Können Christen in der AfD sein? Der Glaube im politischen Diskurs

Wie das Christentum im Spannungsfeld von Nation und Populismus besteht.

University of Glasgow Cloisters, Scotland
Welchen Geist, welche ,Mystik‘ haben wir noch, die wir den Religionen des Globalismus entgegensetzen können?, fragt der besprochene Band. Foto: Adobe Stock

Wie das Christentum im Spannungsfeld von Nation und Populismus besteht.

Inhaltsverzeichnis:

Hat das Christentum eine politische Ausrichtung?  |  Warum wird die AfD von der Amtskirche abgelehnt?  |  Widerspruch von einem AfD-Politiker und einem bekannten Philosophen   |  Die historische Entwicklung eines Rechtskatholizismus   |   Identitäre und Christentum  |  Das Christentum als Teil der nationalen Identität 

 

 

 

 

Hat das Christentum eine politische Ausrichtung?

Die Frage, ob für das Christentum selbst eine politische Ausrichtung maßgeblich sein kann, wird man zweifellos verneinen müssen. Das Christentum ist in seinem Kern jenseits des Politischen angesiedelt, damit aber auch jenseits von Rechts und Links.

Aktuell entzündet sich die Auseinandersetzung über das Verhältnis des Christentums zur Politik aber daran, dass sich viele Funktionsträger der Kirchen öffentlich stark ablehnend gegenüber einer politischen Partei äußern, der Alternative für Deutschland.

Dies hat jedoch nicht seinen Grund darin, dass die Partei selbst, wie etwa Alexander Gauland betonte, keine spezifisch christliche Partei ist. Denn das unterscheidet sie nicht signifikant von den anderen Mitbewerbern, selbst wenn diese sich noch gelegentlich vage auf Christliches berufen. Inwiefern ließe sich etwa eine Partei noch als „christlich“ bezeichnen, deren Protagonisten eine Organspendepflicht bei sogenanntem Hirntod einführen wollen?

Warum wird die AfD von der Amtskirche abgelehnt?

Der Konflikt hat aber auch nicht mit abstrakten Begriffsbestimmungen einer „ewigen Linken“ oder „ewigen Rechten“ mit überzeitlichen Konstanten zu tun. Vielmehr hängt er mit der fast geschlossenen Apologie der Merkel'schen Flüchtlings- und Willkommenspolitik durch die Amtskirchen zusammen. Diese Apologie ist zudem mit einer eklatanten Bagatellisierung der Islamisierung in Europa verbunden.

Ranghohe Kleriker haben teilweise sogar durch hohe Spenden diejenigen unterstützt, die sich als Hilfsorganisationen der Schlepper über das Mittelmeer betätigen. Selbst den Begriff des christlichen Abendlandes lehnen hochrangige Kirchenvertreter inzwischen als angeblich „ausgrenzend“ ab.

Widerspruch von einem AfD-Politiker und einem bekannten Philosophen 

Dagegen treten nun in unterschiedlicher Weise die Autoren eines Sammelbandes an, der selbst indes keine einheitliche Konzeption eines „rechten“ oder „konservativen“ Christentums propagiert. Im Gegenteil: Neben einem AfD-Politiker wie Volker Münz, der für die „Christen in der AfD“ spricht, steht etwa der bekannte Philosoph Harald Seubert, der die Anforderungen an einen christlich geprägten Konservatismus bei dieser Partei teilweise nicht für gegeben hält.

Aber auch Seubert spart nicht mit Kritik an Fehlentwicklungen in den Kirchen, die vor allem im Bereich der Evangelischen Kirche lokalisiert werden. Eine Erneuerung im konservativen Sinne tue not, doch dürfe das „christliche Abendland“ nicht als bloße Kampfparole beschworen werden, so Seubert, der sich an den lutheranischen Hegelianer Günter Rohrmoser anschließt. Münz seinerseits betont, dass die harsche Kritik an der AfD seitens kirchlicher Kreise ungerechtfertigt sei, zumal die Partei als einzige geschlossen gegen „Ehe für alle“ und für das Lebensrecht ungeborener Kinder eintrete.

