Würzburg

Gespür für das Himmlische

Nichts mehr wollen, was nicht zu Gott führt: Religiöse Erfahrungen im neuen Roman von Martin Walser.

Martin Walser
Bereits 1961 hat sich Martin Walser Notizen zu seinem neuen Roman gemacht. Foto: dpa

Martin Walser hat wieder ein neues Buch veröffentlicht. Die Abstände, so scheint es, werden immer kürzer, so als bliebe ihm nicht mehr genug Zeit, um seinen Lesern noch alles, was ihm am Herzen liegt, in der einen oder anderen Form mitzuteilen. Nun also, passend zur Weihnachtszeit, ein frommes Buch, selbstverständlich im typischen Walser-Sound. Die Gattungsbezeichnung Legende zu dem Titel „Mädchenleben“ weist jedenfalls in diese Richtung.

Der Verlag lässt uns wissen: Schon 1961 habe sich Walser zu diesem Thema Notizen gemacht. Es handelt sich also um ein Thema, das Martin Walser seit fast 60 Jahren immer wieder beschäftigt hat. Man darf sich also den Hauptprotagonisten, den Protokollanten des Mädchenlebens, als einen noch jungen Mann vorstellen. Als Empfänger von dessen Botschaften. Und dass er sich wie magisch von diesem jungen Mädchen angezogen fühlt und eine unendliche Sehnsucht nach ihm empfindet: „Wenn ich sie nicht mehr sehe, nicht mehr finde, hat das Leben für mich keinen Sinn mehr. Wenn sie nicht mehr in dieser Welt ist, will ich auch nicht mehr drin sein.“

Passend zur Weihnachtszeit ein frommes Buch

Der Ich-Erzähler Anton Schweiger, Lehrer für Deutsch und Erdkunde, ist Untermieter bei der Familie Zürn, die zwei Töchter hat, Karla und Sirte. Von Letzterer handelt die Geschichte. Sie ist ein Mädchen, anders als alle anderen. Wenn Sie zum Beispiel schaukelte, weilte sie am höchsten Punkt, und keiner konnte sich erklären, wie sie das machte, auch sie selbst nicht. Fliegen wäre ihre größte Sehnsucht. Sie hat einen Raben, der in ihr Zimmer ein und aus fliegt und dem sie das Sprechen beibringt. Sonderbar ist dieses junge Mädchen, das in einer nicht ganz wirklichen Welt zu leben scheint, zerbrechlich und ausgestattet mit einem Gespür für das Himmlische und Unwirkliche. „Ihr Dasein wirkt wie ein Blatt, das an einem windstillen Tag vom Baum zum Boden schwebt. Ungeschützter als sie kann man nicht sein“, heißt es über Sirte Zürn.

Und so ist wohl auch der Vater nicht ganz von dieser Welt, dem seine Tochter so seltsam erscheint, dass er sie heiligsprechen lassen will und dieses Ansinnen seinem Untermieter Herrn Schweiger, der sich schon seit längerem im Verborgenen Notizen zu diesem ungewöhnlichen Mädchen macht, anvertraut. Tatsächlich ist nicht nur dieser von der Idee bald gefangengenommen.

So absurd es auch erscheinen mag, fängt man als Leser zunehmend an, einen solchen Gedanken nicht mehr als verrückt abzutun. Nicht erst bei dem ersten „Wunder“, dass Sirte ihrem Raben Chlodrian beigebracht hat, das Lied „Großer Gott, wir loben Dich“ fehlerfrei zu singen. Dass Sirte im benachbarten Franziskanerinnen-Kloster um Aufnahme bitten wollte, scheint da nicht mehr verwunderlich, ebenso wenig, dass zu ihren Vorbildern Nikolaus von der Flüe und die Nonne Anna Höß aus Kaufbeuren, die heilige Crescentia, zählt.

Mit dem 18. Kapitel, etwa in der Mitte des Buches, geht die Geschichte erst richtig los. Bis dahin konnte es sich noch um die Schilderung einer Psychose – es ist einmal von Schizophrenie die Rede – handeln und sie dementsprechend zuordnen.

