Würzburg

"Der Glaube verwandelt die Zeit"

Vermächtnis von klassischem Rang: Erstmals alle Predigten von Joseph Ratzinger.

Papst Benedikt: Alle Predigten erschienen
Der emeritierte Papst bei seiner Auslandsreise vom 9. bis zum 14. September 2006 nach Bayern. Foto: Katharina Ebel

Augustinus war es im Vandalensturm nicht mehr vergönnt, die Revision seines Predigtwerkes anzugehen. Papst Benedikt konnte die Predigten aus seiner Zeit als junger Priester, Professor, Erzbischof von München und Freising und als Kurienkardinal nun in drei Bänden vorlegen. Auch der greise emeritierte Papst erlebt heute wie einst Augustinus eine Belagerung. Es sind nicht die Vandalen, sondern die Medien der Populärkultur. die augenblicklich gegen Person und Werk in Stellung gebracht werden, woran sich leider auch deutsche Katholiken und kirchliche Einrichtungen massiv beteiligten. Mit der Diskreditierung Benedikts XVI. soll im Vorfeld der deutschen Synode in Frankfurt jede Berufung auf sein Verständnis des katholischen Glaubens, ja auf die Glaubensüberlieferung insgesamt verunmöglicht werden. In diese Situation hinein übergibt er uns nun seine gesammelten Predigten. Entsprechend dem Kirchenjahr beginnt der erste Teilband mit dem Weihnachtsfestkreis (Teil A), an den sich der Osterfestkreis (Teil B) anschließt.

Im zweiten Teilband finden sich die Predigten zur Zeit im Jahreskreis und zu den Herrenfesten und die Marienpredigten (Teil D). Ansprachen zu den „Festen des Herrn und der Heiligen“ (Teil E) und zu „Besonderen Anlässen“ (Teil F) bilden den abschließenden dritten Teilband. Die Nutzung der Bände wird beeinträchtigt durch Schwächen der Gliederung. Den Sinn des Kirchenjahres hat Ratzinger in einer Neujahrsbetrachtung (1976) wunderbar erschlossen: „Der Glaube verwandelt die Zeit. Seine Messeinheit sind nicht die Umdrehungen der Gestirne, sondern die Taten Gottes, in denen er uns sein Herz zugewandt hat. Die beiden großen Ereignisse, die nun der Zeit eine neue Achse geben, sind Geburt und Auferstehung des Herrn. Von diesen Taten her kommt das christliche Fest, das nicht dem Kreislauf der Gestirne entstammt. Die Wiederkehr der Feste ist … nicht ewig wiederholtes Kreisen, sondern Ausdruck der Unerschöpflichkeit der Liebe, des Herzens, das uns im Akt des Erinnerns anblickt.“ In einer Rorate-Messe hat Ratzinger bereits 1981 die These seines Alterswerkes „Jesus von Nazareth“ über das Reich Gottes vorweggenommen: „Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen; es ist im Letzten nicht ein Ort, nicht irgendeine unbestimmte Zeit, das Himmelreich ist Person, es ist Jesus Christus selbst. Er ist das Reich, und wo er ist, da tut sich Gottes Reich auf. Gott ist in Jesus Christus angekommen in dieser Welt. Er ist nicht mehr der Ferne, der Unbekannte, der Verborgene …“

Polemik gegenüber lebenden Personen findet sich nicht

Polemik gegenüber lebenden Personen findet sich nicht, namentlich setzt sich Ratzinger nur mit verstorbenen Autoritäten auseinander. Auf Hans Küngs Bestseller „Christ sein“ (1974) bezieht sich allerdings eine Anspielung in der Weihnachtspredigt von 1978: Einige scheinen nichts dabei zu finden, „aus dem Sohn etwa den Sachwalter zu machen“, wodurch „das Erlösende von Weihnachten geleugnet werde“. In allen seinen Silvesterpredigten seiner Münchner Bischofsjahre nimmt Ratzinger mutig sein Hirtenamt zur Mahnung und Warnung in die Zeit hinein wahr. Warnend sprach er sich gegen „Mutlosigkeit, Feigheit und Glaubensarmut“ der Christen gegenüber dem Zeitgeist aus, und dass das Christliche „in der Politik entweder zur vernunftlosen revolutionären Begeisterung für das kommende messianische Reich oder zu leerem Konservativismus, der sich ans Bestehende klammert“, verfällt. Nach dem Deutschlandbesuch von Papst Johannes Paul II. kritisierte Ratzinger in der Silvesterpredigt 1980 die Vertreter eines in der Kirche verbreiteten Menschenbildes, „die die Schwäche des Menschen zum Grundprinzip für alles andere machen und sie geradezu zu einem ,Menschenrecht‘ erklären. Christus hingegen hat uns gelehrt, dass der Mensch vor allem ein Recht auf die eigene Größe hat, ein Recht auf das, was ihn eigentlich überragt! Auf dieses wahre Menschenrecht müssen wir pochen gegenüber denen, die den Menschen niederhalten wollen und die ihm einreden, was schon die Schlange dem Menschen im Paradies eingeredet hat, dass Gott nur ein Gott der Verbote sei.“

