Glaube und Vernunft für das Leben

Der unermüdliche Einsatz von Papst Benedikt XVI. für eine weltweite „Kultur des Lebens“ findet bislang eher wenig Beachtung – Zu Unrecht

Wenn von der „Kultur des Lebens“ die Rede ist, denken Anhänger wie Feinde der Kirche zunächst an Johannes Paul II. Und das sicher zu Recht. Denn in seinem mehr als ein Vierteljahrhundert währenden Pontifikat stellte sich der polnische Gigant auf dem Stuhl Petri der „Kultur des Todes“ energisch in den Weg, betonte ohne Unterlass die prinzipielle Unantastbarkeit menschlichen Lebens und warf seine ganze Autorität in die Waagschale, um überall auf der Welt für das Gegenmodell einer „Kultur des Lebens“ zu werben.

Die Frage nach dem Schutz des Lebens ist eine kulturelle

Doch so verkehrt es wäre, Johannes Paul II. deswegen auf seinen Einsatz für den Schutz des Lebens zu reduzieren, so falsch wäre es, in Papst Benedikt XVI. einen Stellvertreter Christi zu vermuten, für den die „Kultur des Lebens“ von nachrangiger Bedeutung wäre. Dies gilt allein schon deshalb, weil der jetzige Papst als Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation qua Amt und darüber hinaus zu den wichtigsten Mitarbeitern und einflussreichsten Ratgebern seines Vorgängers zählte. Als solcher hatte er nicht nur im März 1987 – also zu einer Zeit, in der „Bioethik“ noch kein geläufiger Begriff des öffentlichen Diskurses war – die Instruktion „Donum vitae“ „über die Achtung vor beginnenden menschlichen Leben und die Würde der Fortpflanzung“ veröffentlicht. Auch am Beginn der 1995 erschienenen Enzyklika „Evangelium vitae“, die wohl als das Lehrschreiben betrachtet werden darf, mit dem Johannes Paul II. in der säkularen Welt am meisten Aufsehen erregte, stand ein Vortrag Joseph Kardinal Ratzingers.

Wie der Biograf Johannes Pauls II., der US-amerikanische Theologe George Weigel in „Zeuge der Hoffnung“ schreibt, hatte der Präfekt der Glaubenskongregation vor den versammelten Kardinälen, die Anfang April 1991 in Rom zu einem außerordentlichen Konsistorium weilten, „den Kern des Problems im philosophischen Nihilismus der zeitgenössischen westlichen Hochkulturen ausgemacht: Wenn in der Gesellschaft eine ,Freiheit der Gleichgültigkeit‘ herrsche, sei die Würde des Lebens ernsthaft gefährdet.“ Als warnendes Beispiel aus der deutschen Geschichte führte Ratzinger die Weimarer Republik an. Wenn man den moralischen Relativismus im Namen der Toleranz durch Gesetze verabsolutiere, relativiere man die Grundrechte und öffne dem Totalitarismus Tor und Tür. In einer Gesellschaft, die es nicht mehr verstand, öffentlich für absolute Werte einzutreten, sei es dem Nationalismus leicht gefallen, die elementarsten Menschenrechte zu verletzen. Abtreibung, Euthanasie und die Manipulation des Lebens zu Zwecken der Eugenik oder für wissenschaftliche Experimente seien daher nicht ,katholische‘ Fragen, sondern Fragen der Kultur.“

