Würzburg

Souveräne Lebenskünstler

Die kommentierte Benediktsregel in neuem Zuschnitt erschließt die Grundlagen monastischer Spiritualität.

Benediktiner im Gespräch

Dreimal im Jahr lesen die Benediktiner in Tagesabschnitten ihre Ordensregel. Die klassische Leseordnung wird im Jahreskommentar „Benedikt für jeden Tag“ zugunsten kürzerer Einteilungen aufgegeben. Die einschlägigen Erläuterungen basieren auf Texten von Schwester Michaela Puzicha, deren im Auftrag der Salzburger Äbtekonferenz herausgegebener „Kommentar zur Benediktusregel“ inzwischen als Standardwerk der jüngeren Regelforschung gilt.

Differenziertes Ausleuchten der monastischen Terminologie

Für Oblaten und Freunde der benediktinischen Spiritualität ist der Jahreskommentar eine praktische Hilfe, um einen Zugang zur monastischen Tradition zu gewinnen. Die Autoren setzen keine Kenntnisse der monastischen Spiritualität voraus. Das Buch eignet sich daher für einen breiten Leserkreis. Dazu passt, dass einige Formulierungen neu übersetzt wurden („die berufstätigen Brüder“). Anschaulich werden die Grundlagen des Mönchtums dargelegt: Die altkirchliche Taufspiritualität, die Erfahrungen der Wüstenväter und der frühen Märtyrerkirche sowie Beobachtungen Benedikts verschmelzen zu einer Lebensregel, deren Markenzeichen das Maßhalten als Ausdruck souveräner Lebenskunst ist.

Die Stärke des Buchs besteht im differenzierten Ausleuchten der monastischen Terminologie. Der Leser wird für die transzendentale Dimension alltäglicher Begriffe sensibilisiert, die sich in ihrer Gänze nur in ihrem Bezug auf die Taufe erschließen. Für Benedikt bedeutet Aufstehen, den Schlaf der Gottferne zu überwinden. Ausgesprochen gelungen erschließt der Kommentar die Bildsprache der Benediktsregel – von der Jakobsleiter bis zur Herzenseröffnung – zumal dann, wenn die ihr zugrunde liegenden geistlichen Vorstellungen auch Getauften nicht mehr selbstverständlich vertraut sind. Wer wie Benedikt nach dem Ideal der „militia christiana“ „Herz und Leib zum Kampf rüstet“ erfüllt ein Ideal: „Der Kampf richtet sich gegen Anfechtungen und Verführungen, gegen die Versuchungen und Laster. Er gilt der Eindeutigkeit, die sich an der Taufverpflichtung orientiert und an einem monastisch-asketischen Lebensstil.“

Vätertexte, insbesondere aus von Basilius, Cassian und Augustinus

Zeitgemäße Aspekte der Benediktsregel arbeitet die Autorin akribisch heraus: das Maßhalten, die Notwendigkeit von Korrekturen und Abgrenzungen, ein biblisch fundiertes und daher glaubwürdiges Ideal christlichen Gehorsams, Schweigens und geläuterter Demut sowie eine konstruktive Haltung als Alternative zum „Murren“, um Spaltungen und Parteiungen in der Gemeinschaft zu vermeiden. Der Kommentar legt indirekt den Finger in manche Wunden unserer Zeit, etwa in der Erläuterung der Kapitel über den Abt: Führungsqualitäten schließen für Benedikt Allerlösungserwartungen aus. Sie bedeuten Bereitschaft zu harter Arbeit: „Der Abt darf nicht aus falscher Sanftmut, aus Unfähigkeit im Umgang mit Konflikten, aus Zaghaftigkeit und Angst vor dem Verlust der Beliebtheit oder dem Vorwurf der Unbarmherzigkeit die Zurechtweisung vermeiden und dadurch den schuldigen Bruder um die Chance der Umkehr bringen. Einer der immer wiederholten und eindringlichsten Hinweise des frühen Mönchtums ist die Verpflichtung des Oberen, auf fehlerhaftes Verhalten unbedingt zu reagieren.“

Mehrfach werden Vätertexte zum Vergleich herangezogen, insbesondere aus von Basilius, Cassian und Augustinus. Dabei ergeben sich aufschlussreiche Schnittmengen und Gegensätze.

Etwas unvermittelt führt der Kommentar abweichend von der klassischen Leseordnung in Kapitel 7 Karfreitag und Karsamstag ein. Wenig überzeugend wirkt der Versuch, das Wirken des Teufels, vor dem Benedikt ausdrücklich warnt, als innerpsychologischen Vorgang zu deuten. So sperrig diese Regeltexte für den Leser des 21. Jahrhunderts sein mögen, so redlich wäre es hier gewesen, den Glauben der alten Kirche zu vermitteln, statt in den Raum des „Nicht-Mehr-Sagbaren“ zu verdrängen.

Michaela Puzicha OSB/Theodor Hausmann OSB: Benedikt für jeden Tag. Ein Jahreskommentar zur Benediktsregel, gebunden, 447 Seiten,

ISBN 978-3-8306-7930-1, EUR 49,95

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