Würzburg

Der Königsweg ist die Frage nach der Vernunft

Der Jesuit James V. Schall fragt nach den Gründen für die Expansion des Islam.

Pilgerfahrt nach Mekka
"Im Grunde denke ich, dass der Islam genau das ist, was er zu sein behauptet: eine Religion, die nach wie vor die Mission hat, alle Menschen der Herrschaft Allahs zu unterwerfen", schreibt Schall. Im Bild: Muslimische Pilger umrunden die Kaaba. Foto: Ashraf Amra (APA Images via ZUMA Wire)

Es tut weh in Ohren, die das sanfte Gesäusel politischer Korrektheit gewöhnt sind. Der Jesuitenpater James V. Schall untersucht in „Der Islam. Friedensreligion oder Gefahr für die Welt?“ das Verhältnis des Islam zu Politik und Gewalt. Seine These: Die Religion des Islam ist ihrem Wesen nach politisch ausgerichtet und dabei „grundsätzlich aktuell und potenziell gewalttätig und [war] dies [ihre] gesamte Geschichte hindurch auch immer“.

Schall, der im Frühjahr dieses Jahres verstorben ist, hat als Professor für Politische Philosophie an der Universität Georgetown (USA) gelehrt und war von 1977 bis 1982 Mitglied des „Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden“ in Rom. Mit seiner Analyse zum islamischen Terrorismus, die jetzt auch auf Deutsch erschienen ist, möchte er keineswegs ein „islamfeindliches“ Buch vorlegen, sondern nüchtern die für ihn durchaus bewundernswerte „expansive Dynamik“ dieser Religion untersuchen.

Schall teilt die gängige Beschreibung islamistischen Terrors als entartete Form einer zu politischen Zwecken missbrauchten Religion nicht. Für den Jesuiten sind Formen gewalttätiger Expansion vielmehr im Islam selbst angelegt und deshalb nicht von ihm trennbar. Wer islamistischen Terrorismus verstehen möchte, muss sich demnach zunächst mit den Inhalten des Islam auseinandersetzen: „Es gibt kein drängenderes Problem als das, eine exakte Antwort auf die Frage ,Was ist der Islam‘ zu finden.“ Schall will sich dieser Frage nicht vom Standpunkt einer westlich gefärbten Außenperspektive nähern, sondern legt seiner Argumentation das Selbstverständnis dieser Religion zugrunde. „Im Grunde denke ich, dass der Islam genau das ist, was er zu sein behauptet: eine Religion, die nach wie vor die Mission hat, alle Menschen der Herrschaft Allahs zu unterwerfen.“ Diesen islamischen Absolutheitsanspruch sieht er dabei als wesentliche Ursache für den „blutigen“ Teil der Geschichte des Islam, „ein Teil, der gerade jetzt, in unserer Zeit, weitergeschrieben wird und an Bedeutung gewinnt“. Gewalt ist für Schall also nicht ein extremistisches Randphänomen im Islam, sondern ein gebotenes Mittel zur Ausbreitung der Religion.

Es gibt kein Naturrecht, nur den Willen Allahs

„Das, was wir außerhalb des Islams als Akte der Gewalt bezeichnen, gilt innerhalb des Islams als Erfüllung von Allahs Willen“, schreibt der Jesuit und definiert Terrorismus demnach als „eine als Akt der Frömmigkeit verstandene religiöse Unternehmung zu dem Zweck, die Welt zu erobern“. Dass der Islam tatsächlich Gewalt im Namen Allahs befürwortet, wollen laut Schall „viele Menschen, Muslime wie Nichtmuslime, (…) partout nicht einsehen“. Auf diesen mangelnden Realismus angesichts des Islam weist der Philosoph in seiner Analyse immer wieder hin. „Ob es uns gefällt oder nicht, diese Vorstellung von der Weltherrschaft, die für den Islam typisch ist, kann ihrer Natur nach nur als ,religiös‘ bezeichnet werden.“ Die Grundlagen für das Expansionsstreben des Islam sieht Schall im Koran selbst, die Ursachen für die gesellschaftliche und politische Ignoranz gegenüber diesem Factum hingegen in der westlichen Kultur: „Dass wir es nicht beim Namen nennen, hängt nicht mit dem Islam, sondern mit unseren eigenen, völlig anderen philosophischen, religiösen und rechtlichen Begriffen zusammen“, schreibt er. Im Islam gebe es keine Naturrechtstradition, allein der Wille Allahs, wie er durch Koran und Sunna überliefert ist, habe allgemeine Gültigkeit. Dabei wird Allah „durch keinerlei Unterscheidung zwischen Gut und Böse eingeschränkt“.