Aus heutiger Sicht hat sich hier inzwischen ein Paradigmenwechsel von epochalem Ausmaß ereignet, beispielsweise hinsichtlich der Unauflöslichkeit der Ehe und der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen. Beides geschieht eben nicht zufällig zur gleichen Zeit. Liest man heute staunend die große Antwort auf die Friedensbewegung (Silvester 1981), so entsprechen ihr theologischer Gehalt und ihre Kraft der Analyse einer meisterhaften Enzyklika. Ebenso exemplarisch wie das klare und unaufgeregte Hirtenwort in die Zeit sind vor allem die klassischen Homilien Ratzingers. In einer klaren Sprache ohne Anbiederung wird jeweils auf dreieinhalb Seiten das Evangelium meist im Zusammenhang mit den Lesungen schriftnah ausgelegt. Die grundlegende christologische Aussage „Jesus spricht auf der gleichen Ebene wie Gott, nicht einfach als ein anderer Mose, sondern mit der Autorität Gottes selbst“ (Freitag 1. Fastenwoche 1993) ist die Basis der gesamten, während des Pontifikats entstandenen Trilogie „Jesus von Nazareth“.

Gesamtbiblische Auslegungspraxis in Ratzingers Predigtwerk

Ratzingers gesamtes Predigtwerk durchzieht die gesamtbiblische Auslegungspraxis. Stets wird der heilsgeschichtliche Bogen zum Höhepunkt der Offenbarung in Christus geschlagen. So zum Beispiel bei der Namensoffenbarung Gottes am Horeb: „Jesus Christus hat diese Offenbarung am Horeb zu Ende geführt. Es ist, als ob Gott an dem Berg nur zu sprechen begonnen hätte. Jesus sagt das ganze Wort.“ Ausdrücklicher Humor in der Predigt ist bei Ratzinger selten, aber vorhanden: In der Auslegung des Gleichnis vom Wachsen des Senfkorns heißt es, dass es „zum sichtbaren Baum geworden ist, in dem die Vögel des Himmels wohnen, und wenn es manchmal seltsame Vögel sind“ (S. 536). Ein herausragendes Beispiel für die Weiterentwicklung der typologischen Väterexegese ist die Auslegung des Buches Jona als Vorausdarstellung der Sendung Jesu (Lectio Divina 24. Jan. 2003).

Deutlich fällt die Kritik Ratzingers an der vorherrschenden exegetischen Methodik aus: Die Heilige Schrift werde „zu einem Objekt unseres gelehrten Wissens gemacht und sie dann in unseren Besitz genommen. Auch wir ordnen sie ein in das Vergangene und schreiben Jesus vor, was er in dieser Zeit gesagt haben kann, was in seine Situation hineinpasst, was von ihm stammen darf. Auch wir stellen uns gerade, indem wir so das Wort als Objekt unseres Wissens behandeln, letzten Endes nicht unter, sondern über das Wort.“ Bei bloßer Kritik ist es aber nicht geblieben, sondern mit seiner Christologie „Jesus von Nazareth“ hat sich Papst Benedikt intensiv mit der heutigen exegetischen Literatur auseinandergesetzt und einen richtungsweisenden Gegenentwurf gewagt. Ein weiterer wichtiger Grundzug aller Predigten ist ihr eucharistisch-ekklesiologischer Charakter: „Glauben heißt Leben von dem Gott, der Leib ist in der Kirche, leben von diesem leibhaftigen Gott, der uns begegnet in der Gemeinschaft des Glaubens; … der uns in den Sakramenten begegnet und der … sich in der Eucharistie selber als Leib uns schenkt, damit wir in dieses sein Leben eintreten, …“ (19. Sonntag im Jahreskreis 1997).

"Wir alle sind [...] Wildlinge, die in
den heiligen Ölbaum Israels eingepflanzt
werden mussten, um dort Frucht zu tragen"

Ein Argument zur Krise des Missionsgedankens (30. Sonntag im Jahreskreis 1979) kann uns in der gegenwärtig noch verschärften Krise aus der Verwirrung führen: „Der Augenblick, in dem der heilige Bonifatius die Donareiche fällte, bleibt das denkwürdige Zeichen dafür, dass der christliche Glaube nicht unser Baum ist und nicht unser Produkt ist, das wir geschaffen hätten. Wir alle sind, wie der heilige Paulus einmal sagt, Wildlinge, die in den heiligen Ölbaum Israels eingepflanzt werden mussten, um dort Frucht zu tragen. Und nur in solcher Reinigung und Verwandlung unserer selbst können wir uns finden und können wir zu der wirklichen Frucht kommen.“

