Leben in der Untergrundsekte

Wie die einst verfolgten Christen eine Staatsreligion gründeten.

Kaiser Konstantin mit dem Stadtmodell Konstantinopels in der Hagia Sophia.
Kaiser Konstantin mit dem Stadtmodell Konstantinopels in der Hagia Sophia. Foto: IN

Der Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion des römischen Reiches ist das folgenreichste Ereignis der antiken Geschichte. Wie es dazu kam, ist auch aus profanhistorischer Warte eine faszinierende Frage. Der Stuttgarter Althistoriker Holger Sonnabend widmet ihr sein Buch „Triumph einer Untergrundsekte. Das frühe Christentum von der Verfolgung zur Staatsreligion“.

Sonnabend erzählt so lebendig, wie es normalerweise nur die angelsächsischen Sachbuchautoren können. Bei Sonnabend allerdings geht der flotte Stil manchmal auf Kosten der sachlichen Genauigkeit. Einmal werden Hölle und Fegefeuer miteinander verwechselt, an anderer Stelle bricht zwischen zwei Sätzen der logische Zusammenhang im Text ab, und die Erklärungen zu den theologischen Streitfragen im Arianerstreit muss man mindestens als konfus bezeichnen. Wenn im Jahr 411 ein Kaiser Konstantin auftritt, müsste deutlich werden, dass das schon der dritte Kaiser dieses Namens war, nicht identisch mit dem ersten Konstantin, der auf den Seiten davor eine große Rolle spielte (diese Punkte fallen freilich auch auf das Lektorat zurück). Sachlich fragwürdig sind die Ausführungen zu Alexander dem Großen, der sich als Sohn des Zeus Ammon stilisierte. Wieso soll die Vorstellung, ein Mensch könne Sohn eines Gottes sein, für die zeitgenössischen Griechen und Makedonen „blasphemisch“ gewesen sein?

Der griechische Mythos kannte zahlreiche Heroen, die einen Gott als Vater hatten. Und etwas anderes beanspruchte Alexander in seiner Propaganda nicht, wenn er verbreiten ließ, Zeus habe seine Mutter Olympias besucht. Dass er starb, stand, anders als Sonnabend ausführt, dazu nicht in Widerspruch: Auch Halbgötter wie Herakles und Perseus mussten zunächst sterben, bevor sie in neue Daseinsformen aufgenommen wurden.

Der Standpunkt, von dem aus Sonnabend die Geschichte der frühen Kirche erzählt, ist kein prononciert christlicher. Dass er die Wunderberichte des Neuen Testaments als ganz unglaubwürdig abtut, mag man ebenso bedauern wie die übertriebene Bedeutung, die einer angeblich enttäuschten Parusieerwartung (Erwartung der unmittelbaren Wiederkehr Christi) der ersten Christen zugeschrieben wird.

Mancher dürfte sich auch an der Aussage stören, bis zur Zeit von König David habe jeder Stamm und jede Familie des jüdischen Volkes einen eigenen Hauptgott verehrt und erst danach seien diese zu einem einzigen Gott verschmolzen. Und die Vorstellung, es seien bewusst ägyptische Jenseitsvorstellungen in das christliche Lehrsystem eingebaut worden, um bessere Missionserfolge zu erzielen, ist befremdlich. Nur muss man sich erinnern, dass diese Theorien aus der modernen Religionswissenschaft stammen und auch von Theologen vertreten werden; und man kann von einem säkularen Autor kaum verlangen, christlicher zu sein als die, deren Beruf das eigentlich wäre.

Der Autor begegnet dem Christentum mit Sympathie

Der neutrale Standpunkt Sonnabends führt dazu, dass Fragen, die aus christlicher Perspektive zentral wären, beiseite geschoben werden. So etwa die nach der Historizität der Auferstehung („Was passierte damals genau? Diese Frage ist eigentlich gar nicht so wichtig“).

Dass sich die Erklärungen für den Aufstieg des Christentums auf den menschlichen Faktor beschränken, ist in einer geschichtswissenschaftlichen Darstellung sicher geboten. Freilich hat das zur Folge, dass der „Triumph des Christentums“ für den Leser letztlich doch rätselhaft bleibt. „Gezielte Werbekampagnen. Geschickte Regisseure. Engagierte Helferinnen und Helfer“ und dergleichen mehr erklären zwar manches, aber es bleibt doch ein unerklärlicher Rest, der nicht das Thema dieses Buches darstellt.

Dass dessen glatte Erklärungsstrategie nicht aufgeht, liegt auch daran, dass der Glaube der frühen Christen in diesem Buch etwas Nebelhaft-Unbestimmtes bleibt. Die entsprechenden Ausführungen hätten detaillierter ausfallen müssen.

Nicht zustimmen kann man auch der modischen Behauptung, der Romaufenthalt des Apostels Petrus sei unwahrscheinlich (obwohl dazu eine bis in die früheste christliche Zeit zurückgehende Überlieferung existiert).

Doch das Buch hat auch Stärken: So wird die Bedeutung der Freundschaft (auch in Form caritativer Hilfe) für die Ausbreitung des Christentums gut gewürdigt. „So etwas hatte keine andere Religionsgruppe zu bieten – Menschen, die sich um die Armen, Schwachen und Kranken kümmerten“.

Sehr gut gelungen ist auch das Kapitel über „Die Macht der Bilder“, das in die Ikonographie und die didaktische Funktion der frühchristlichen Bilderwelt einfügt.

Am überzeugendsten sind Sonnabends Überlegungen zum Verhältnis Kaiser Konstantins zu den Christen. Er macht plausibel, dass es nicht Konstantin war, der den Christen zu Hilfe kam, sondern dass im Gegenteil Konstantin aus politischen Gründen auf die Unterstützung der trotz der Verfolgungen zu einer wichtigen Gesellschaftsgruppe angewachsenen Christen angewiesen war. Konstantin hatte erkannt, dass man nicht mehr gegen die Christen regieren konnte; man musste sich ihrer Unterstützung versichern.

Bei aller Kritik: Man könnte sich schlimmere Bücher über das frühe Christentum vorstellen, und grundsätzlich begegnet der Autor seinen christlichen Protagonisten mit Sympathie. Vor allem aber fehlt diesem Buch jede kirchenpolitische Agenda. In ihm kann man sachliche Informationen über die frühchristlichen Diakonissen lesen, ohne dass daraus die Forderung nach einer sakramentalen Weihe für Frauen abgeleitet wird.

Und so handelt es sich allen Kritikpunkten zum Trotz dennoch um ein lesenswertes Buch.

Holger Sonnabend:
Triumph einer Untergrundsekte.
Das frühe Christentum von der Verfolgung zur Staatsreligion.
Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 223 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-451-37985-7, EUR 22,-