Keine Berufung darf verloren gehen

In vielen Ländern des Südens fehlt es nicht an Berufungen, sondern an finanziellen Mitteln. Die Päpstlichen Missionswerke in Österreich ermöglichten in den vergangenen 30 Jahren mehr als 17 000 Priestern eine angemessene Ausbildung. Von Andreas Thonhauser
Foto: missio/Zeche | In Afrika kommen auf einen Priester 4 741 Gläubige. In Europa sind es 1 415. Deshalb ist die Ausbildung von Seminaristen so wichtig für die Kirche auf dem schwarzen Kontinent.
Foto: missio/Zeche | In Afrika kommen auf einen Priester 4 741 Gläubige. In Europa sind es 1 415. Deshalb ist die Ausbildung von Seminaristen so wichtig für die Kirche auf dem schwarzen Kontinent.

Er hält seine Kerze fest in der Hand. Auf diesen Tag bereitete sich Wilson lange vor. Neben ihm stehen 27 weitere junge Männer. Sie alle warten gespannt, bis sie an die Reihe kommen. Wilson ist im Begriff, einen großen Schritt in seinem Leben zu machen: Er hat sich entschlossen, seine Ersten Gelübde abzulegen. Nach zwei Jahren im Noviziat in Ruteng, einer kleinen Stadt in den Bergen der Mangaray auf der indonesischen Insel Flores, weiß er: Das Leben als Steyler-Missionar sagt ihm zu, es ist das Richtige für ihn.

Seine Eltern sind gekommen, um an diesem strahlend schönen Augustmorgen der Feier der Novizen der katholischen „Gesellschaft des Göttlichen Wortes“ beizuwohnen. Für sie ist es ein freudiger und gleichzeitig trauriger Anlass: Ihr Sohn wird für immer Abschied von ihnen, von seiner Heimat und seinen Freunden nehmen und ab September im weit entfernten Priesterseminar seine Studien der Philosophie und später der Theologie beginnen. Die Entscheidung, Priester zu werden, war lange in Wilson gereift. Bereits in der Volksschule auf Flores war er fasziniert von den Seminaristen, die den Schülern von ihrem Leben erzählten. „Durch die Entscheidung für diesen Weg kann ich mein Dasein für andere verschenken“, erklärt der 20-Jährige seinen Schritt. Den Glauben an Jesus Christus möchte er vor allem durch den Dienst am Nächsten bezeugen.

Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass Wilson und die anderen Seminaristen von Flores im diözesanen Priesterseminar von Maumere studieren können. In vielen Ländern des Südens gibt es mehr Kandidaten als Plätze. Vor allem in Afrika müssen viele Bischöfe angehende Seminaristen nach Hause schicken, obwohl diese zum Priestertum geeignet wären. Es ist einfach zu wenig Geld da, um die jungen Männer auszubilden und zu ernähren.

Deshalb unterstützen die Päpstlichen Missionswerke in Österreich bereits seit Jahrzehnten die Ausbildung von Priesterseminaristen. Missio-Nationaldirektor Leo Maasburg sagt: „Die Ortskirchen in den südlichen Ländern haben kaum finanzielle Mittel für die Ausbildung der Seminaristen. Immer wieder berichten mir Bischöfe verzweifelt davon, dass sie interessierte Kandidaten abweisen müssen.“ Dabei sind es gerade die Priester, die in Afrika, Asien, Lateinamerika und Ozeanien die Liebe Gottes in den entlegenen Dörfern, in den überquellenden Slumgebieten der Großstädte, unter Hungernden, Gequälten und Vertriebenen aufleuchten lassen.

Diese große Not kennend, bemühen sich die Päpstlichen Missionswerke in Österreich seit 1979, die Ausbildung künftiger Priester zu übernehmen. 17 000 Priesterweihen wurden so ermöglicht. Das sind über einen Zeitraum von 30 Jahren eineinhalb Priester pro Tag, die durch österreichische Spenden ihre Ausbildung abschließen konnten. Missio steht in permanentem Kontakt mit 110 Priesterseminaren in mehr als 40 Ländern. Aktuell können 3 500 Seminaristen mit Hilfe österreichischer Patenschaften Theologie studieren. Dennoch liegen zusätzliche 300 bis 400 Anträge vor, die noch auf Unterstützung warten.