In den Marienpredigten wird die zentrale These der Mariologie Ratzingers vermittelt: In der Anrede des Engels wird deutlich, dass Maria „der heilige Rest Israels in Person ist, … dass sie lebendige Wohnstatt Gottes ist; dass in ihr sich erfüllt, dass der Herr in ihr wohnt, in ihr Bleibe gefunden hat.“ Unter den Heiligenpredigten ragen besonders die beiden großartigen Ansprachen über den Apostel Andreas (1978 und 1996) heraus und die Predigt über die heilige Agnes, eine tiefe Auslegung des römischen Messkanons. Noch vor den drei großen Franziskuspredigten und der Wolfgangspredigt über das Bischofsamt (31.10.2001) ist eine der vollkommensten die Predigt zum Fest des heiligen Benno (15.6.1980, München). Von der Predigt am Korbiniansfest in Freising (1979) und ihrer Kritik am kirchlichen Apparat zieht sich eine Linie bis zu den Ansprachen von Papst Benedikt in München und Freiburg, die bis heute nichts von ihrer prophetischen Kraft verloren haben: „Ich bin überzeugt, dass die eigentliche Krise der Kirche im Westen auf ihrem Mangel an Kontemplation, das heißt, auf ihrem Mangel an gelassener Stille des Betens, des schauenden und hörenden Verweilens beim Herrn beruht. Würde die Kirche gerettet werden durch die Menge an Geld und Bauten, durch die Menge der hervorgebrachten Papiere und Pläne, durch die Fülle der getanen Arbeit, dann wäre sie überhaupt in der Geschichte nie so groß dagestanden, wie sie jetzt bei uns hier in Deutschland dastehen müsste. Trotzdem spüren wir alle, dass für uns das Wort von Kardinal Newman heute mehr als zu dessen Zeit gilt: Die Sache Christi liegt wie im Todeskampf.“

Bemerkenswerte theologische Begründungen der Kirchenmusik

Bemerkenswert sind noch die beiden theologischen Begründungen der Kirchenmusik, sowie die vorbildliche und unnachahmliche Auslegung der Zeichenhandlungen in den Firmpredigten (S. 1872ff). Von großer Originalität und Meisterschaft sind die beiden Predigten zur Weihe einer Pfarrkirche (1977 und 1979). Im Rituale hat der damalige Erzbischof entdeckt, dass die Liturgie den Kirchenbau wie einen Menschen behandelt: „Sie tut alles an ihm, was an einem Menschen geschehen muss, damit er Christ wird.“
Den Abschluss dieser monumentalen Sammlung bildet die Ansprache zum Requiem für Papst Johannes Paul II. Darin hört man auch den Schmerz des Professors Joseph Ratzinger heraus, wenn er über die Annahme des Bischofsamtes und die Aufgabe der akademischen Lehrtätigkeit spricht. Darin erscheinen beide als „Geopferte“: „Den Unterricht an der Hochschule aufgeben, diese anregende Gemeinschaft mit den Jugendlichen aufgeben, diesen intellektuellen Wettstreit aufgeben, um das Geheimnis des Menschen zu erkennen und auszulegen, um in der Welt von heute die christliche Verwirklichung unseres Daseins gegenwärtig zu machen – das alles musste ihm wie eine Selbstaufgabe vorkommen, wie ein Verlust all dessen, was zur menschlichen Identität dieses jungen Priesters gehörte … und er lernte dann, wie wahr das Wort des Herrn ist: ,Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es gewinnen‘“. Nochmals hat uns Papst Benedikt ein Werk geschenkt mit vielen deutschen Erstübersetzungen und Erstdrucken. Es sind Betrachtungsbücher zum gesamten Kirchenjahr, deren klare und schöne Sprache völlig frei ist von Moralismus, von Banalität und Anbiederung.

Durch die fassliche Länge von meist dreieinhalb Seiten sind die Ansprachen gut verdaulich. Es sind Vorbilder, die neben die klassischen Meisterwerke der Homiletik gehören. Sie sind aber deswegen nicht unzeitgemäß. Ihre christologische Ausrichtung, ihre gesamtbiblisch orientierte Schriftnähe ist in der Gegenwart unerreicht.

Auch wenn eine Schriftstelle oder ein Festinhalt mehrfach ausgelegt werden, niemals finden sich Wiederholungen, stets wird die Perspektive geändert. Die wenigen biographischen Aussagen sind sehr dezent und sprechend. Durchgehend wird die Einheit von Wort und Sakrament betont und die Wortverkündigung auf die Eucharistie hin geöffnet.

Die Ansprachen aus so vielen Jahrzehnten haben nichts von ihrer Frische und Unmittelbarkeit verloren. Nicht zuletzt wird den Bischöfen ein Vorbild gegeben für das mutige Hirtenwort gelegen oder ungelegen. Erst sein Schüler Possidius hat die hinterlassenen Predigten des heiligen Augustinus geordnet und er tat dies nach eigenen Worten, „damit ein jeder von denen, die Gottes Wahrheit mehr als zeitliche Schätze lieben“, für sich daraus auswählen könne. Wenn nicht heute, so werden die Predigten von Papst Benedikt in der Zukunft zu Lesern gelangen, die den Ruf hören: „Tolle lege!“ (Nimm und lies!).

Joseph Ratzinger: Predigten. Homilien – Ansprachen – Meditationen. 3 Bde. (Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften Bd. 14 /1-3). Verlag Herder Freiburg 2019, geb., 2.143 Seiten, EUR 245,–