Würzburg

Der Apostel der polnischen Arbeiter

Anna Meetschen zeichnet in einer einfühlsamen Biografie das Lebenszeugnis des seligen Jerzy Popie³uszko nach.

Jerzy Popieluszko
Jerzy Popie³uszko. Foto: KNA

Ich ging mit großem Lampenfieber dorthin. Die Situation war völlig neu. Was finde ich dort? Wie werden sie mich aufnehmen?“ So beschreibt Jerzy Popie³uszko seine Gefühle und Gedanken auf seinem Weg in die Huta Warszawa am 31. August 1980, das war damals ein Sonntag. Am 29. August – am Fest der Enthauptung des heiligen Johannes des Täufers – waren dort zehntausend Stahlarbeiter in den Streik getreten, um gegen die am 1. Juli von den kommunistischen Behörden eingeführten enormen Preiserhöhungen zu protestieren.

Zwei Wochen zuvor hatte sich auf der Danziger Werft ein überbetriebliches Streikkomitee gebildet und den Elektriker Lech Walesa zu ihrem Sprecher gewählt. Niemand wird damals auch nur geahnt haben, dass dieser Mann bald darauf Vorsitzender der Gewerkschaft Solidarnoœc werden, nur drei Jahre später den Friedensnobelpreis erhalten und von 1990 bis 1995 Staatspräsident Polens sein würde.

Diese Tatsachen verdeutlichen, in welche historische Dimension Jerzy Popie³uszko von Gott hineingestellt worden war, als der am 14. September 1947, also am Fest Kreuzerhöhung Geborene, sich kurz vor seinem 33. Geburtstag auf den Weg in die Stahlhütte begab, weil die dort Streikenden um einen katholischen Priester für die Sonntagsmesse gebeten hatten.

Applaus für den ersten Priester dieses Betriebes

Wie er empfangen wurde, beschreibt Anna Meetschen in ihrer Biografie des 2010 seliggesprochenen Popie³uszko so: „Nachdem er das Hüttentor passiert hatte, begrüßten ihn die Stahlarbeiter mit großem Applaus. ,Es war Applaus für den ersten Priester, der in der Geschichte dieses Betriebs durch das Tor ging. Applaus für die Kirche, die dreißig Jahre lang vergeblich an die Tore der Fabriken geklopft hat.‘ Als Jerzy Popie³uszko in die Hütte kam, war bereits alles für die heilige Messe vorbereitet: der Altar, das Kreuz, der Beichtstuhl. Nach der Beichte feierte Popie³uszko zusammen mit dem Geistlichen Lucjan Ko³odziej die heilige Messe, an der fast alle streikenden Stahlarbeiter teilnahmen. Die Lektoren waren Arbeiter, sie sangen auch die religiösen Lieder mit lauter Stimme.“

1953 waren in Ostberlin die Arbeiter gegen die DDR-Diktatur auf die Straße gegangen, 1956 waren in Budapest die ungarischen Arbeiter ihrem Bespiel gefolgt. Beide Aufstände sind mit Panzern blutig niedergeschlagen worden. Widerstand gegen ihren totalitären Machtanspruch waren die Kommunisten gewohnt, als sich 1980 die polnischen Arbeiter gegen ihre Schinder erhoben. Neu für sie war die enge Verbindung mit der katholischen Kirche.

Wie bedeutsam die Seelenstärkung durch die erste heilige Messe in der Warschauer Stahlhütte war, lässt die Autorin, die die Auslandsabteilung des Pressebüros des Polnischen Bischofskonferenz leitet, den späteren Solidarnoœc-Vorsitzenden Karol Szadurski erzählen: „Ich erinnere mich daran, wie die Arbeiter aussahen, die von der Messe zurückkamen, wie erbaut sie waren. Ein Lächeln leuchtete endlich auf ihren Gesichtern. Streik heißt Angst, man weiß nicht, wie er enden wird. Die Arbeiter aber waren sehr getröstet.“

Jerzy Popie³uszko wird zum öffentlich sichtbaren Sinnbild

Außerhalb Polens wird Papst Johannes Paul II. das weltweit sichtbare Haupt im Kampf gegen den menschenfeindlichen Kommunismus. Innerhalb Polens konzentriert sich die spirituelle Dimension des antikommunistischen Widerstands in der Person des einfachen Priesters Jerzy Popie³uszko. Er wird zum öffentlich sichtbaren Sinnbild für die katholische Tiefendimension des Freiheitskampfes der polnischen Arbeiter. Die von ihm geleiteten „Messen für das Vaterland“ mobilisieren Hunderttausende. Seine Predigten sprechen aus, was niemand öffentlich zu sagen wagt. Popie³uszko zieht Menschen an, die nach 40 oder 50 Jahren erstmals wieder beichten, um sich mit Gott versöhnen zu lassen.

„Popie³uszko war das Meisterstück gelungen“, schreibt Anna Meetschen, „den Arbeitern nicht nur neue Hoffnung zu geben, sondern auch ihren Glauben zu vitalisieren und mit ihrer Arbeitslage zu verbinden. Eine Verbindung, die damals für viele westliche Beobachter völlig surreal wirkte. Arbeiter mit Rosenkränzen? Gewerkschaftliche Forderungen mit Vaterunser? Ausgerechnet der gesundheitlich labile, schwächliche Priester war zum religiös-charismatischen Antriebsmotor für eine Massenbewegung geworden, die sich vom Kriegsrecht nicht aufhalten lassen wollte.“

In den Augen der roten Machthaber wurde Popie³uszko in allerkürzester Zeit zu einem ihrer Hauptfeinde. Nach einer langen Reihe von Drohungen und Schikanen gelang es am 19. Oktober 1984 schließlich drei Schergen der polnischen Staatssicherheit, ihn zu entführen und gleich darauf brutal zu ermorden. Sie fesselten ihn, schlugen sein Haupt blutig und warfen ihn in die Weichsel. Der von Steinen beschwerte Leichnam wurde erst am 30. Oktober gefunden.

Popie³uszko „machte nichts anderes, als den Glauben aufzuzeigen

An der Beerdigung am 3. November auf dem Friedhof der heiligen Stanislaus-Kostka-Kirche nahmen sechs Bischöfe, eintausend Priester und 800 000 Gläubige aus ganz Polen teil und ebensoviel Menschen besuchen mittlerweile jährlich Popie³uszkos Grab. Seine Mutter Marianna wird nach der Trauerfeier sagen: „Die Mörder haben nicht mit meinem Sohn gekämpft, sondern sie haben mit Gott gekämpft. Sie haben die ganze Kirche angegriffen.“ In seinem Vorwort schreibt Martin Lohmann: Jerzy Popie³uszko „machte nichts anderes, als den Glauben aufzuzeigen. Und genau das störte in einer zur Gottlosigkeit erklärten Welt Polens.“

Bereits unmittelbar nach seinem Tod begannen die Menschen zu Jerzy Popie³uszko zu beten. Bis zum heutigen Tag sind Heilungswunder von Krankheiten und Unfällen bezeugt, und die polnischen Katholiken hoffen sehr, dass der selige Jerzy Popie³uszko sehr bald auch heiliggesprochen wird. Die vorliegende Biografie ist ein Vademecum für unsere Zeit.

Anna Meetschen: Jerzy Popie³uszko und das Wunder seines Lebens. Mit einem Vorwort von Martin Lohmann. fe-medienverlag, Kißlegg 2019,

ISBN: 978-3863572297, EUR 10,–

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