Es wäre sicher spannend zu erfahren, ob sich Johannes Paul II. von diesem Vortrag Kardinal Ratzingers zu der Schöpfung der Begriffe der „Kultur des Lebens“ und der „Kultur des Todes“ inspirieren ließ oder ob dieser das Begriffspaar im späteren Verlauf des langen Schaffensprozesses von Evangelium vitae, um deren Abfassung die Kardinäle Johannes Paul II. am Endes des Konsistoriums baten, gar selbst beisteuerte. Wie auch immer. Tatsache ist: Hinsichtlich des Stellenwertes, den Johannes Paul II. und Benedikt XVI. dem Lebensschutz beimessen, passt kein Blatt Papier zwischen diese beiden Päpste. So gibt es denn auch, obwohl das Pontifikat des Deutschen auf dem Stuhl Petri erst fünf Jahre währt, längst eine ganze Reihe von Texten, in denen Benedikt XVI. ebenso ausführlich wie nachdrücklich den Schutz des menschlichen Lebens anmahnt und begründet. Ob es sich um Ansprachen an neue ernannte Botschafter, an Begegnung mit seinen Mitbrüdern im Bischofsamt, die zu Ad-limina Besuchen in Rom weilen, handelt, ob um Ansprachen vor den Päpstlichen Akademie oder um Predigten bei seinen Pastoralbesuchen, immer wieder umkreist Benedikt XVI. dabei auch die Themen Abtreibung, Euthanasie, künstliche Befruchtung und genetische Selektion.

Selbst wenn es sich dabei eigentlich um politische Ideologien wie den Kommunismus und Kapitalismus dreht, um philosophische Konzepte, wie den Nihilismus und den moralischen Relativismus; ob es um die Bekämpfung der Armut oder um die Bewahrung der Schöpfung geht, ob um Tugenden und schützenswerte Werte wie Gerechtigkeit und Nächstenliebe, Ehe und Familie, stets entfaltet der Papst hier ein ganzes Panorama, zu dessen zentralen Mosaiksteinen immer auch die Unverfügbarkeit menschlichen Lebens zählt. Erstaunlicher noch als die Vielfalt der Zugänge, die der Papst dem Schutz menschlichen Lebens dabei bahnt, ist vielleicht nur, dass Benedikt XVI. sich dabei, obwohl es sich doch stets um die gleiche Materie handelt, so gut wie nie wiederholt. Dasselbe immer wieder neu zu durchzudringen, ihm ständig weitere Facetten abzuringen und in einen bisweilen überraschenden Zusammenhang zu ganz Anderem zu setzen, das vermögen selbst große Geister nur dann, wenn sie nicht bloß mit ihrem mächtigen Verstand, sondern auch mit dem Herzen ganz bei Sache sind.

Die soziale Frage ist zu einer anthropologischen geworden

Wer sich in die Predigten, Ansprachen und Enzykliken Benedikts XVI. vertieft, der merkt denn auch rasch, dass hier nicht bloß ein wirklicher Gelehrter, sondern auch ein großer Weiser spricht; einer der alles, was er lehrt, bis in den hintersten Winkel mit Herz und Verstand durchdrungen haben muss.

In seiner jüngsten, im vergangenen Jahr erschienenen Enzyklika „Caritas in veritate“ etwa kommt der Papst ausgehend von der Verantwortung des Menschen für die Schöpfung auch auf das Recht auf Leben zu sprechen: „Um die Natur zu schützen, genügt es nicht, mit anspornenden oder einschränkenden Maßnahmen einzugreifen, und auch eine entsprechende Anleitung reicht nicht aus. Das sind wichtige Hilfsmittel, aber das entscheidende Problem ist das moralische Verhalten der Gesellschaft. „Wenn das Recht auf Leben und auf einen natürlichen Tod nicht respektiert wird, wenn Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt des Menschen auf künstlichem Weg erfolgen, wenn Embryonen für die Forschung geopfert werden, verschwindet schließlich der Begriff Humanökologie und mit ihm der Begriff der Umweltökologie aus dem allgemeinen Bewusstsein.“ Es sei ein „Widerspruch“, so Benedikt XVI. weiter, „von den neuen Generationen die Achtung der natürlichen Umwelt zu verlangen, wenn Erziehung und Gesetze ihnen nicht helfen, sich selbst zu achten. Das Buch der Natur ist eines und unteilbar sowohl bezüglich der Umwelt wie des Lebens und der Bereiche Sexualität, Ehe, Familie, soziale Beziehungen, kurz der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen. Unsere Pflichten gegenüber der Umwelt verbinden sich mit den Pflichten, die wir gegenüber dem Menschen an sich und in Beziehung zu den anderen haben. Man kann nicht die einen Pflichten fordern und die anderen unterdrücken. Das ist ein schwerwiegender Widerspruch der heutigen Mentalität und Praxis, der den Menschen demütigt, die Umwelt erschüttert und die Gesellschaft beschädigt.“

