Über Ostern grübelt man nicht

Der Glaube an den dreifaltigen Gott hat Konsequenzen: Beile Ratut distanziert sich von einem verbürgerlichten Christentum. Von Regina Einig

Storm
Storm dark clouds over field with grass Foto: stock.adobe.com

Der allgegenwärtigen Empörungskultur haftet etwas Inflationäres an. Kirchenkrise, Regierungsmisere und Klimafragen fordern täglich mehr Adrenalin, als vielen Zeitgenossen angebracht erscheint. Beile Ratuts Essay über ihren Abschied von der lutherischen Glaubensgemeinschaft fällt wohltuend aus dem Rahmen. Sie beschreibt mit analytischer Schärfe, wie sie nach langer Mitgliedschaft erkannte, dass sie nicht mehr dazugehörte. Ein Reifungsprozess im Zeichen des Widerstandskampfes gegen ein sich selbst banalisierendes Christentum.

Der Essay ist Rechtfertigung und Selbstvergewisserung zugleich. Auf ihrer Reise zu neuen geistlichen Ufern ortet die Autorin ihren Standpunkt. Ratuts Faszination über die „Selbstverständlichkeit des trinitarischen Glaubens und vor allem des stetig gefeierten österlichen Geheimnisses“ wirkt authentisch. Sie rechnet nicht mit ihren protestantischen Brüdern und Schwestern ab, sondern betreibt Gewissensbildung, indem sie Denkmuster der westlichen Gesellschaft auf den Prüfstand stellt. Mit Akribie nimmt sie die ansteckendste Krankheit unserer Zeit unter die Lupe, die Gottvergessenheit. Wo der Dreifaltige aus dem Blickfeld verschwindet, rückt nicht der Mensch nach, sondern dessen Fratze. Dem schier unbändigen Narzissmus der Gegenwart zeigt die Autorin mit der unbefangenen Radikalität der Konvertitin die rote Karte: „Man kann sein Ich nicht retten“ – eine Erinnerung an die unpopulärste aller biblischen Forderungen: Täglich sein Kreuz auf sich zu nehmen und Christus nachzufolgen.

Dass christliche Gemeinden heute an ihrem systematisch demontierten Christusglauben kranken, veranschaulicht die Autorin an zahlreichen Beispielen. Selbstbild und Außenwahrnehmung übersättigter, im Strom gesellschaftlicher Beliebigkeiten dahintreibender Christen klaffen auseinander. Mit treffender Ironie entlarvt Beile Ratut den geistlichen Leerlauf hinter routiniert eingespielten Abläufen in pfarrlichen Parallelwelten, in denen die Bibelverse sitzen und „die erlösten Christen in den Gemeinden am Ende meist nur in eine funktionstaugliche Bürgerlichkeit finden, in der alles seinen Platz hat“, aber das Wesentliche fehlt: die biblisch recht verstandene Liebe mit ihrer ganzen verstörenden Umwälzungskraft, ihrem unsentimentalen Anspruch und ihrer Opferbereitschaft. Jene „launische, unbeständige, ranzige, übergriffige, ungerechte und magere Nettigkeit, die niemand wirklich braucht“, degradiert die Gemeinde zum Wohltätigkeitsverein, entflammt aber niemanden mehr für den Glauben an Christus. So falsch kann man die Liebe verstehen. Die Furcht der Autorin, „in den Abgrund des menschlichen Ego“ abzurutschen, wirkt auf den Leser plausibel. Die Gefahr, nach laxer Schriftrezeption und Abschaffung des Lehramts einem entkernten Glauben anheimzufallen, der in Wirklichkeit nur noch Gefühlsreligion ist, besteht nicht nur für Protestanten. Falsche Propheten, die den Anspruch der Wahrheit des Evangeliums aufgeben, um die Botschaft Jesu der Welt anzugleichen, verschaffen sich auch in der katholischen Kirche immer lauter Gehör. Jene politisch korrekte „Kraft, die sich als Glaube verkleidet und in diesem Gewand die Gläubigen unterjocht“ erscheint fälschlicherweise als der kleinste gemeinsame Nenner der Ökumene. Dass Gott dort eher stört als willkommen ist, verbindet die Laxen und verstört die Redlichen.

