Würzburg

Märtyrer als Saatkorn der Einheit

Ein Gespräch mit dem Präsidenten des vatikanischen Einheitsrates, Kardinal Kurt Koch, über das „fünfte Evangelium“: das Zeugnis für die Einheit der Christen im Mittleren Osten.

Kreuzweg der Franziskaner an Karfreitag in Jerusalem
Die Grabeskirche in Jerusalem ist heiliger Ort für alle Christen. Gerade hier kommt es immer wieder zu Spannungen zwischen den Konfessionen. Foto: KNA

Eminenz, Sie selbst sprachen mehrfach von einer „Ökumene der Märtyrer“: Christen würden von radikalen Islamisten nicht verfolgt, weil sie katholisch, orthodox oder protestantisch sind, sondern weil sie Christen sind. Sehen die Feinde des Christentums uns Christen eher als Einheit als wir Christen selbst?

Der Erste, der intensiv von der Ökumene der Märtyrer gesprochen hat, ist der heilige Papst Johannes Paul II. gewesen. In seiner Enzyklika über den Einsatz für die Ökumene „Ut unum sint“, die vor 25 Jahren erschienen ist, spricht er davon, dass mit den vielen Märtyrern unseres Jahrhunderts ein neuer Anstoß für die Ökumene gegeben ist.

Pk zur Generalsynode der VELKD
Der für Ökumene zuständige Kurienkardinal Kurt Koch meint, „dass durch die Verfolgungen mehr Einheit unter den Christen ... Foto: dpa

Diesen Gedanken hat Papst Franziskus stark aufgenommen. Er spricht von einer Ökumene des Blutes. Dabei hat er einmal die Frage gestellt: Wenn uns der Feind im Tod vereint, wie kommen wir dann dazu, dass wir uns im Leben trennen? Dahinter steht die Wahrnehmung, dass die Christenverfolger vielleicht sogar die bessere ökumenische Vision als wir Christen haben, weil sie wissen, dass wir eins sind. Denn das Blut der Märtyrer trennt nicht, sondern eint.

In der frühen Kirche hat Tertullian die Überzeugung ausgesprochen, dass das Blut der Märtyrer Same von neuen Christen ist. Ich bin überzeugt, dass das Blut von so vielen Märtyrern heute Same für die Einheit des von vielen Spaltungen verwundeten Leibes Christi sein wird. Trotz aller Tragik enthält die Ökumene der Märtyrer deshalb auch eine verheißungsvolle Botschaft.

Bitte um eine theologische Deutung: Warum hassen manche Muslime beziehungsweise islamistische Bewegungen gläubige Christen? Warum werden Christen, die selbst friedfertig sind, zum Ziel von Hass und Gewalt?

Christenverfolgungen gehen nicht nur von Islamisten, sondern von verschiedenen politischen Instanzen aus. Ich denke vor allem an die großen Christenverfolgungen im 20. Jahrhundert im Nationalsozialismus und im Sowjetkommunismus. Hier hat es viele Märtyrer gegeben, und die Gründe sind verschieden gewesen. Was die Nationalsozialisten betrifft, hat Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch in Auschwitz darauf aufmerksam gemacht, dass sie in der Verfolgung der Christen auch die jüdischen Wurzeln im Christentum ausrotten wollten.

Meines Erachtens hat der französische Anthropologe René Girard eine tiefe Erklärung dahingehend gegeben, dass das Christentum gerade dadurch, dass es Gewalt verurteilt, Gewalt an sich zieht. Dies ist natürlich kein Argument, dass das Christentum nun selbst Gewalt anwenden dürfte, sondern ein Anruf, konsequent Gewaltlosigkeit zu leben. Wenn wir in die Geschichte blicken, gehören Verfolgungen zum Christentum, wie Jesus selbst prophezeit hat: Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen.

Hat die gewachsene Verfolgung und Diskriminierung der Christen auch zu einem Zusammenrücken der Konfessionen in den Ländern der Bibel geführt?

