Im Rausch der tanzenden Fassmacher

Altes Brauchtum wird vom 10. bis 12. Juli in Murnau lebendig – Größtes Schäfflertreffen

Es wird wohl das größte Schäfflertreffen in Bayern seit mehr als zwanzig Jahren werden, freut sich Franz Pittrich, Vorsitzender des „Vereines zum Erhalt des Murnauer Schäfflertanzes“: „Zu unserem 150. Gründungsfest haben wir für den Juli 2009 sämtliche Schäfflergruppen aus dem deutschsprachigen Gebiet eingeladen. Zugesagt haben bereits 31 Gruppen mit zusammen 1 100 Aktiven.“

Auch die Münchner Schäffler – Schäffler werden in Bayern die Fassküfer genannt – werden im Sommer an den oberbayerischen Staffelsee kommen. Bis dahin aber ist im Schlossmuseum Murnau die Geschichte des Schäfflertanzes und des traditionsreichen Handwerks der Fassmacher dokumentiert.

1986 sind die deutschen Schäffler zum ersten und bislang einzigen Treffen in Wasserburg zusammengekommen. In Murnau soll es ein Wiedersehen geben. „Nach langwierigen Recherchen sind wir sicher, eine vollständige Liste der Schäfflergruppen in Deutschland, Österreich und Südtirol zusammengetragen zu haben“, sagt Pittrich. Das war insofern schwierig, als in einigen Orten der Schäfflertanz nicht durch einen eigenständigen Verein organisiert wird. Dort finden sich die Leute zu ihrer Tanzsaison zusammen und gehen danach für sieben Jahre auseinander. Franz Pittrich: „Es hat zwar Hinweise gegeben, dass es auch in Nordamerika Schäffler gibt, aber konkret konnten wir keine Gruppen finden.“

1857 wird die Marktgemeinde Murnau durch einen Brand fast vollständig vernichtet. Nachdem die Häuser wieder aufgebaut worden waren, erinnerte sich der „Schäfflermichl“ alias Johann-Michael Pittrich (1789 –1864) daran, dass seinerzeit die Schäffler in München mit ihrem Tanz und ihrer Fröhlichkeit nach einer langen Epidemie neuen Mut in den Menschen geweckt haben. Das soll jetzt auch in Murnau so sein, nahm er sich vor. Als Vorsitzender der Schäfflerzunft organisiert Pittrich 1859 ein großes Fest, das schließlich alle Vereine und Zünfte zusammen gestalteten. In der Murnauer Marktchronik gilt dieses Ereignis als der Geburtstag des Schäfflertanzes am Staffelsee.

Für die Alteingesessenen der Marktgemeinde ist der Schäfflertanz nicht bloß eine Gaudi, die alle sieben Jahre wiederholt wird, sondern er verbindet Unterhaltung mit Tradition, wie Schäfflervorstand Pittrich sagt: „Es ist halt ein schönes Bild, den Schäfflern bei ihrem Zunfttanz zuzusehen, den Erzählungen der Reifenschwinger zu lauschen und sich an den frechen Verserln der Fasskasperl zu erfreuen.“

Die Organisationsleitung des Jubiläums hat Toni Daisenberger übernommen. Am Freitag, 10. Juli, wird das Fest gegen 18 Uhr mit einem Tanz vor dem Rathaus eröffnet. Am Samstag, 11. Juli, steht ab 11 Uhr ein Sternmarsch durch die Fußgängerzone auf dem Programm. Im Anschluss werden die verschiedenen Gast-Schäfflergruppen an verschiedenen Orten in Murnau ihre Tänze vorführen. Dabei zeigt sich, wie individuell und unterschiedlich getanzt wird. Der Sonntag, 12. Juli, beginnt mit einem Kirchenzug mit Fahnenweihe und endet mit einem Festzug durch Murnau.

Von der Begeisterung für den Schäfflertanz hat sich mittlerweile auch Brigitte Salmen, Leiterin des Schlossmuseums Murnau, anstecken lassen: „Alle sieben Jahre bedeutet der Schäfflertanz ein übersprudelndes Fass voller Lebensfreude. Wir können mit unserer Sonderausstellung die allgemeine Geschichte des Schäfflertanzes in Bayern erzählen. Zentren dieser Reiftänze waren ursprünglich München und Nürnberg – und haben in immer mehr Orten Altbayerns an Bedeutung gewonnen.“

Mit einer Legende will Brigitte Salmen jedoch aufräumen: „Dass der Schäfflertanz als Folge einer überstandenen Pest 1517 in München entstanden sein soll, klingt schön, ist aber lediglich eine Erzählung aus dem 19. Jahrhundert. Reiftänze gehörten seit dem 16. Jahrhundert zum festen Brauchtum der Handwerkszünfte. Dazu brauchte es keine Epidemien. Eines ist aber bis heute geblieben, nämlich das Anliegen der Schäffler, den Menschen mit ihrer Lebensfreude Mut zu machen.“

Die Ausstellung in Murnau dokumentiert mit Bilddokumenten den choreografischen Ablauf eines Schäfflertanzes, erzählt, wie der Militärobermusiker mit dem sonderbaren Namen „Siebenkäs“ die Melodie „Aba heid is koid“ komponierte, und gibt in einer nachgebauten Schäfflerwerkstätte Einblicke in das Alltagsleben der Fassmacher. Salmen: „Zu den wichtigsten Ausstellungsstücken gehört ein kunstvoll gestalteter Tanzstab mit den Initialen J.P. und der Jahreszahl 1837. Wir nehmen an, dass der Stab dem Schäfflermichl gehörte, der damit möglicherweise als Vortänzer beim Münchner Schäfflertanz mitmachte.“ Die Exponate – Fässer, Kronenstangen, Tanzreifen, Kleidungsstücke und historische Fotografien – stammen aus Murnauer Privatbesitz, aus dem Bestand des Murnauer Schäfflervereines oder sind Leihgaben des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg, des Münchner Stadtmuseums und des Freilichtmuseums auf der Glentleiten bei Großweil. Zu sehen ist die Ausstellung bis einschließlich Sonntag, 12. Juli, unter dem Titel „(Un)faßbar. 150 Jahre Schäfflertanz in Murnau“.

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