„Die Sehnsucht hat nur noch ein Ziel: Gott. Nichts mehr wissen wollen, was nicht zu Gott führt.“

Anton Schweiger wird zunehmend zum Vertrauten des Mädchens Sirte. Ihm vertraut sie ihre Tagebuchaufzeichnungen an und berichtet ihm von dem von ihr Erlebten: „Jesus hat meine linke Hand genommen, hat mir an den kleinen Finger dieses goldene Ringlein gesteckt und hat gesagt: Komm. Und er führt mich ins Höchste. Wir sind nicht mehr im Zimmer. Ich spüre, wie er meine Hand hält. Wie er mich führt. Sein KOMM hört nicht auf. Und dass er mich führt, hört nicht auf. Wir verlassen alles, was man verlassen kann. Und ich spüre, ich begreife, ich erlebe: Es ist die Vertreibung ins Paradies.“ – „Ich ahne, was für ein Lichteinbruch bewirkt wird durch bloße Glaubensstärke. Gottes Gegenwart, erlebbar an jedem Blütenblatt. Frömmigkeit als Lichterlebnis.“ – „Ich taste mich ab mit Wörtern, bis mir etwas entgegenkommt. Ein winziges Gesumm beim Einsturz des Universums, das es nicht gibt.“

„Die Sehnsucht hat nur noch ein Ziel: Gott. Nichts mehr wissen wollen, was nicht zu Gott führt.“ – „Das himmlische Jerusalem will mich haben. Ich kündige das Alphabet, weil es keine Buchstaben hat für meine Sehnsucht, die Gott sucht. Ich bin am Ziel. Nun Unsäglichkeit, bist du ganz mein.“

Es sind diese wunderbaren Walsersätze, die er diesmal der Protagonistin Sirte in den Mund legt. Einigen davon ist man schon in den Messmer-Büchern begegnet. Sie sind von solcher Tiefgründigkeit und Weisheit, dass man gar nicht aufhören möchte, sie zu lesen, sie zu bedenken, sich davon berühren zu lassen.

„Das Wesentliche am Wunder ist nicht, dass etwas Seltsames und Unmögliches geschieht, sondern dass im geschehenen Zeichen Gott zum Menschen spricht. Die Sprache führt ganz von selbst zur Erschaffung von so etwas wie Gott. Gott ist wahrscheinlich das reinste Wort, das es gibt. Die pure Wortwörtlichkeit, das Sprachliche schlechthin. In Gott kommt die Sprache zu sich selbst. Das höchste Wesen, das wir haben, ist also aus Sprache.“

Das ist Walser pur!

Nicht nur das Mädchen Sirte kann Wunder bewirken. Dieses Buch ist selbst ein kleines Wunder. Wer sich darauf einlässt, dem wird es gehen, wie wenn er beim Schaukeln plötzlich in der Höhe verweilt und nicht weiß, wie das geschieht.

Von den drei Blättern, die Sirte am Schluss dem Erzähler reicht, hat sie auf einem Augustinus zitiert: „O Feuer, das immer loht und nie erlischt, o immer brennende Glut, die nie erkaltet, entzünde mich, damit ich in deiner Liebe nur dich allein liebe.“

„Sagen Sie allen: Nirgends ist, was uns fehlt, genauer ausgedrückt als in Gott. Dieser Mangel hierherum hat mich ins Paradies vertrieben.“ Und der Ich-Erzähler antwortet: „Wir müssen den Mut haben, das Unbegreifliche zuzugeben.“

Martin Walser hat mit diesem Buch einmal mehr Mut bewiesen, sich auf das Unbegreifliche einzulassen und an die weiterzugeben, die es zumindest wagen wollen.

Martin Walser: Mädchenleben oder Die Heiligsprechung. Legende. Rowohlt Verlag Hamburg 2019, 96 Seiten, EUR 20,–

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