Klingender Kurort an der Saale

Der „Kissinger Sommer“ verwandelt die fränkische Badestadt im Juni und Juli in ein Mekka der Musik

Umfragen bestätigen es: Bad Kissingen darf sich „bekanntester Kurort Deutschlands“ nennen. Über 1,5 Millionen Übernachtungen zählt die Statistik. Nicht wenige davon dürften auf das Konto des „Kissinger Sommers“ gehen. Das Festival hochkarätiger klassischer Musik lockt seit 23 Jahren im Juni und Juli in die gepflegte Kurstadt im nördlichen Unterfranken.

Der „Kissinger Sommer“ ist wie selten ein Musikfestival am Ort verwurzelt. Von Anfang an unterstützten weitsichtige Bürgerinnen und Bürger das Projekt. Seit 1992 sind sie im Förderverein Kissinger Sommer zusammengeschlossen, der als Sponsor bisher über eine Million Euro aufgebracht hat. 2008 unterstützt er das Festival mit 70 000 Euro. Ungewöhnlich ist das private Engagement Kissinger Musikliebhaber: Sie nehmen Künstler als Gäste bei sich auf oder laden nach den Konzerten zu fröhlichen Feiern ein. So fühlen sich die Musiker wohl in Bad Kissingen und kommen gerne zurück.

Ein weiterer Grund ist sicherlich der Große Saal des Regentenbaus, 1913 vom damaligen Stararchitekten Max Littmann vollendet. Die Sängerin Marilyn Horne bezeichnete dieses Kleinod nach ihrem umjubelten Recital 1986 als „einen der besten Konzertsäle Europas, speziell für Sänger“. Die Vertäfelung aus Kirschbaum mit Intarsien aus Ebenholz gibt dem Saal nicht nur eine noble Atmosphäre, sondern trägt die Musik kraftvoll und zugleich transparent in den Raum.

Nicht nur die Bauten und die reizvolle Umgebung am Ufer der Saale locken Künstler wie Zuhörer. Ein Erfolgsfaktor ist die ebenso umtriebige wie fürsorgliche Intendantin Kari Kahl-Wolfsjäger. Sie kümmert sich persönlich um jeden, ob jugendlicher Anfänger oder legendärer Star. In ihrer 23-jährigen Amtszeit hat sie es geschafft, große Künstler in die kleine Stadt zu holen: Krzysztof Penderecki, Svjatoslav Richter, Grigori Sokolov, Lang Lang, Rolando Villazon.

Auch die Besetzungsliste der 52 Konzerte dieses Sommers wartet mit illustren Namen auf: Cecilia Bartoli, Misha Maisky, Agnes Baltsa, Frank Peter Zimmermann, Rudolf Buchbinder, Sabine Meyer, das Minguet Quartett und das Royal Philharmonic Orchestra London. Nicht zu vergessen Alfred Brendel: Neben Wien, Paris oder München hat er eben auch Bad Kissingen in seine Abschiedstournee aufgenommen. Am 1. Mai spielte er ein bewegendes Konzert im Regentenbau.

Doch Kari Kahl-Wolfsjäger kümmert sich auch hingebungsvoll um musikalischen Nachwuchs. Manch jugendlicher Solist hat in Bad Kissingen seine Karriere begonnen oder den Sprung auf internationale Podien geprobt. Maxim Vengerov zum Beispiel, der als Sechzehnjähriger erstmals mit Orchester im Regentenbau auftrat und regelmäßig nach Bad Kissingen zurückkommt. Oder Miroslav Kultyshev, Zweiter Preisträger des Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerbs 2007. Er war fast noch ein Kind, als er in Bad Kissingen seine erste Chance erhielt.

Heuer kommen aus dieser Elite-Riege zum Beispiel der Geiger Vadim Repin, der Cellist Danjulo Ishizaka, der Pianist Piotr Anderszewski und die norwegische Trompeterin Tine Thing Helseth. Das „Präludium“ am 13. Juni gestaltet der 13-jährige Dimitri Mayboroda, im letzten Jahr jüngster Teilnehmer der Kissinger KlavierOlympiade für Nachwuchspianisten. In vier Konzerten der Kissinger „Klang-Werkstatt“ stellt sich begabter Nachwuchs vor, begleitet von namhaften Solisten wie dem norwegischen Geiger Arve Tellefsen, dem Cellisten Alban Gerhardt und der Pianistin Elena Bashkirova.

Wertvoll wird das Festival nicht so sehr durch den Glamour der großen, oft ausverkauften Symphoniekonzerte. Sie bringen zwar die Stars, aber leider auch allzu austauschbare Programme: immer wieder Beethoven, Brahms, Dvorák oder Schumann. Doch einer Gattung wie dem Lied, das in der breiten Wahrnehmung zunehmend schwindet, bietet der „Kissinger Sommer“ eine willkommene Nische.

Hier stellt sich der hoffnungsvolle Tenor Daniel Behle mit Schubert, Schumann und eigenen Liedkompositionen vor; hier wechselt Endrik Wottrich einmal vom Wagner-Fach zum Gestalter musikalischer Miniaturen von Schumann und Liszt; hier singen Anne Vondung und Werner Güra in der sommerlich erhebenden Atmosphäre von Kloster Maria Bildhausen. Und in den beiden Konzerten der „Lieder-Werkstatt“ ist zu hören, was Sänger, Klavierbegleiter und Komponisten gemeinsam erarbeitet und geprobt haben: Uraufführungen von Liedern auf Texte Friedrich Rückerts von Wilhelm Killmayer, Aribert Reimann, Wolfgang Rihm, Peter Ruzicka und anderen Zeitgenossen, ergänzt durch Rückert-Lieder von Clara und Robert Schumann bis Robert Franz. Werner Häussner

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