Fremde Welt der Sultane

Orhan Pamuks' Familienepos zur Zeit der Auflösung des Osmanischen Reiches. Von Gerhild Heyder
"Blick auf den Hafen von Istanbul mit der Süleyman-Moschee", Franz Roubaud
Foto: IN | Franz Roubaud hat mit „Blick auf den Hafen von Istanbul mit der Süleyman-Moschee” den Blick auf die türkische Hauptstadt um 1900 festgehalten, Detail.
"Blick auf den Hafen von Istanbul mit der Süleyman-Moschee", Franz Roubaud
Foto: IN | Franz Roubaud hat mit „Blick auf den Hafen von Istanbul mit der Süleyman-Moschee” den Blick auf die türkische Hauptstadt um 1900 festgehalten, Detail.

Istanbul im Sommer 1905: der junge Geschäftsmann Cevdet fährt mit der Kutsche durch die Stadt, besucht erst seinen schwerkranken Bruder, dessen revolutionäre Denk- und Lebensweise ihn befremdet und abstößt, und dann die Pascha-Familie seiner Verlobten Nigân, die er traditionsgemäß vor der Hochzeit nur kurz sehen darf. Im Laufe des Tages begegnet er verschiedenen Konfessionen und Nationalitäten, wird mit unterschiedlichen Weltanschauungen und sozialen Verhältnissen konfrontiert und versucht, sich über seine eigene Identität und seine Zukunftsaussichten klar zu werden. Dieser eine Tag, mit dem der soeben auf deutsch erschienene Roman „Cevdet und seine Söhne“ beginnt, stimmt den Leser ein auf das, was ihn in dem 70 Jahre umspannenden Familien-Epos des türkischen Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk erwartet.

Es brodelt in der Stadt mit der jahrtausendealten bewegten Geschichte, die schon als Byzanz und Konstantinopel eine weltberühmte Metropole gewesen war. Die Regierung Abd ül-Hamids II. (1876–1909) lässt das Land verfallen und reißt tiefe soziale Gräben. Revolutionäre Ideen breiten sich unter den jungen Leuten aus, viele schließen sich zu den sogenannten Jungtürken zusammen, die das Sultanat abschaffen wollen und zu denen auch der spätere Staatspräsident Kemal Atatürk gehört. 1909 ergreifen sie die Macht.

Cevdet ist hin- und hergerissen zwischen Tradition und einer neuen Gedankenwelt, die ihn erschreckt, aber auch anzieht. Dreißig Jahre später stehen Cevdets drei Kinder im Mittelpunkt, in einer Welt, die sich grundlegend verändert hat: die Zeitrechnung, die Namensgebung, die Kleidung, die Schrift, die Gesellschaft, das ganze politische System – alles ist anders geworden. Sultanat und Kalifat sind abgeschafft, seit 1923 ist Kemal Atatürk der neue Machthaber und hat das Land reformiert, unter anderem mit der Trennung von Staat und Kirche, Gleichstellung der Frau, Europäisierung von Bildung, Schrift und Kleidung.

Osman, der bodenständige älteste Sohn, hat das Lampengeschäft seines Vaters übernommen, Refik, der Jüngere, ist ein Träumer und weiß nicht, wohin sein Weg ihn führen soll, er will etwas Sinnvolles tun, „den Leuten hier das Licht bringen“, die Tochter Ayºe begehrt gegen alles auf und möchte eigentlich nur Klavier spielen.

Auch diese Drei und ihre Freunde versuchen, sich zurechtzufinden in ihrer Welt, diskutieren neue Ideen und stellen das Alte in Frage, auf der Suche nach dem wahren, dem „richtigen“, wertvollen Leben, das manche im Nationalismus, manche im Kommunismus, einige in der Religion oder im einfachen Leben und andere in Europa – die Stimme der Sehnsucht für die gebildeten Städter der 30er Jahre – zu finden hoffen. Manch einer versucht auszubrechen, indem er sich der Kunst oder dem Dichten verschreibt. Hölderlin und die russische Literatur spielen eine große Rolle, Hitler und der Zweite Weltkrieg zumindest im Privatleben eine eher kleine.

Aber auch die Jungen richten sich ein in ihrem Leben, sie heiraten und bekommen Kinder. Und mit diesen Kindern endet dann auch die Geschichte von Cevdets Familie im Istanbul der 70er Jahre, ein weiter Weg vom Osmanischen Reich bis in die moderne Türkei.

