Gemeinsam entwickeln Christen und Muslime einen Landstrich

Burkina Faso: Beispiel eines zivilgesellschaftlich fruchtbaren Dialogs. Von Martin Bröckelmann-Simon
Foto: Misereor | In Dori sind Christen, die auch von Misereor (siehe Schild) unterstützt werden, gemeinsam mit Muslimen Träger einer Station, die Menschen mit Behinderungen hilft.
Foto: Misereor | In Dori sind Christen, die auch von Misereor (siehe Schild) unterstützt werden, gemeinsam mit Muslimen Träger einer Station, die Menschen mit Behinderungen hilft.

Ein friedliches Neben- oder gar aufbauendes Miteinander unterschiedlicher Religionen und Kulturen, so scheint es, rückt vielerorts in immer weitere Ferne. Dabei kann interreligiöser Dialog einen Beitrag zur Überwindung dieser Differenzen leisten. Allerdings nicht, wenn man diesen Dialog – wie es oft geschieht – als ein Gespräch über Religion begreift, bei dem oftmals nur eigene Standpunkte „verhandelt“ werden. Vielmehr braucht es einen Dialog des Lebens und gemeinsamen Handelns, der ganz praktisch im Alltag verankert ist.

Dieser Dialog des Lebens ist kein frommer Wunsch, es gibt bereits zahlreiche Vorbilder, gelungene Beispiele dafür, dass Menschen unterschiedlichen Glaubens Trennungen überwinden können, ohne etwas von ihrer religiösen und kulturellen Identität preisgeben zu müssen. Eines davon findet sich im muslimisch geprägten Nordosten von Burkina Faso. Der Groß-Imam von Dori und sein katholischer „Amtsbruder“, der Bischof von Fada N'Gourma, begegnen sich stets mit größtem Respekt, weil sie beide um ihre Frömmigkeit und ihre religiösen Überzeugungen wissen.

Doch die Beziehung der beiden Geistlichen basiert nicht einfach auf offenem Dialog und gutem Willen. Ihr Respekt voreinander rührt auch daher, dass sie Partner und Träger eines gemeinsamen, schon 37 Jahre bestehenden Projektes sind: der „Brüderlichen Vereinigung der Gläubigen“ (UFC – Union Fraternelle des Croyants) von Dori. Paritätisch von Muslimen und Christen geführt, arbeitet die Vereinigung für die Verbesserung der Lebensverhältnisse von rund 400 000 Menschen. In den Dörfern der Region wurden Komitees etabliert, in denen Muslime und Christen sehr erfolgreich gemeinsam soziale und ökonomische Probleme angehen. So konnte vielerorts durch konsequenten Ressourcenschutz und geschickte Wasserbewirtschaftung die Ausbreitung der Wüsten verhindert werden, wurden Armut und Landflucht ebenso bekämpft wie Benachteiligung von Frauen. Letztere wurden besonders durch Alphabetisierungskurse gefördert.

Doch warum funktioniert dieses Engagement über religiöse Grenzen hinweg in Dori, während andernorts eine Annäherung unmöglich erscheint? Weil die Angehörigen beider Religionsgemeinschaften – eine davon, die Katholiken, im Übrigen in einer deutlichen Minderheitensituation – nicht darauf schauen, was sie trennt, sondern was sie verbindet. Dieses Verbindende darf nicht zu eng verstanden werden. Es kann ebenso in gemeinsamen Problemen bestehen wie in der Übereinstimmung, dass beide Gruppen grundlegende Werte haben und jeweils ihrem Glauben und ihrer Spiritualität eine große Bedeutung beimessen.

Diese Haltung hat einen unmittelbar friedensfördernden Charakter, weil durch sie praktisch erfahrbar wird, dass jeder Mensch durch seine Religion zum sozialen Handeln motiviert wird und dass es eine gemeinsame „Sozialethik“ gibt, die als Kraftquelle für Entwicklung wirkt. Dafür steht auch der Name „Vereinigung der Gläubigen“. Ihre Aufgabe ist nicht der Dialog über Religion, sondern die gemeinsame Lösung von Entwicklungsproblemen. Aber gerade auf dieser Grundlage wird die Andersartigkeit der Religionen als bereichernd und fruchtbringend wahrgenommen und eben nicht als Bedrohung. Der Dialog über unterschiedliche Glaubensauffassungen und das Lernen voneinander ergeben sich eher beiläufig, und zwar zwischen den einfachen Gläubigen. Als Stärke dieses Ansatzes erweist sich, dass der interreligiöse und interkulturelle Dialog nicht als bewusstes und möglicherweise einziges Projektziel gesucht wird. Er entwickelt sich vielmehr aus der gemeinsamen praktischen Entwicklungsarbeit.