In dem Lehrschreiben geht Benedikt XVI. später, im Zusammenhang mit der Bedeutung des rechten Gebrauchs der Technik, auch noch einmal ausführlich auf die Bioethik ein. Er schreibt: „Der wichtigste und entscheidende Bereich der kulturellen Auseinandersetzung zwischen dem Absolutheitsanspruch der Technik und der moralischen Verantwortung des Menschen ist heute die Bioethik, wo auf radikale Weise die Möglichkeit einer ganzheitlichen menschlichen Entwicklung selbst auf dem Spiel steht.“ Es handele sich, so der Pontifex, dabei um einen „äußerst heiklen und entscheidenden Bereich, in dem mit dramatischer Kraft die fundamentale Frage auftaucht, ob sich der Mensch selbst hervorgebracht hat oder ob er von Gott abhängt“. Ohne sich mit Details aufzuhalten, weist Benedikt XVI. auf den entscheidenden Punkt hin, auf den alles Können und Machen in diesem Bereich letztlich hinausläuft: „Die wissenschaftlichen Entdeckungen auf diesem Gebiet und die Möglichkeiten technischer Eingriffe scheinen so weit vorangekommen zu sein, dass sie uns vor die Wahl zwischen den zwei Arten der Rationalität stellen: die auf Transzendenz hin offene Vernunft oder die in der Immanenz eingeschlossene Vernunft. Man steht also vor einem entscheidenden Entweder-Oder. Die Rationalität des auf sich selbst zentrierten technischen Machens erweist sich jedoch als irrational, weil sie eine entschiedene Ablehnung von Sinn und Wert mit sich bringt. Nicht zufällig prallen das Sich-Verschließen gegenüber der Transzendenz und die Schwierigkeit zu denken, wie aus dem Nichts das Sein hervorgegangen und wie aus dem Zufall der Verstand entstanden sein soll, aufeinander. Angesichts dieser dramatischen Probleme helfen sich Vernunft und Glaube gegenseitig. Nur gemeinsam werden sie den Menschen retten. Die vom reinen technischen Tun gefesselte Vernunft ist ohne den Glauben dazu verurteilt, sich in der Illusion der eigenen Allmacht zu verlieren. Der Glaube ist ohne die Vernunft der Gefahr der Entfremdung vom konkreten Leben der Menschen ausgesetzt.“

Die soziale Frage, fährt der Papst fort, sei heute „in radikaler Weise zu einer anthropologischen Frage geworden“, insofern sie die Möglichkeit selbst beinhaltet, das Leben, das von den Biotechnologien immer mehr in die Hände des Menschen gelegt wird, nicht nur zu verstehen, sondern auch zu manipulieren. In der heutigen Kultur der totalen Ernüchterung, die glaubt, alle Geheimnisse aufgedeckt zu haben, weil man bereits an die Wurzel des Lebens gelangt ist, kommt es zur Entwicklung und Förderung von In-vitro-Fertilisation, Embryonenforschung, Möglichkeiten des Klonens und der Hybridisierung des Menschen.“ Hier finde der „Absolutheitsanspruch der Technik“ seinen „massivsten Ausdruck“.

