Würzburg

Die Seelen verteidigen

Wenn das Böse regiert: "Und ich fürchte meine Träume" von Wanda Poltawska, die auf ihre Erlebnisse im KZ zurückblickt.

Wanda Poltawska
Eine Frau mit Charakter: Wanda Poltawska ist von Deutschen sehr viel Leid zugefügt worden. Foto: Museum "Pod Zegarem"

Nicht nur das Leben kann eine Qual sein, auch die Träume, in denen es verarbeitet wird. Wanda Poltawska, international bekannt geworden durch ihr medizinisch-psychologisches Wirken an der Seite von Kardinal Karol Wojtyla (1920–2005) in Krakau und eine spektakuläre Heilung durch die Fürbitte von Pater Pio (1887–1968), schrieb unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf, was ihr während des Krieges widerfuhr und sie danach in Träume quälte – die Zeit als politische Gefangene und pseudo-medizinisches „Versuchskaninchen“ im Konzentrationslager Ravensbrück, als sie neben anderen Frauen das Opfer sadistischer Nazi-Erniedrigungen wurde.

Dieses, ihr erstes Buch („Und ich fürchte meine Träume“, Originaltitel „I bojê siê snów“) – in Polen längst ein Klassiker, der an Schulen gelesen wird – ist deutschsprachigen Lesern nun als Neuauflage wieder auf Deutsch zugänglich. Es ist eine literarische Mahnschrift, die durch genaue Beobachtungen und eine eingängige Sprache besticht und leider nichts an Aktualität verloren hat, wie Poltawska im Nachwort zur deutschen Ausgabe selbst schreibt: „Trotz des traditionellen hippokratischen Eides dienen viele Ärzte auch heute verbrecherischen und politischen Zielen. Sie vollstrecken Todesurteile entweder aufgrund eines unmoralischen Rechts oder schlichtweg aus reiner Willkür.“ Doch ist dies die einzige Parallele zu heute?

Schonungslose Ehrlichkeit

Mit schonungsloser Ehrlichkeit beschreibt Poltawska, die 1921 in Lublin zur Welt kam, wie sie in ihrer Heimatstadt in die Hände der Nazis geriet und sich mit einem Mal in einer Gesellschaft befand, die von ihr und ihren Mitstreiterinnen eine maximale innere Standfestigkeit abverlangte. Denn nicht nur im Umgang mit den sadistischen Deutschen wurde sie tagtäglich mit moralischer Perversion konfrontiert, auch unter den gefangenen Frauen brach sich das Laster seine Bahn. „Die lesbische Liebe verbreitete sich wie eine Epidemie. Frauen, die sich anfangs mit Ekel gesträubt hatten, gaben dann doch langsam nach. Es war wie eine Seuche, wie ein Brand, wie eine Leidenschaft. Ich sah das alles mit Entsetzen.“

Poltawskas Antwort darauf: Durchhalten. Trotz aller Schikanen, trotz Hunger und schwerer körperlicher Arbeit. Das Gute wollen, das Notwendige. „Ich sehnte mich danach, alles zu wollen, was ich tun musste. Selbst wollen! Oh, Marter des Zwanges! Nie, nie im Leben werde ich etwas müssen – ich werde wollen!“ Denn: „Solange ich will, bin ich frei; solange ich will, stehle ich nicht; solange ich will, bin ich noch ich selbst.“

