet haben soll. Direkt daneben bewacht eine steinerne Bärin Gnadenbild und Krypta.

Neben der Kirche mit ihren architektonischen und geistlichen Schätzen bietet Andlau eine malerisch-verträumte elsässische Kleinstadtatmosphäre mit – auch der Leib darf bei einer Pilgerfahrt erbaut werden – einem exquisiten gastronomischen Angebot und natürlich vielen Winzerhöfen, die zur Verkostung der berühmten regionalen Weine einladen. Seit dem 7. September 2013 ist es nicht mehr nur ein touristisch lohnendes, sondern auch wieder ein echtes spirituelles Ziel. Mit Erlaubnis des Erzbischofs von Straßburg wurde die uralte Marienwallfahrt zu Unserer Lieben Frau in der Krypta, die nach dem Zweiten Weltkrieg mehr und mehr in Vergessenheit geraten war, wiederbelebt.

presbytere.andlau@orange.fr