Würzburg

Verliert das Christentum seine Heimat?

Sorgenvoll blicken die von Islamisten verfolgten, vom Westen ignorierten orientalischen Christen in die Zukunft.

Christen in Syrien
Syrische Katholiken zünden bei Oster-Feierlichkeiten in einer Kirche in Damaskus Kerzen an. Die Gewalt in Syrien treibt auch die christliche Minderheit aus dem Land. Sie befürchtet, dass Islamisten das Ruder übernehmen, sollte Assad stürzen. Der Opposition stehen viele Christen s... Foto: Youssef Badawi (EPA)

Christentum und Kirche nahmen ihren Anfang weder in Rom noch in Konstantinopel. Auch nicht in Moskau oder Wittenberg. Ihre Herkunftsregion und Heimat liegt im östlichen Mittelmeerraum und den daran angrenzenden Ländern. Wo Noahs Arche landete und Abraham den Ruf Gottes empfing, wo Isaak, Josef und Moses umherzogen, wo Salomo und David regierten, wo die Propheten Gottes Willen in Erinnerung riefen, wo Johannes der Täufer predigte, wo Jesus geboren und ans Kreuz geschlagen wurde, wo die Apostel lehrten und Gemeinden gründeten – dort leben auch heute Christen.

Allerdings vielfach diskriminiert, marginalisiert, unterdrückt und verfolgt. Hunderttausende arabische Christen haben in diesem Jahrhundert ihre Heimatländer verlassen: auf der Flucht vor Kriegen, vor Terror und Gewalt, vor Islamisierung und fehlenden Zukunftsperspektiven. Dramatischer als noch vor einem Jahrzehnt, als die von Papst Benedikt XVI. einberufene Nahost-Synode sich mit der Lage der Kirchen in dieser Region befasste, drängt sich heute die Frage auf: Verschwindet in unseren Tagen das Christentum aus seiner Heimat?

Um welche Interessen geht es eigentlich?

 

Es war die Ausbreitung des Islam seit dem 7. Jahrhundert, die die Christen in den Ländern der Bibel zur Minderheit machte. Heute aber ist die Marginalisierung der Kirchen in diesem Erdteil die traurige Folge vieler Faktoren: Seit Jahren tobt innerhalb der islamischen Welt ein blutiger Kampf um die Deutungshoheit über den „wahren Islam“ – ein Kampf, bei dem die radikalen und gewalttätigen Kräfte derzeit Hochkonjunktur haben, während die auf Koexistenz und Ausgleich bedachten Stimmen, die es ja auch gibt, immer weiter ins Hintertreffen geraten.

Seit Jahrzehnten beziehen radikale Islamisten den Wind in ihren Segeln auch aus den Sünden und Unterlassungssünden der westlichen Außenpolitik, die in sich widersprüchlich, geschichtsvergessen, ignorant und konzeptionslos ist. Geht es dem Westen in seiner Nahost-Politik tatsächlich um Religionsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit? Oder doch nur um die eigenen ökonomischen Interessen, um Waffenexporte und Ölimporte?

Wahr ist: Leiden und Verfolgung gehören zur Geschichte des Christentums. Der Herr selbst hat seinen Jüngern vorhergesagt: „Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen.“ (Joh 15,20) Mit Blick auf das Kreuz kennen Christen – anders als die Jünger Mohammeds – eine Theologie des Leidens, der Verfolgung und des Martyriums. Wahr ist aber auch: Ghetto und Katakombe mögen immer wieder zum Schicksal vieler Christen werden, ein Ideal christlichen Lebens sind sie nicht. Die letzten verbliebenen Christen in den Ländern der Bibel blicken sorgenvoll in die Zukunft. Viele sitzen auf gepackten Koffern, manche hoffen noch auf ein Ende der Diskriminierung und auf echte Bürgerrechte.

Glauben an die Menschwerdung Gottes nicht verleugnen

Sollen sie ihre und ihrer Kinder Zukunft in der Emigration suchen? Sollen sie sich in einer muslimischen Mehrheitsgesellschaft – vielerorts mit islamistischen Tendenzen – assimilieren? Sollen sie sich ins Ghetto der eigenen Konfession zurückziehen? Können sie heute in ihrer eigenen Heimat noch „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ sein?

Christen können gegenüber Muslimen (wie Johannes Paul II. 1985 in Marokko) das Gemeinsame im Gottesglauben aufzeigen, sie können (wie Benedikt XVI. 2009 in Jordanien) dazu einladen, sich wechselseitig als Gottgläubige anzuerkennen. Aber sie können den Glauben an die Menschwerdung Gottes nicht verleugnen, weil der Schöpfer des Universums nicht in transzendenter Unerreichbarkeit verharren wollte, sondern sich in menschlicher Gestalt verletzbar und angreifbar gemacht hat. Es ist das Holz der Krippe und auch das Holz des Kreuzes, an dem Muslime immer und immer wieder Anstoß nehmen – und zu dem sich die Christen in den Ländern der Bibel heute bis ins Martyrium bekennen.

 

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