Heimlich wurde die Hostie herumgereicht

Doch wie kann man die permanente Demütigung ertragen? Welche Kraft gibt einem dabei der Glaube? Wanda Poltawska, die sich bis heute, als fast 100-Jährige, für die Verbreitung der „Theologie des Leibes“ von Johannes Paul II. einsetzt, bietet in ihrem Erstlingswerk keinen religiösen Schmusekurs. „Der 15. August war heiß und schwül und brachte wieder eine Überraschung. Es war der Feiertag der Mutter Gottes. In unserem Lagerleben hatte es sich so ergeben, dass die schlimmsten Szenen, die schwersten Erlebnisse mit den Feiertagen der Mutter Gottes zusammenfielen. War das ein Beweis für die deutsche Heimtücke oder ein Zufall? Wir wussten es nicht. Aber nach einer gewissen Zeit fürchteten wir uns instinktiv vor den Marienfeiertagen.“ Den Höhepunkt des Sadismus erreicht die Gefangenschaft, als die Nazi-Ärzte an den Beinen der attraktiven polnischen Frauen sinnlos-brutale Operationen unternehmen, die manche der körperlich sehr geschwächten Frauen nicht überleben. Andere werden trotz Operation umgebracht. Die teuflische Alternativen „Exekution oder Operation“ erweist sich so als Illusion. Es regiert die Willkür. Das Böse hat alle Hebel in der Hand. „Jetzt war es klar geworden, dass die Operationen nicht vor dem Tod schützten, dass man fünfmal operiert werden und danach durch die Kugel umkommen konnte.“ So erscheint fast wie ein filmreifes Wunder, als die körperlich geschwächten Frauen eines Tages den Widerstand, den Aufstand wagen, doch nach anfänglicher Irritation nehmen die Nazis, darunter auch sadistische Wächterinnen, das Heft das Handelns wieder in die Hand.

Bald findet sich auch Wanda Poltawska auf der Todesliste. „Eines Tages umzingelten SS-Leute sechzehn von uns in einer Ecke des Lagers. Wir standen mit dem Rücken zur Mauer und sie umstellten uns mit einem doppelten Kordon. Jetzt ist wirklich Schluss, dachte ich, jetzt kann man nichts mehr machen. Ich sah keine Möglichkeit der Rettung. In der Tasche hatte ich einen kleinen Beutel mit polnischer Erde. Den hielt ich fest in der Hand.“ Patriotismus als geheime Kraftquelle und Überlebenshilfe gegen das Böse – ein unpopuläres Thema, das es zu bedenken gilt. Gerade in dem Land, aus dem die Nazis kamen.

Mit Intelligenz und Cleverness im Lager versteckt

Doch: Auch der Empfang des Leibes Christi half den Katholikinnen, nicht zu verzweifeln, auch wenn auf manche unmittelbar danach der Tod wartete. „In einer kleinen Blechdose erhielten wir weiße runde Oblaten: das Allerheiligste. Als diese Büchse eintraf, wurde die Stille über dem 15. Block irgendwie groß und heilig. An allen Fenstern hatten wir Posten aufgestellt und dann bewegten sich durch die Bettreihen Frauen, die alle ein Krümelchen von der Hostie haben wollten. Von oben schaute ich auf die stillen, feierlichen Gesichter, die wie durchleuchtet schienen. Die einen erlebten das Wunder, andere, deren gequältes Herz trommelte, beneideten jene um ihre Ruhe und wieder andere schwiegen und verstanden nichts. Aber niemand störte den geheiligten Augenblick.“

Poltawska gelingt es mit Intelligenz und Cleverness, sich im Lager zu verstecken, sie nimmt sogar zeitweilig eine andere Identität an. Zusammen mit Auschwitz-Überlebenden verbringt sie das Ende des Krieges an einem anderen Ort. Die Rückkehr nach Polen wird ein weiteres Abenteuer, da sie vielen sexuell ausgehungerten Männern begegnet, die Liebe und Sex nicht zu unterscheiden wissen.

Von der ersten bis zur letzten Seite ein atemberaubendes Buch, das auch in Deutschland Schullektüre sein sollte. Wenn dies nicht möglich ist, sollte Wanda Poltawskas Werk wenigstens verfilmt werden, um gerade den jungen Menschen von heute einen realistischen Einblick zu geben, wie grausam der Mensch sein kann, wie unerträglich das Leben zuweilen ist, und warum der Mensch trotz allem das Leben will. Mögen ihn die Schergen des Bösen, die Psychopathen der Macht auch fertigzumachen versuchen. „Wir aber wollten nicht nur leben, wir wollten, sozusagen, unsere Seelen verteidigen, wo wir doch unsere Leiber nicht schützen konnten.“

Wanda Poltawska: Und ich fürchte meine Träume. Fe-Medienverlag, 2019, 200 Seiten, ISBN 978-3-86357-

224-2, EUR 9,95