Die historische Entwicklung eines Rechtskatholizismus 

Der Politikwissenschaftler und Publizist Felix Dirsch greift weit in die Geschichte zurück, wenn er die Entwicklung eines Rechtskatholizismus seit der Französischen Revolution nachzeichnet. Er betont die Tradition eines altehrwürdigen Naturrechtsdenkens ebenso wie das Ordnungsdenken und ein eher pessimistisches Menschenbild, das man wohl eher als Realismus betrachten sollte. Mag man bezweifeln, dass etwa Joseph de Maistre oder Othmar Spann für die heutige Zeit noch Bedeutung haben. Aber Dirsch spannt den Bogen nicht nur zu Jean Raspail und Werner Ockenfels, und er betont die konkreten Folgen einer Abkehr vom Naturrecht, die sich etwa aus dem Gender-Relativismus ergeben.

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Welchen Geist, welche ,Mystik‘ haben wir noch, die wir den Religionen des Globalismus entgegensetzen können?, fragt der ... Foto: Adobe Stock

Dirsch plädiert für ein ethisch verantwortetes Realitätsprinzip: Es sei problematisch, eine Ethik, die innerhalb der Familie ihren Sinn hat, auf die Weltgemeinschaft anzuwenden. Es müsse aber der Unterschied zwischen einer humanitaristischen Doktrin der reinen Immanenz und der christlichen Ethik festgehalten werden. Denn Letztere beruhe auf Freiwilligkeit und personaler Verantwortung, während der Humanitarismus mit bedenklichen Folgen für Rechts- und Sozialstaat verbunden sei.

Die anderen Beiträge des sehr anregenden Bandes tragen einen sehr unterschiedlichen Charakter. Stefan Winckler blickt sehr nüchtern auf das Verhältnis „Lehrer und AfD“ unter dem Aspekt der politischen Bildung, der Verfassungstreue und der Abgrenzung von Links- und Rechtsextremismus. Seine Ausführungen entsprechen dem common sense und entlassen auch nicht die AfD aus der Verantwortung, sich von rechtsradikalen Positionen abzugrenzen.

Identitäre und Christentum

Gewohnt spritzig zu lesen ist der Essay des bekennenden Katholiken (aber ausdrücklich kein „Vorzeigekatholik“!) und Journalisten Matthias Matussek, der seit seiner Zeit bei „Spiegel“ und „Welt“ zu einem entschiedenen Kritiker der Linken geworden ist.

Für den Außenstehenden besonders aufschlussreich sind zwei weitere Essays aus dem Umfeld der heftig umstrittenen Identitären beziehungsweise der Neuen Rechten: Die Philosophin Caroline Sommerfeld versucht herauszuarbeiten, inwiefern Identitäre, die mehr als bloße „Kulturchristen“ sein wollen und sollen, sich als (gewaltfreie) Verteidiger des Glaubens zum Beispiel gegen den Islam als politischen Feind Europas verstehen können. Das verweist auf eine nicht unerhebliche Spannung im Kern der Identitären, weil diese Identität vorwiegend über die Herkunft bestimmen. Doch das genügt nicht, wenn gleichzeitig auch die Identitären „Kinder der Postmoderne“ sind, es bedürfe vielmehr eines „existenziellen Christentums“: Der Einzelne müsse sich im Sinne Kierkegaards vom Christentum „ergreifen“ lassen.

Das Christentum als Teil der nationalen Identität

Ergänzt wird Sommerfelds Essay durch Martin Lichtmesz, der die ausgedehnte „rechte“ Christentumskritik sehr gut kennt, sich ihr aber nicht anschließt. Dennoch stelle sich die Frage: „Welchen Geist, welche ,Mystik‘ haben wir noch, die wir den Religionen des Globalismus und des Islam entgegensetzen können?“ Es ist kein Zufall, dass Lichtmesz im weiteren das Ungarn Orbáns heranzieht, um deutlich zu machen, was es bedeutet, wenn dort das Christentum als Teil der nationalen Identität verstanden wird.

Das Buch artikuliert Positionen, die in der gegenwärtigen Lage dringend größere Resonanz entfalten sollten. Das gilt im übrigen auch innerhalb einer wie auch immer zu bestimmenden „Rechten“, wo man inzwischen allen Ernstes sogar den Anschluss an Marx sucht. Dass für den Christen die Letzten Dinge im Zentrum stehen, schließt die Sorge um die vorletzten Dinge nicht aus, woran Thomas Wawerka mit Dietrich Bonhoeffer erinnert.

Felix Dirsch/Volker Münz (Hrsg.): Rechtes Christentum? Der Glaube im Spannungsfeld von nationaler Identität. Populismus und Humanitätsgedanken. ARES Verlag, 251 Seiten, ISBN-13: 978-399081-004-0, EUR 19,90