Ich denke, dass durch die Verfolgungen mehr Einheit unter den Christen zustande gekommen ist. Es gibt im Nahen Osten einen ökumenischen Rat der Kirchen, in dem diese eng zusammenarbeiten, und eine eigentliche Ökumene der Diakonie. Dies ist deutlich sichtbar geworden beim Gebetstreffen in Bari im Jahr 2018, zu dem Papst Franziskus die Häupter verschiedener Kirchen im Nahen Osten eingeladen hat.

Man kann ein gutes Zusammenleben feststellen, und es gibt sogar pastorale Abkommen, beispielsweise zwischen der katholischen und der Syrisch-Orthodoxen Kirche über den Empfang der Sakramente der Krankensalbung, Buße und Eucharistie, wenn der Priester der eigenen Kirche nicht da ist. Es gibt eine ähnliche Vereinbarung zwischen der chaldäischen Kirche und der assyrischen Kirche des Ostens im Irak. Man wird nicht behaupten können, dass solche Vereinbarungen direkte Auswirkungen der Christenverfolgungen sind, aber sie haben doch dazu geführt, dass die Christen und Kirchen näher zusammengerückt sind.

Zu Orten des Zusammenlebens christlicher Konfessionen im Nahen Osten: Wie sieht es heute in Jerusalem aus?

Hier leben sehr viele Christen und Kirchen zusammen, so dass man von einem Paradebeispiel sprechen könnte. Leider hört man immer wieder auch von Spannungen und Auseinandersetzungen rund um die Grabeskirche. Dies ist zu bedauern. Denn es ist wichtig, dass die Christen gerade in diesen Regionen ein gemeinsames Zeugnis geben. Man kann dies das fünfte Evangelium, das Evangelium des Lebens nennen, das die Menschen heute am ehesten verstehen.

Umgekehrt ist die Spaltung der Christenheit das größte Hindernis für die Evangelisierung. Diese Einsicht ist in der Ökumenischen Bewegung früh gewonnen worden und geht auf Jesus selbst zurück. Er hat in seinem hohepriesterlichen Gebet darum gebetet, dass die Jünger eins seien, damit die Welt glaubt, dass er der Gesandte Gottes ist. Denn die Ökumene ist kein Ziel in sich selbst, sondern steht im Dienst an der glaubwürdigen Verkündigung des Evangeliums.

Und wie ist es in Syrien?

Die größte Herausforderung in Syrien und im Irak ist die Abwanderung der Christen. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren im Nahen Osten 20 Prozent der Bevölkerung Christen, heute sind es nur noch vier Prozent. Dies muss uns zu denken geben, wie bereits Papst Benedikt XVI. in seinem Apostolischen Schreiben „Ecclesia in Medio Oriente“ hervorgehoben hat:

„Ein Naher Osten ohne oder mit wenig Christen ist nicht mehr der Nahe Osten, denn die Christen haben mit den anderen Gläubigen Anteil an der so besonderen Identität der Region.“

Die Nahost-Synode 2010 warnte vor einem „Konfessionalismus“, der vor allem die Unterschiede zwischen den Konfessionen sieht. Geht es dabei tatsächlich um Fragen des Glaubens und der Theologie? Oder um Identitätsgefühl, Beheimatung, allenfalls noch Tradition?

Das Stichwort „Konfessionalismus“ stand in der Tat im Raum, wobei freilich beizufügen ist, dass es Konfessionalismus auch in anderen Regionen, auch im Westen gibt. Doch der Grundakkord in der Synode, an der ich teilgenommen habe, ist ein positiver gewesen, nämlich dass die Kirchen zusammenarbeiten müssen und dass die Ökumene eine wichtige Dimension der Evangelisierung ist. In dieser Richtung hat die Synode die Christen und Kirchen im Nahen Osten ermutigt. Ich denke auch an den Brief, den Papst Franziskus kurz vor Weihnachten 2014 an die Christen im Nahen Osten geschrieben und dabei zur weiteren Zusammenarbeit aufgerufen hat.

