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Wie den Verlust der Würde verhindern?

Francis Fukuyama sieht die Demokratie und will eine Leitkultur demokratischer Werte.
Yoshihiro Francis Fukuyama seminar in Yangon
Foto: dpa | Der Historiker Francis Fukuyama sieht das 21. Jahrhundert durch Identitätsfragen dominiert.

Vor fast genau 30 Jahren veröffentlichte Francis Fukuyama seinen Essay „The End of History?” in der von Neocons gegründeten (und damals weithin unbekannten) Zeitschrift „The National Interest” (in Buchform 1992 veröffentlicht unter dem Titel „The End of History and the Last Man“). Mit dem nahenden Zusammenbruch der Sowjetunion, so Fukuyama in seinem Essay, falle die letzte ideologische Alternative zum westlichen Liberalismus weg. Nach der Niederlage des Faschismus im Zweiten Weltkrieg seien selbst in Staaten wie China, das sich als kommunistisch bezeichnete, politische und wirtschaftliche Reformen in Richtung einer liberalen Ordnung zu verzeichnen.

Der Endpunkt der ideologischen Entwicklung der Menschheit, die Universalisierung der liberalen Demokratie als der endgültigen Regierungsform und – letztlich – das Ende der Geschichte seien erreicht. Fukuyama berief sich dabei auf den russisch-französischen Philosophen Alexandre Kojeve, der mit Hegel den Sieg Napoleons gegen die Preußen in der Schlacht von Jena und Auerstedt (1806) als Triumph der Ideale des Französische Revolution und die bevorstehende Universalisierung des liberalen Staates gedeutet hatte.

Das auf die Veröffentlichung des Essays folgende Jahrzehnt mit dem Mauerfall und der Umwandlung der Staaten des Warschauer-Pakts in Demokratien und die Osterweiterung von NATO und EU schien Fukuyama recht zu geben. Seit Mitte der Nullerjahre hat sich, so die Beobachtung Fukuyamas, der Trend jedoch umgekehrt. Die Anzahl der demokratischen Staaten sinkt wieder und autoritäre Länder wie China oder Russland sind selbstbewusster geworden. Dazu kamen zwei Finanzkrisen, die die westliche liberale Wirtschaftsordnung diskreditierten: Die erste, 2008 verursacht vom US-amerikanischen Hypotheken-Markt, führte zu der sich anschließenden Großen Rezession. Die zweite war die Eurokrise nach der drohenden Staatspleite Griechenlands. Und schließlich: der Brexit und Donald J. Trump.

In seinem neuesten Werk „Identität“ will Fukuyama nun seine These vom Ende der Geschichte rehabilitieren. Dabei greift er wiederum auf ein Hegelianisches Konzept zurück: den Kampf um Anerkennung.

Gleich eingangs stellt Fukuyama fest, dass das Buch seine Entstehung der Wahl Donald J. Trump im November 2016 verdankt. Trump sei ein Vertreter einer „Politik des Unmuts“, die ihre Anhänger mit Hilfe der Vorstellung zu mobilisieren versuche, dass die Würde ihrer Gruppe beleidigt, herabgesetzt oder sonstwie missachtet worden sei. Eine erniedrigte Gruppe, die ihre Würde wieder herstellen will, verfüge aber über weit mehr Gewicht als eine, die nur ihren wirtschaftlichen Vorteil verfolgt.

Fukuyama sieht darin eine Abwendung von der Politik des 20. Jahrhunderts mit seinem Links-Rechts-Spektrum, das vor allem durch Wirtschaftsthemen definiert wurde, wobei die Linke mehr Gleichheit und die Rechte größere Freiheit verlangte.

Im 21. Jahrhundert scheint vielmehr ein durch Identitätsfragen bestimmtes Konzept zu dominieren, wobei Identität nach Fukuyama aus der Differenz zwischen dem wahren inneren Selbst und einer Außenwelt mit Normen, die den Wert oder die Würde des inneren Selbst nicht adäquat anerkennen, erwächst.

Die Linke richte ihr Augenmerk nicht mehr primär auf die Herstellung ökonomischer Gleichheit, sondern auf die Interessen einer Vielfalt von benachteiligten Gruppen. Die Konzentration auf immer neue und enger definierte, ausgegrenzte Gruppen bringt eine Reihe von Problem mit sich, die Fukuyama auch klar benennt: Einschränkungen der Meinungsfreiheit, politische Korrektheit und Verächtlichmachung des „weißen Arbeiters“. Auf der anderen Seite wird auch ein Teil der amerikanischen Rechten, die behauptet, Identitätspolitik zu verabscheuen, laut Fukuyama in Wahrheit durch ihr eigenes Gefühl von Herabsetzung angetrieben. Das von Fukuyama dargestellte Vorgehen, sich über selbst zugeschriebene Opferrollen Privilegien zu sichern, ist indes nicht neu. Es wurde bislang unter dem Stichwort „Ressentiment“ diskutiert. Das Ressentiment ist eine typische Folge moderner Demokratien – denn in ständischen Gesellschaften unterbricht die klare Stratifikation „den Vergleich von Lebenslagen und Ansprüchen, beugte also dem Ressentiment vor... Demokratie impliziert normative Gleichheit, woraus folgt, dass alle ständig mit der Vermessung von Diskrepanzen beschäftigt sind – und so entsteht Ressentiment“ (Norbert Bolz). Paradoxerweise verstärkt jeder Abbau von Ungleichheit sogar das Anwachsen des Ressentiments, das nur teilweise und vorübergehend durch Sozialpolitik befriedet werden kann.

Die langfristige Lösung liegt für Fukuyama nun gerade nicht darin, die Idee der Identität in Bausch und Bogen aufzugeben, sondern vielmehr, sogenannte nationale Bekenntnisidentitäten zu erschaffen. Konkret bedeutet das zum Beispiel die Ableistung eines allgemeinen Pflichtdienstes, die Abschaffung doppelter Staatsbürgerschaften und letztlich die Einführung einer Leitkultur, verstanden als Glaube an Gleichheit und demokratische Werte, aus der sich – hoffentlich – am Ende eine paneuropäische Identität herausbildet.

Wer darin die x-te Wiederauflage der Idee des Verfassungspatriotismus mit all ihren Defiziten sieht, liegt richtig. Fukuyamas Medizin für die Krise der westlichen Demokratien ist so altbekannt wie – bislang – wirkungslos. Einzig der Gedanke, über konsequentere und energischere staatliche Assimilationsbemühungen – etwa im Schulwesen – Populisten beider Lager den Wind aus den Segeln zu nehmen, erscheint diskussionswürdig, wird aber leider nicht weiter vertieft.

„Identität“ als neues Paradigma der Welterklärung erscheint im Ergebnis ebenso eindimensional wie der im „Ende der Geschichte“ verbreitete Universalisierungsglaube: Ein wenig mehr Dialektik und Differenziertheit hätte man Fukuyama hier als auch dort gewünscht.

Francis Fukuyama: Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet. Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2019. 240 Seiten, EUR 22,–

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