Orhan Pamuks allererster Roman, den der Autor mit 22 Jahren zu schreiben begonnen hat und der 1982 in der Türkei erschienen ist, liegt erst jetzt, fast 30 Jahre später, auf deutsch vor. Der Literaturnobelpreisträger hat sich lange einer Übersetzung verweigert, weil ihm in seinem Frühwerk die Nähe zu Tolstois „Anna Karenina“ und Thomas Manns „Buddenbrooks“ zu offensichtlich erschien. Tatsächlich spürt man diesen Einfluss, auch den von Proust und Flaubert. Es ist aber dennoch ein eigenständiges Epos auf den fast 700 Seiten entstanden, das den großen Bogen schlägt vom Osmanischen Reich in die Moderne am Beispiel einer Familie, deren Aufstieg und Niedergang im 20. Jahrhundert, in der sich der gravierende gesellschaftliche und politische Umbruch in der Türkei widerspiegelt.

Der Roman gliedert sich in drei Teile, deren gewichtigster zweiter sehr viel Autobiographisches enthält. Pamuks Familie lebte im selben eleganten Istanbuler Stadtteil N?ºantaº? wie seine Protagonisten, deren Charaktere der Autor zum Teil seiner eigenen Verwandtschaft entlehnt hat, wie er im Nachwort zur deutschen Ausgabe schreibt. Diese gehörte zu eben der im Roman beschriebenen reich gewordenen Oberschicht „verwestlichter“ Türken, die den Spagat zwischen Orient und Okzident – scheinbar jedenfalls – in ihren Alltag integrieren konnte. Es gibt kaum narrative Passagen in dem Buch. Die Familie und ihre Umgebung stellt sich vor allem in Dialogen, wörtlicher Rede und Tagebuchaufzeichnungen dar und lässt uns so direkt teilhaben an ihren Gedanken und Gefühlen. Es ist eine Männerwelt, Frauen kommen natürlich vor, erhalten aber selten Gelegenheit, ihrer Gedanken- und Gefühlswelt Ausdruck zu verleihen. Sie bewegen sich in Haus und Garten, nicht im öffentlichen Raum und halten die Familie zusammen, in deren Schoß auch die abenteuersuchenden Männer immer wieder zurückkehren, ist die Familie doch bis heute das wichtigste Kontinuum in der türkischen Gesellschaft.

Orhan Pamuk hat nicht nur einen Familienroman geschrieben, er beschreibt mit arabesker Ornamentik und langem Atem ein Land, von dessen faszinierender Historie man in Deutschland immer noch sehr wenig weiß. Beispielsweise, dass Muslime Anfang des 20. Jahrhunderts keinen Handel trieben – das taten in Istanbul nur die Griechen, Armenier und Juden, die zu dieser Zeit noch in friedlicher Nachbarschaft mit den Muslimen leben konnten. Cevdet war einer der ersten türkischen Geschäftsleute und musste sich sein Ansehen unter den Händlern mühsam erringen.

Dass Hunde als unrein galten und erst durch die „Europa-Mode“ der 30er Jahre als Haustiere Einlass in muslimische Wohnungen fanden, skeptisch beäugt von der älteren Generation, gibt Anlass zu sehr komischen Geschichten.

Dass die uns so fremde Welt der Sultane und Paschas mit ihren juwelengeschmückten Säbeln, ihren kostbaren Palästen und Harems aus 1001 Nacht, deren Hinterlassenschaften wir im Topkap? Serail bestaunen, noch gar nicht so lange zurückliegt, erzählt die Familiengeschichte von Cevdet. Und macht auch deutlich, dass Werte und Traditionen in den Familien weiterleben, trotz „Aufklärung“.

Orhan Pamuk, 1952 in Istanbul geboren, wollte eigentlich Maler werden, studierte Architektur und Journalismus, bevor er sich dem Schreiben zuwandte. Seine späteren Romane („Das schwarze Buch“, „Rot ist mein Name“, „Schnee“) befassen sich alle in irgendeiner Form mit der Zerrissenheit des Menschen zwischen oftmals sinnentleerten Traditionen, Aberglauben, westlichen Vorbildern und der Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben ohne staatliche Unterdrückung.

Das Thema ist in „Cevdet und seine Söhne“ bereits angelegt. Und auch Pamuks große Erzählkunst. Schade nur, dass ein Glossar fehlt, das dem unkundigen Leser Aufschluss über einige türkische Begriffe hätte geben können. Das ist aber auch der einzige Wermutstropfen.

Orhan Pamuk: Cevdet und seine Söhne

Aus dem Türkischen von Gerhard Meier.

Carl Hanser Verlag, München 2011,

672 Seiten, ISBN-13: 978-3446236394

EUR 24,90

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