„Wir versuchen für jeden angehenden Seminaristen einen Paten zu finden, aber leider ist das nicht immer einfach“, so Maasburg. Eine Patenschaft kostet 570 Euro pro Jahr und geht über vier Jahre. Damit ist rund ein Viertel der Gesamtkosten des Seminarplatzes gedeckt. Der Rest wird durch weitere Spenden aufgebracht. Die jungen Männer studieren entweder an den örtlichen Universitäten, für die sie Studiengeld bezahlen müssen, oder die Professoren kommen direkt in das Seminar, was sich aber nur bei den größten auszahlt, die 100 Studenten und mehr ausbilden. Die Kosten für Essen, Unterkunft und Transport müssen noch zusätzlich bezahlt werden. Eine solide Ausbildung ist für Priester in den entlegenen Regionen unumgänglich. Geistliche in Afrika, Asien, Lateinamerika und Ozeanien stehen vor einer Fülle von Herausforderungen. Neben ihrem priesterlichen Dienst sind sie oft die erste Anlaufstelle für Kranke und Hilfesuchende. Im Falle von Naturkatastrophen schenken sie den Menschen Zuversicht, Trost und Hoffnung. Maasburg: „Die Ausbildung von Priestern ist eine kulturelle Errungenschaft. Es ist eine Erfahrung der Kirche durch viele Jahrhunderte, dass Priester gut ausgebildet sein müssen, damit sie ihren Dienst richtig versehen können.“

Auch auf der indonesischen Insel Flores stellte sich dies in den vergangenen Jahrzehnten als richtig heraus. Zwar fehlt es den Menschen nicht an Nahrung. Aber die medizinische Versorgung und die Bildungssituation sind eher dürftig. In vielen Regionen war die Kirche über lange Zeit die einzige Institution, die formale Bildung überhaupt ermöglichte. Während die Christen in Indonesien lediglich eine Minderheit von knapp zehn Prozent sind, bekennen sich auf Flores mehr als 90 Prozent der Bevölkerung zum christlichen Glauben. Das ist vor allem der engagierten Arbeit der Missionsorden wie den Steyler-Missionaren zu verdanken.

Der gebürtige Pole Pater Stani etwa baute 21 Kirchen in der Mangaray-Provinz, deren Hauptstadt Ruteng ist. Offiziell ist der Steyler heute im Ruhestand. Besucher empfängt er mit einem Rosenkranz in der Hand: „Ich bin zwar schon alt, aber arbeiten kann ich immer noch: Jetzt eben nicht mehr mit Schaufel und Spitzhacke, sondern mit meinem Rosenkranz.“ Viele kämen zu ihm und würden ihn um sein Gebet bitten. Natürlich betet er auch für den Priesternachwuchs. Und offensichtlich zeigt seine Fürbitte Wirkung: Fast jährlich treten mehr als 20 Novizen allein aus der Mangaray in die „Gesellschaft des Göttlichen Wortes“ ein. Mindestens noch einmal so viele junge Männer entscheiden sich jedes Jahr, Diözesanpriester zu werden oder einem der anderen zahlreichen Orden auf Flores beizutreten.

Wie dringend das Anliegen der Priesterausbildung ist, verdeutlicht auch ein Blick in die Statistik: Während in Europa ein Priester auf 1 415 Katholiken kommt, sind es in Asien bereits 2 329, in Afrika 4 741 und in Lateinamerika gar 7 083. Es gibt also großen Bedarf. Aber nicht nur aufgrund der Zahlen, wie Maasburg deutlich macht: „Die Welt braucht Priester, weil sie Christus braucht. Wenn sie Christus nicht hat, verfällt sie. Wir nehmen den Auftrag ernst, den uns der Selige Johannes Paul II. einst gab: Keine Berufung zum Priestertum darf aus Mangel an verfügbaren Mitteln verloren gehen!“

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