Stauffenberg oder wenn Gesinnung endlich zur Tat wird

Die Biographie des George-Experten Thomas Karlauf berücksichtigt die katholischen Einflüsse zu wenig.

Begeistert für den Meister: Claus Schenk von Stauffenberg (Mitte) mit seinem Bruder Berthold im Rücken von Stefan George. Foto: dpa
Begeistert für den Meister: Claus Schenk von Stauffenberg (Mitte) mit seinem Bruder Berthold im Rücken von Stefan George... Foto: dpa

Thomas Karlauf kann als einer der führenden Kenner des Dichters Stefan George (1868–1933) und seines männerbündischen Kreises gelten. Seine Biographie von Deutschlands vielleicht letztem Dichterfürsten setzte Maßstäbe. Die große Vertrautheit des als Literatur-Agenten arbeitenden Autors mit George und seinem Denken hat aber nicht nur Vorteile, wie Karlaufs Biographie von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, dem Wichtigsten der Verschwörer des 20. Juli 1944 und zugleich einem der Adepten des George-Kreises, deutlich macht.

Das Buch ist überlegt aufgebaut, sehr gut erzählt und berücksichtigt den größeren Teil der einschlägigen Literatur. Das Dilemma einer Stauffenberg-Biographie, jeder Stauffenberg-Biographie, bringt Karlauf auf den Punkt: „Das meiste von dem, was wir von Claus von Stauffenberg wissen, beruht auf Aussagen, die nach dem 20. Juli 1944 gemacht wurden.“ Bis wenige Jahre vor diesem Datum, das sein Sterbetag ist, lebte der 1907 geborene Spross einer katholischen und altadligen württembergischen Familie von Staatsdienern so, wie es für seinen Stand weithin üblich war. Patriotisch erzogen, nicht frei von Dünkel und, wie so viele seiner Vorfahren, wiederum den Staatsdienst als Offizier wählend, natürlich als Kavallerist. Es finden sich verstörende Äußerungen des offenkundig für eine Karriere Geeigneten und rasch Beförderten noch zu Beginn des Krieges. Die Polen nennt er „Pöbel“, der sich nur unter der Knute wohlfühle. Karlauf hat recht, wenn er nicht der Tendenz früherer Stauffenberg-Viten folgen will, ihrem Helden „lieber gleich den Dolch in die Wiege zu legen“ und dem Grafen, um ihn nicht zu beschädigen, eine möglichst frühe und konsequente Gegnerschaft zum Nationalsozialismus zu bescheinigen. Der Autor: „Lange Zeit glaubte man der gesellschaftlich erwünschten Vorbildfunktion der Verschwörer am ehesten gerecht zu werden, wenn man sie als weitgehend immune Lichtgestalten präsentierte.“

Auf den späteren Attentäter bezogen, stellt Karlauf die These auf: „In den authentischen Quellen finden sich bis August 1942 keine Belege, dass Stauffenberg ein Komplott gegen Hitler in Erwägung gezogen hätte. Erst in diesem Sommer, dem dritten Kriegssommer, verdichteten sich für ihn drei Erkenntnisse, ,dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, dass er nicht auf die von Hitler angekündigte Neuordnung Europas, sondern auf den Untergang des deutschen Volkes hinauslief, und dass er unter verbrecherischen Bedingungen geführt wurde‘.“

Es ist Biographien eigentümlich, eine de-mystifizierende Wirkung zu entfalten, einfach durch die Fülle der Informationen, die sie verarbeiten. Doch ist sehr die Frage, ob die Kenntnisnahme dieser Belege die Hochschätzung für Stauffenbergs Tat mindern muss. Natürlich war der intelligente, schneidige, in jeder Beziehung klar als Führungspersönlichkeit erkennbare Graf in vieler Hinsicht ein Produkt seiner Zeit, seines Standes, seiner Ausbildung war. Das Deutschland der Zwischenkriegszeit war ganz sicher nicht der pazifistische und internationalistische Staat, der er heute zu sein scheint. Für eine Dynastie von Staatsdienern in Verwaltung, Militär und Kirche, wie die Stauffenbergs es waren (und in Teilen immer noch sind) präsentierte sich das Deutschland der Weimarer Zeit vor allem als erniedrigtes Land, als Staat, der weit unter seinen Möglichkeiten blieb und durch das Regime des Versailler Vertrags vielfach gehemmt war. Mit anderen Worten: Im späteren Attentäter waren mehr oder weniger die gleichen Befürchtungen und Erwartungen, dieselben Mechanismen wirksam wie in vielen Millionen anderer Deutschen auch. Das ist wenig originell, aber ein nicht auszublendendes und zu berücksichtigendes Faktum.

