Ein Meister seines Fachs

Vatikan-Kenner Ulrich Nersinger brilliert mit einer kurzen Geschichte der Päpste.

Nersingers Buch "Päpste"
Nicht nur an Papst Franziskus, sondern auch an seinen Vorgänger richtet das Büchlein am Ende vorsichtig kritische Fragen. Foto: Andrew Medichini (AP)

Reiche und Monarchien sind zugrunde gegangen, das Papsttum aber hat bis heute allen Stürmen der Zeit getrotzt. Der Faszination dieser Institution können sich auch außerhalb der katholischen Welt viele Menschen nicht entziehen. Diese Erfahrung macht Ulrich Nersinger, derzeit im deutschsprachigen Raum sicher der beste Kenner der Päpste und des Kirchenstaats, nach eigenem Bekunden immer wieder, sogar an unerwarteten Orten. Seine Expertise macht ihn selbst auf Kreuzfahrtschiffen zu einem gerne gesehenen Vortragenden. Gerade auch den Lesern dieser Zeitung ist der Publizist ein wohlvertrauter Name. In komprimierter Form teilt er sein reichhaltiges Wissen nun in seinem Buch „Päpste“, das in der neuen „100 Seiten“-Reihe des Reclam-Verlags erscheint, deren Titel ein deutlich größeres Format aufweisen als die vertrauten Reclam-Hefte.

Dennoch erfordert die Beschränktheit des zur Verfügung stehenden Raumes eine verdichtete und auf das Wesentliche beschränkte Darstellung. Um das zu bewerkstelligen, muss man ein Meister seines Faches sein. Nersinger ist so ein Meister, was besonders seine 16 Seiten umfassende tour de force durch die Papstgeschichte deutlich macht. Dass auf 100 Seiten vieles nur angerissen werden kann oder ganz unter den Tisch fallen muss, kann man ihm nicht zur Last legen. Für Anfänger ist dieses kleine Buch sicher geeigneter als für Profis, denen sehr vieles darin nicht wirklich neu sein dürfte. Aber auch sie werden mitunter auf Details stoßen, die ihnen bislang nicht bekannt waren.

Sebastian Kneipp half Leo XIII. gegen Schlaflosigkeit

Oder weiß beispielshalber schon wirklich jeder, dass Leo XIII. die Dienste des Pfarrers Sebastian Kneipp in Anspruch nahm, als er an Schlaflosigkeit litt? Als Geschenk für am Katholizismus grundsätzlich interessierte und aufgeschlossene Zeitgenossen ist das sparsam illustrierte Büchlein (alle Fotos stammen vom Autor selbst), das en passant eine Reihe antikatholischer Vorurteile aus dem Weg räumt, sicher sehr gut geeignet. Nersingers Sympathie für eine Institution, die auf dieser Welt ihresgleichen nicht hat, überträgt sich auf den Leser. Insofern ist das Büchlein auch ein sympathischer Beitrag zur Neuevangelisierung und verdienstvoller als so manche Synode zu diesem Thema.

Ganz besonders in seinem Element scheint Nersinger sich bei den Themenkomplexen „Das päpstliche Heer“ und „Päpste und Neue Medien“ zu fühlen. Gehörigen Nachdruck legt er zu Recht auf die Feststellung, dass es entgegen mancher neuerer skeptischer Stimmen keinen guten Grund gibt, an der tatsächlichen Anwesenheit und dem Martyrium des Petrus in Rom zu zweifeln. Mit besonderer Liebe widmet der Autor sich aber auch den Gepflogenheiten und Besonderheiten des symbolischen Miniaturstaates, über den die Nachfolger Petri heute gebieten. Was er etwa über das 2018 im Vatikan verhängte Tabakwarenverbot zu berichten hat, ist aufschlussreich: „Die vom Papst verhängte Exkommunikation der bei Laien und Klerikern gleichsam beliebten Glimmstängel bewirkte im Kirchenstaat mehr Unwillen als die Abschaffung von liturgischen Traditionen oder die Neuinterpretation von Dogmen.“

Auch kritische Fragen an Päpste

Bei solchen Prioritäten muss man sich dann außerhalb Roms über seltsame Vorgänge im Vatikan nicht mehr wundern.

Eine Reihe von Flüchtigkeitsfehlern legen den Verdacht nahe, dass das Büchlein in großer Eile erstellt wurde. So heißt der Macher der Serie „The Young Pope“ Sorrentino (nicht „Sorento“). Und die Dokumentation „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ wurde nicht von „Volker Schlöndorf“, sondern von Wim Wenders gedreht. Immerhin aber trifft die von Nersinger kolportierte Kritik eines ungenannten römischen Prälaten, dies sei ein Film „a la Riefenstahl“, den Charakter dieses Streifens vielleicht ganz gut.

Nicht nur an Papst Franziskus, sondern auch an seinen Vorgänger richtet das Büchlein am Ende vorsichtig kritische Fragen. Haben sie vielleicht – der eine durch seinen ziemlich präzedenzlosen Rücktritt bei gleichzeitiger Beibehaltung des weißen Papstgewandes, der andere durch seine (vorsichtig ausgedrückt) unkonventionelle Amtsführung, das Papsttum „in ein Chaos gestürzt, aus dem es keinen Ausweg gibt, und damit möglicherweise das Ende einer zweitausendjährigen Institution eingeläutet?“

Hoffnung gibt ausgerechnet Voltaire: „Der Papst stirbt, aber das Papsttum ist unsterblich.“ Und so wird auch dieses Büchlein sich hoffentlich nicht im Nachhinein als Grabgesang für die älteste Institution des Abendlandes erweisen, sondern als eine sehr gelungene Zwischenbilanz, freilich eine, die ihre Entstehung in einer Krisenzeit nicht verleugnen kann.

Ulrich Nersinger: Päpste. Reclam Verlag, Stuttgart 2019, 100 Seiten, Taschenbuch, ISBN 978-3-15-020539-6, EUR 10,–