Krieg und Gnade

Zwischen den Fronten rang Franz Stock um Seelen – Nun liegen seine Schriften vor. Von Regina Einig

Geschichte erschließt sich am einprägsamsten durch Gesichter. Der Paderborner Diözesanpriester Franz Stock (1904–48) verkörpert dieses Prinzip. Während des Zweiten Weltkriegs leitete er die deutsche katholische Mission in Paris und begleitete als Gefängnisseelsorger tausend Verurteilte – überwiegend Franzosen – zur Hinrichtung. Nach Kriegsende blieb er freiwillig und ging mit hunderten deutschen Theologen in Gefangenschaft. 1945 gründete er mit französischer Hilfe das sogenannte „Stacheldrahtseminar“ bei Chartres, das deutschen Kriegsgefangenen die Vorbereitung auf die Priesterweihe ermöglichte.

Zum 70. Todestag des Sauerländers im Februar 2018 haben die Freunde auf beiden Seiten des Rheins seine bisher nicht veröffentlichten Schriften herausgegeben. Stock, für den ein Seligsprechungsverfahren eingeleitet ist, verfasste sie in Frankreich und wählte unterschiedliche Stile: Wie eine Chronik dokumentiert „Das Tagebuch der Erschossenen“ Stocks Tätigkeit als Gefängnisseelsorger. Ein echtes Tagebuch liegt aus seiner Zeit in Cherbourg vor. Zeitgeschichtlichen Wert hat das von Stock verfasste Fragment über das Stacheldrahtseminar. Ergänzt wird es von seinem geistlichen Vermächtnis: der Ansprache anlässlich der Schließung des Seminars im April 1947.

Auf den ersten Blick mag die Lektüre des „Tagebuchs der Erschossenen“ als Zumutung erscheinen. Knapp protokolliert hält der Verfasser mit buchhalterischer Akribie Hinrichtungen, Beichten und Kommunionen fest. Doch zwischen den Zahlen dokumentiert Stock in erster Linie das Handeln Gottes. Oft ist den Namen der Toten ein „alle haben vorher gebeichtet und kommuniziert“ beigefügt. In etlichen Fällen entpuppte sich das Todesurteil als Türöffner für den Seelsorger. „Er hatte allen Mut verloren, durch mich bekam er Zuversicht. Starb mit gläubigem Herzen“, hält er im Februar 1942 fest. Ungetaufte wurden in die Kirche aufgenommen, kirchenferne Verurteilte fanden zu Gott zurück. Als Seelsorger wird Stock zum Chronisten der Gnade: „Er betete sich in den Tod hinein“ hält er nach der Hinrichtung eines 59-Jährigen fest.

Hinter Gefängnismauern erlebte der Geistliche Erfolge und Gegenwind. Um die Seelen kommunistischer Verurteilter kämpfte er oft vergebens. Sein aufreibender Dienst – „wer kann einen Blinden weinen sehen? Tiefste Erschütterung!“ paarte sich jedoch mit seelischer Widerstandskraft. Allein und mit seinen Pfarrkindern pflegte er intellektuelle und künstlerische Interessen, hielt geistliche Vorträge, deren Themen ihn als frommen und zugleich gebildeten Seelsorger ausweisen. Kultur und Natur des Gastlandes speisten seine Lebensfreude.

Stocks Schriften konterkarieren Vorurteile über Deutschland und Frankreich als unversöhnliche Erbfeinde. Nach Kriegsende stehen die Aufzeichnungen unter dem Vorzeichen des Staunens: zum einen gegenüber den religiös ausgehungerten Gefangenen, die Trost im Glauben suchten und ihm bewusst machten, dass er als Priester gebraucht wurde. Darüber hinaus belegen die Aufzeichnungen, wieviel Unterstützung deutsche Theologen in Kriegsgefangenschaft aus französischen Kirchenkreisen erhielten. Ohne Wohltäter im Klerus und in den Klöstern hätte das Stacheldrahtseminar keine zwei Jahre bestehen können.

Die Stärke des Buchs liegt in der dokumentarischen Dichte. Der Leser erfährt eine Fülle von Fakten und Hintergründen über das geistliche Leben Frankreichs in der Besatzungszeit, ergänzt durch Anhänge und Register. Aufschlussreich ist die Einleitung: Der Historiker Étienne François zeichnet ein psychologisch fein austariertes Bild des Priesters Stock und verzichtet darauf, sein Lebenszeugnis auf rein weltliche Kategorien („der große Europäer“) herunterzubrechen. Zwar hat der Wunsch nach deutsch-französischer Aussöhnung Stock geprägt, doch letztlich blieben reine Nationalfragen für ihn Nebenschauplätze. Er ging nicht freiwillig in Gefangenschaft, um gesellschaftspolitische Ziele zu erreichen oder gegen den Nationalismus zu kämpfen. Stock wollte Priestern den Weg in eine missionarische Kirche ebnen. Das mag in verkündigungsscheuen Zeiten mit geringer Wertschätzung des Priesters wenig Eindruck machen. Doch anders wird man dem Zeugnis des Abbés nicht gerecht.

Der Leser begegnet einem engagierten Seelsorger, keinem Widerstandskämpfer. Während der deutschen Besatzung bewies Stock in Paris die Fähigkeit zu Balanceakten und besorgte sich in Berlin eine Bescheinigung politischer Unbedenklichkeit. Mitunter scheint es bei der Lektüre, als habe der Abbé über den Fronten geschwebt, etwa nach einem Ausflug mit Reichsverkehrminister Dorpmüller in die Bretagne 1942, den er ohne Unbehagen kommentiert: „Interessante Tage, leider zu kurz“.

Dennoch duckte er sich vor der Tragödie der Zeit nicht weg: „Ich verschreibe mich den unglücklichsten meiner Gemeindemitglieder. Sie sind Juden.“ Stock weigerte sich, Uniform zu tragen und behielt die Soutane an, nahm jedoch auch das Reichsverdienstkreuz entgegen. Dass er in Frankreich bis zu einem gewissen Grad auch geistlichen Illusionen erlag, deutet sich in seiner Ansprache anlässlich der Seminarschließung an: Dass „unsere Zeit des Individualismus müde ist“ sollte sich als unzutreffend erweisen. Duktus und Perspektive der Rede nehmen den Pathos des klerikalen Aufbruchsjargons der Konzilsgeneration schon vorweg. Welche Kraft die katholische Tradition in Frankreich nach dem Krieg freisetzen sollte, ahnte Abbé nicht. An keiner Stelle befasste er sich in seinen Schriften mit der Erneuerungsbewegung von Solesmes oder der Französischen Schule. „Es kommt darauf an, Kind seiner Zeit zu sein“, schrieb er in seiner berühmten Rede. Étienne François hebt zu Recht den progressiven Zug in Stocks Zukunftsperspektiven hervor und stellt ihn in die Linie der französischen Arbeiterpriester. Auch sie sind Geschichte.

Jean-Pierre Guérend (Hg.): Franz Stock. Wegbereiter der Versöhnung.

Tagebücher und Schriften. Herder

Verlag, Freiburg 2017, 288 Seiten,

ISBN 978-3-451-37893-5, EUR 25,–

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