Bleiben aber zwei weitere Wirklichkeiten im Leben des Claus Schenk von Stauffenberg, die mächtig hineinwirkten, die ihn auch wieder absetzten von den anderen Mitgliedern der Offiziers-Kaste: seine Mitgliedschaft im Kreis um Stefan George und sein katholisches Herkommen.

Das erste wird auf das Trefflichste beleuchtet durch Karlauf, der hier auf seinem ureigenen Feld unterwegs ist. Der Autor spricht vom Soldatentum, dem der durchaus musisch empfindsame Stauffenberg sich seit dem 18. Lebensjahr verschrieben hatte, davon, dass er ferner geprägt wurde durch „Werte und Ideale die ihm von der Familie mitgegeben wurden“, betont aber „das Eintauchen in die George'sche Welt, in der sich ihm das Wahre, Schöne, Gute im Spiegel heroischer Freundschaft erschloss“. Die Klammer zwischen seinen verschiedenen Lebenswelten, die er offenbar ohne Mühe wechseln konnte, „bildeten der Elitebegriff und das Ethos der Tat“. Karlauf schildert einfühlsam, wie der heute nicht mehr nachvollziehbare Einfluss Georges auf den Kreis junger Männer ganz verschiedenen Herkommens, der sich in der diffusen Chiffre vom „geheimen Deutschland“ verdichtete, auf eine neue Ordnung ohne familiäre Bande und Klassenschranken abzielte: „In kulturlosen, finsteren Zeiten, so hatte George... postuliert, hänge das Schicksal des Landes von denjenigen ab, die sich vom Getriebe fernhielten. Durch ihr bloßes Dasein legten sie Zeugnis ab von der Gegenwart des Göttlichen in der Welt und begründeten so eine heimliche Überlieferung, aus der eines Tages etwas ganz Neues hervorgehen werde.“ Großes also bereitete sich vor im Elite-Kreis derjenigen, die von dessen Gründer immer nur als dem „Meister“ sprachen.

So zwingend Karlaufs Gedankengänge in Bezug auf den nicht zu unterschätzenden Einfluss Georges, der kein Nazi war, auf Stauffenberg ist, so blass bleibt er, wenn er von der familiären und christlich-katholischen Prägung spricht. Der Autor meint, dass die Militär-Putschisten des 20. Juli aus Verantwortung handelten, nicht aus Gesinnung.

Aber die Gesinnung wird wohl den persönlichen Begriff von Verantwortung prägen. Die Feststellung Karlaufs: „Für die Stauffenbergs war Religion etwas Selbstverständliches“, genügt nicht. Die Familie des Grafen stellte in der Vergangenheit (und auch heute noch) zahlreiche Mitglieder des Malteserordens, war mit dem Ideal christlicher Ritterschaft vertraut. Der Autor zitiert einen starken Satz Stauffenbergs gegenüber einem Offizier und Mit-Verschwörer, der als Katholik meinte, nicht gegen den Eid handeln zu können. „Als gläubiger Katholik, so Stauffenbergs Antwort, sei man ,schon gewissensmäßig verpflichtet, gegen diesen Eid zu handeln‘.“ Hier wäre weiter zu forschen gewesen, um neben dem Elite-Denken Georges einen weiteren Strang in Seins-Welt und Ethik Stauffenbergs freizulegen.

Mit dieser Einschränkung ist die Biographie von Thomas Karlauf ein bestechendes Werk, das den allmählichen Ablösungsprozess und den einzelgängerischen Wagemut eines Obersten nachzeichnet, der seinen Oberbefehlshaber und Staatschef zu ermorden trachtete, den er, wie es in Georges Gedicht „Der Widerchrist“ heißt, als „Fürst des Geziefers“ erkannt hatte.

Thomas Karlauf: Stauffenberg – Portrait eines Attentäters. Karl Blessing Verlag, München, 2019. 366 Seiten, ISBN 978-3-89667-411-1, EUR 24,–