Erfrischend an diesem Essay ist die klare Sprache, mit der Luthers Sola fide-Prinzip kritisch durchleuchtet wird: „Das ,Allein durch Glauben‘ lässt die Welt ins Innere des Menschen rutschen. Glaube ist rein menschlich und Spielball des Gefühls. Da die Menschen alle unterschiedlich sind und Gefühle nicht übermittelt werden können, werden Empathie und inhaltsloser Dialog zum großen Du-Sollst. Dabei verbinden sich Glaube und Gefühl insbesondere dort, wo man persönlich in besonderer Weise berührt wird. Das Resultat ist Unbelehrbarkeit: Meine Meinung ist mein Gott.“

Gleichwohl drängt sich angesichts der Analyse, dass der eigene Glaube als Sitz der Wahrheit die beste Methode sei, um absolute Wahrheiten zu beschmutzen, die Nachfrage auf, wie die ethnischen Prägungen und Spaltungen der Begeisterung der Autorin für die Orthodoxie mit diesem Wahrheitsanspruch in Einklang zu bringen sind. Für die Kritik an der römisch-katholischen Kirche, diese sei das Gegenteil des erleuchteten christlichen Glaubens, bleibt Ratut die schlüssige Begründung schuldig. Hier liegt die Schwäche des Textes: Er zeichnet eine Karikatur der katholischen Kirche und unterlässt den Versuch, Glaube und Vernunft in einer Synthese zu verbinden. Bei allen kritikwürdigen Entwicklungen läuft der an die katholische Kirche gerichtete Vorwurf der „fast beliebigen Wahrheits-Theorien“ doch ins Leere. Es wäre realitätsfern, die weltumspannende Einheit der katholischen Glaubensgemeinschaft als Menschenwerk zu betrachten. Es gibt den unzerstörbaren Kern der Kirche, den auch Häretiker und Missstände nicht zerstören können, weil die Kirche nicht nur sichtbare Gemeinschaft der Getauften, sondern auch mystischer Leib Christi ist. Beile Ratut begnügt sich mit der Feststellung, ein Glaube, der seinen Sitz im Denken des Menschen habe, vernichte die Liebe. Das trifft in Zeiten eines übersteigerten Rationalismus zweifellos das Lebensgefühl etlicher Christen. Doch wer sagt, dass Liebe nicht auch im Denken einen angemessenen Ausdruck finden kann?

Davon abgesehen bietet dieser Essay in Zeiten sabotierender Katholikinnen ein Kontrastprogramm zur Selbstdemontage der Kirche. Inmitten des Getöses um die Rolle der Frau in der Kirche gehen die leisen Stimmen jener Frauen allzuleicht unter, für die der Glaube an den dreifaltigen Gott Richtschnur für ihr Leben ist. Die seltsame Kehrseite des Zusammenbruchs der Glaubenslehre und Disziplin fordert in Christenkreisen mitunter die Ausgrenzung derer, die sich der Selbstsäkularisierung der Kirche um des Glaubens willen widersetzen. Was wird aus denen, die nicht über Ostern grübeln und den Forderungskatalog ergrauter Verbandsfrauen nicht akzeptieren? Unterwerfen oder eine neue Gemeinde suchen? Um ein Glied dieses Leibes zu sein, müsse man sich verkrümmen. sich begnügen mit irreführenden Phrasen und hohlen Gesten, fasst Ratut ihre Erfahrungen zusammen. Ihr Essay macht plausibel, warum sich immer mehr junge Menschen angesichts der Gottvergessenheit der Christen vom Glauben abwenden oder ihn erst gar nicht als Lebensglück kennenlernen, Umso besser, wenn ihnen jemand seine Stimme leiht.

Beile Ratut: Das Fanal des Ego auf den Stufen zur Kirche. Ruhland-Verlag, Bad Soden am Taunus, 2019, 116 Seiten, ISBN 978-3-88509-170-7,

EUR 20,80