Die mit Rom unierten Kirchen im Orient – etwa Maroniten und Melkiten – sind in Gemeinschaft mit der katholischen Weltkirche, haben aber ihren eigenen Ritus, ihren Patriarchen, ihre Hierarchie, ihre eigene Liturgie. Ist das für die getrennten altorientalischen Kirchen eher ein attraktives Modell oder eine Warnung, sich nicht zu sehr mit Rom einzulassen?

Die Spannungen zwischen den katholischen Ostkirchen und den orientalisch-orthodoxen Kirchen nehme ich nicht so stark wie bei den orthodoxen Kirchen wahr. Bei ihnen habe ich den Eindruck, dass die katholischen Kirchen mit byzantinischen Riten, die mit Rom verbunden sind, eine bleibende Wunde darstellen, weil sie sich von den orthodoxen Kirchen getrennt, die Einheit mit Rom gesucht und ihre östlichen Traditionen beibehalten haben.

Diese Wunde zeigt sich noch im Dokument von Balamand gegen Ende der 1990er Jahre, in dem es heißt, dass auf der einen Seite der Uniatismus keine ökumenische Methode mehr in der Gegenwart und in der Zukunft sei, dass aber auf der anderen Seite die katholischen Ostkirchen das Recht haben zu existieren und ihre Pastoral zu leben. Letztlich ist die Frage des Uniatismus nur zu lösen, indem die Einheit der Kirche in Ost und West wieder gefunden werden kann. Darauf müssen sich die ökumenischen Bemühungen konzentrieren.

Wenn einige der orthodoxen und altorientalischen Kirchen – zum Beispiel die Kopten in Ägypten – die katholische Taufe nicht anerkennen: Hat das wirklich theologische Gründe? Und wie ist das zu überwinden?

Was die Kopten betrifft, muss ehrlicherweise eingestanden werden, dass zunächst wir Katholiken die Taufe der Kopten nicht anerkannt haben. Dieses Problem ist jedoch überwunden. Jetzt steht der nächste Schritt bei den Kopten an. Dabei darf man feststellen, dass nicht wenige Kopten heute, auch Patriarch Tawadros, Bereitschaft signalisiert haben, die Praxis der Wiedertaufe zu beenden.

In der Gemeinsamen Erklärung von Papst Franziskus und Papst Tawadros anlässlich des Besuchs von Papst Franziskus in Kairo steht der Satz: „We seek sincerly not to repeat the baptism.“ Dies ist gewiss ein wichtiger Schritt auf dem Weg, auf dem man weitergehen muss. Denn für uns Katholiken ist die gegenseitige Anerkennung der Taufe das Fundament aller ökumenischen Beziehungen.

Hat die katholische Kirche im Umgang mit den kleineren Kirchen im Orient historisch selbst Fehler gemacht, die bis heute zu Spaltung und einem Mangel an Vertrauen führen? Wie sähe ein „brüderlicher“ Umgang aus, der Ressentiments zerstreut und Vertrauen aufbaut?

Es hat in der Geschichte leider starke Tendenzen gegeben, die katholischen Ostkirchen zu latinisieren und sie zu drängen, den Ritus der lateinischen Kirche zu übernehmen. Es hat aber auch erfreuliche Gegenbewegungen gegeben, die bereits mit Papst Leo XIII. eingesetzt haben. Dann hat das Zweite Vatikanische Konzil das Dekret über die Katholischen Ostkirchen „Orientalium Ecclesiarum“ verabschiedet, in dem diese Kirchen eigens gewürdigt und als Reichtum in der katholischen Kirche betrachtet werden und ihnen eine wichtige ökumenische Aufgabe bei der Wiederherstellung der Einheit der Christen in Ost und West zugewiesen wird.

Diese Wertschätzung ist auch deshalb wichtig, weil die orientalisch-orthodoxen und die orthodoxen Kirchen genau beobachten, wie Rom den katholischen Ostkirchen begegnet, und je nachdem Ängste oder Hoffnungen im Blick auf eine künftige Einheit entwickeln. Hier ist eine besondere Sensibilität im Umgang miteinander angezeigt.

 

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