Diese positiven und ermutigenden Erfahrungen werden auch an vielen anderen Orten gemacht: etwa in China und der Mongolei, wo sich aus dem gemeinsamen Engagement für traditionelle Medizin ein Dialog zwischen Christen und Buddhisten entwickelt. Aber auch in Indien, wo Christen, Muslime und Hindus sich zusammen gegen ausbeuterische Kinderarbeit einsetzen. In der Nothilfe und im Wiederaufbau nach den verschiedenen verheerenden Katastrophen der vergangenen Jahre in Indonesien, in Indien, im pakistanischen Kaschmir arbeiteten Christen, Muslime, Buddhisten und Hindus bewusst und erfolgreich miteinander Und auch in arabischen Ländern gibt es seit langem positive Belege dafür, dass Christen und Muslime gemeinsam für die Wahrung der Menschenrechte kämpfen.

In allen Beispielen finden sich vier wesentliche Gemeinsamkeiten. Erstens: Jeder Akteur steht zu den eigenen religiösen und spirituellen Wurzeln. Gläubige unterschiedlicher Religionen handeln miteinander und thematisieren diese Dimension auch offen. Zweitens: Der Respekt voreinander und vor der jeweiligen Glaubensauffassung wird klar artikuliert. Drittens: Ausgangspunkt sind jeweils die Gemeinsamkeiten, sei es in der Problemanalyse, in den Werten, in der Wertschätzung von Religion oder auch in der gemeinsamen Betroffenheit. Man beginnt also nicht mit dem Gespräch über Trennendes und Unterschiede. Viertens: Nicht die Religion steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sondern das gemeinsame Handeln im Alltag.

Dialog ist ein zentrales Element von Entwicklungszusammenarbeit, das allerdings Sensibilität und die Anerkennung von Vielfalt voraussetzt. Ein konstruktiver Dialog kann auch nur gelingen, wenn die eigenen Positionen und Überzeugungen klar und eindeutig kommuniziert werden – Selbstverleugnung hat in diesem Modell ebenso wenig Platz wie Dogmatismus und Fundamentalismus. Dialog lässt sich selbstverständlich auch nicht erzwingen. Er kann jedoch gelingen – und das zeigen viele Beispiele nicht erst seit heute – wenn er das Verbindende voranstellt und handlungsorientiert und lebenspraktisch ist.

Hintergrund

Das bischöfliche Hilfswerk Misereor in Aachen ist ein Beispiel dafür, wie Entwicklungsarbeit auf die internationale Durchsetzung von Religionsfreiheit angewiesen ist und umgekehrt auch die katholische Entwicklungsarbeit Religionsfreiheit fördern kann, indem sie keine Berührungsängste mit anderen Religionen zeigt. Dies wird im Artikel 1, Absatz 1 des Statutes von Misereor deutlich, das die Zielsetzung des Werkes beschreibt: „Das Bischöfliche Werk Misereor soll dazu beitragen, Not und Elend, wie sie sich vorwiegend in Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas in Form von Hunger, Krankheit, Armut und anderen Formen menschlichen Leidens zeigen, zu lindern, damit den betroffenen Menschen zu einem Leben in Würde zu verhelfen und dadurch Gerechtigkeit, Freiheit, Versöhnung und Frieden in der Welt zu fördern. Die Hilfe des Werkes soll Hilfe zur Selbsthilfe sein und eine dauerhafte Verbesserung der Lebensverhältnisse ermöglichen. Sie soll grundsätzlich allen Menschen zugute kommen, die Not leiden und die das Werk erreichen kann, ungeachtet von Rasse, Geschlecht, Religion und Nation.“ DT/sei

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