Es gilt das Prinzip des Voluntarismus, also „die philosophisch-theologische Auffassung, dass es in den Dingen oder in der menschlichen Natur keine rationale Ordnung gibt. Hinter der gesamten Wirklichkeit steht ein Wille, der immer auch anders sein könnte“.

Der Wille Allahs ist es also, der die Einteilung der Welt in ein „Haus des Friedens“, also alle islamisch regierten Gebiete und in ein „Haus des Krieges“, also diejenigen Gebiete, die noch unterworfen werden müssen, rechtfertigt. Kritik übt Schall dabei nicht grundsätzlich an der Expansion des Islam: „Mein eigentliches Problem mit dieser Mission – die im Koran selbst ihre Wurzeln hat – betrifft nicht den bemerkenswerten Erfolg und die Ausbreitung des Islams. Mein Problem betrifft seine Wahrhaftigkeit.“ Trotz seiner auf sozialem Zusammenhalt beruhenden Stärke sei der Islam eine brüchige und instabile Religion, denn „das Fundament und die Einheit seines grundlegenden Textes sind in hohem Maße suspekt“. Die Erkenntnisse zum Koran als historisches Dokument können nicht mit dem islamischen Verständnis der Verse als wörtliche Offenbarung Gottes in Einklang gebracht werden.

Wenig christliche Spuren in islamischen Ländern

Dass der Islam dennoch eine so hohe Anziehungskraft hat, sieht Schall nicht nur darin begründet, „dass er verhältnismäßig einfach ist“, sondern auch im „Glaubensverlust des Westens“. Allgemein habe das Christentum in islamischen Ländern „keine nennenswerten Spuren hinterlassen. Wenn es zu Konversionen kommt, dann andersherum.“

Berichte über zahlreiche Bekehrungen von Muslimen zum Christentum (siehe zum Beispiel David Garrison: „A wind in the house of Islam. How God is drawing Muslims around the world to faith in Jesus Christ”, 2014) und wachsende Untergrundgemeinden etwa im Iran lassen an der Exaktheit dieser Aussagen Schalls zweifeln. Auch der Hinweis darauf, dass die „meisten Kriege oder Aufstände in unserer gegenwärtigen Welt (…) eine muslimische Komponente“ haben, greift im Blick auf die Komplexität politisch-gesellschaftlicher Konflikte zu kurz. Wenn Schall in diesem Kontext den muslimischen Anteil an gewalttätigen Auseinandersetzungen hervorhebt, so ist dies sicher der Thematik des Buches geschuldet. Dennoch blendet der Autor damit die in Teilen vermutlich weitaus größere Verantwortlichkeit westlicher Staaten und ihrer wirtschaftlichen Interessen am Blutvergießen in islamischen Ländern aus.

Sein Buch versteht sich jedoch auch weniger als politische Analyse, es geht Schall vielmehr darum, den Islam durch „seine Geschichte, sein Buch und seine Philosophie“ zu verstehen. Die friedliche Mehrheit der Muslime liegt nach Einschätzung von Schall mit ihrer Haltung dabei nicht unbedingt richtig im Sinne ihrer Religion: „Innerhalb des Islams haben, wie mir scheint, diejenigen die besseren Argumente auf ihrer Seite, die den Dschihad als einen Weg befürworten und betreiben, endlich das lang ersehnte Ziel des Islam zu erreichen.“ Wer diese Argumente und die gewalttätige Expansion des Islam verstehen möchte, sollte sich, so empfiehlt es Schall, mit der „Brüchigkeit“ des islamischen Glaubens ausein-andersetzen, also mit „seiner Beziehung oder fehlenden Beziehung zu Wissenschaft und Vernunft“. Das sei der „Königsweg (…), auf dem wir uns dem Islam nähern, um zu verstehen, was er ist“.

James V. Schall SJ: Der Islam. Friedensreligion oder Gefahr für die Welt? Media Maria Verlag, Illertissen 2019, 272 Seiten, ISBN 978-3-9479310-2-6, EUR 18,95