In einer solchen Kultur sei das Gewissen „nur dazu berufen, eine rein technische Möglichkeit zur Kenntnis zu nehmen“. Dabei dürfe man, so der Papst, „die beunruhigenden Szenarien für die Zukunft des Menschen und die neuen mächtigen Instrumente, die der ,Kultur des Todes‘ zur Verfügung stehen“, daher nicht „bagatellisieren“. „Zur verbreiteten tragischen Plage der Abtreibung“ könne, warnt er, „in Zukunft – aber insgeheim bereits jetzt schon in nuce vorhanden – eine systematische eugenische Geburtenplanung hinzukommen.“ Am Ende des Lebens, „auf der entgegengesetzten Seite“, werde „einer mens euthanasica der Weg bereitet, einem nicht weniger missbräuchlichen Ausdruck der Herrschaft über das Leben, das unter bestimmten Bedingungen als nicht mehr lebenswert betrachtet wird“. Hinter diesen Szenarien ständen letztlich „kulturelle Auffassungen, welche die menschliche Würde leugnen“.

Die Kirche folgt dem Licht des Glaubens und der Vernunft

Mitte Januar dieses Jahres sprach der Papst vor den Teilnehmern der Vollversammlung der vatikanischen Glaubenskongregation. Auch dabei widmete er erneut einen großen Teil seiner Ansprache dem Bereich der Bioethik. Er erinnerte zunächst an die von dem Dikasterium 2008 veröffentlichte Instruktion „Dignitas personae – über einige Fragen der Bioethik“, und betonte, dass sie in „voller Kontinuität“ zur früheren Instruktion „Donum vitae“ stehe, um erstere dann auch inhaltlich zu würdigen: „Bei so heiklen und aktuellen Themen wie jenen, die die Fortpflanzung betreffen sowie die neuen Therapien, die die Manipulierung des Embryos oder des menschlichen Erbgutes mit sich bringen“, habe die Instruktion Dignitas personae (DP) „in Erinnerung gerufen, dass „,der sittliche Wert der biomedizinischen Wissenschaft abhängt von der unbedingten Achtung, die jedem Menschen in allen Momenten seines Daseins geschuldet ist, sowie vom Schutz der spezifischen Eigenart der personalen Akte, die das Leben weitergeben‘ (DP 3)“. Auf diese Weise wolle das Lehramt der Kirche seinen Beitrag „zur Bildung der Gewissen“ leisten und zwar nicht nur der Gewissen der Gläubigen, „sondern aller, die die Wahrheit suchen und auf Argumente hören wollen, die vom Glauben, aber auch von der Vernunft herkommen“. „Wenn die Kirche“, so der Papst weiter, „moralische Bewertungen vorlegt für die biomedizinische Erforschung des menschlichen Lebens, folgt sie dabei nämlich sowohl dem Licht der Vernunft wie auch des Glaubens, denn sie ist davon überzeugt, ,dass das, was menschlich ist, vom Glauben nicht nur aufgenommen und geachtet, sondern auch gereinigt, erhoben und vervollkommnet wird‘ (DP 7).“

In diesem Zusammenhang gebe die Instruktion auch eine Antwort auf die „weitverbreitete Denkweise, die den Glauben als Hindernis für die Freiheit und die wissenschaftliche Forschung darstellt, da er eine Ansammlung von Vorurteilen sei, die das objektive Verständnis der Wirklichkeit beeinträchtigen.“ Während diese Einstellung jedoch dazu neige, „die Wahrheit durch den Konsens zu ersetzen, der labil und leicht zu manipulieren ist“, böte „der christliche Glaube einen glaubhaften Beitrag auch im ethisch-philosophischen Bereich: Er liefert keine vorgefassten Lösungen für konkrete Probleme, wie die biomedizinischen Forschungen und Versuche, sondern unterbreitet verlässliche sittliche Einsichten, innerhalb derer die menschliche Vernunft richtige Lösungen suchen und finden kann.“

Wenn Benedikt XVI., anders als Johannes Paul II., in Teilen der Öffentlichkeit bislang noch nicht als ein ebensolch vehementer Verfechter einer „Kultur des Lebens“ wie sein Vorgänger wahrgenommen worden ist, dann liegt das womöglich an seiner außergewöhnlich ausgeprägten Fähigkeit zu integrativem Denken. Johannes Paul II. war in dieser Hinsicht bisweilen prägnanter und plakativer und damit für die Medien auch leichter zu greifen.

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19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer