Berlin

Auf der Suche nach der Grünen Revolution

In der Umwelt- und Klimaschutzdebatte gilt es, eine genuin christliche Position zu finden – jenseits von pauschaler Ablehnung oder unkritischem Mitläufertum. Ein Blick in die USA der dreißiger Jahre hilft dabei.

Dorothy Day
Gemeinsam mit dem „Bauernphilosophen“ Peter Maurin (1877-1949) setzte sich Dorothy Day (1897-1980), die nach einer Zeit des sozialistischen Engagements zum Katholizismus konvertiert war, für eine Grüne Revolution ein. Foto: KNA

Corona ist die Heilung – der Mensch ist die Krankheit“: Diese Parole sorgte unlängst auf Flugblättern, Aufklebern und im Internet für Aufsehen, und wenngleich die radikale Umweltschutz-Initiative „Extinction Rebellion“, deren Logo in Verbindung mit diesem Text zu sehen war, die Urheberschaft bestritt und sich von dem Slogan distanzierte, drückt er doch in drastischer Form eine Auffassung aus, die in der Umwelt- und Klimaschutzdebatte nicht eben selten laut wird: der Mensch als Schädling, der dem Ökosystem kaum einen größeren Gefallen tun könnte, als auszusterben. Ohne Zweifel tragen solche Thesen erheblich dazu bei, die Anliegen der Ökologiebewegung bei vielen Menschen zu diskreditieren – gerade auch bei Christen, die dem Gedanken einer Verantwortung des Menschen für die Bewahrung der Schöpfung ansonsten durchaus zugänglich wären.

So merkte etwa der Gebetshausleiter Johannes Hartl in einem Vortrag auf der jüngsten MEHR-Konferenz an, er „spüre in der ökologischen Bewegung oft eher eine Verachtung des Menschlichen“: „Warum schützen wir den Planeten, der unsere Heimat ist, wenn uns das menschliche Leben selber nicht kostbar ist?“ Man mag in diesem Zusammenhang auch an die Bundestagsrede Papst Benedikts XVI. aus dem Jahr 2011 denken, in der dieser einerseits die Ökologiebewegung würdigte, andererseits aber anmahnte, es brauche „auch eine Ökologie des Menschen“: „Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann.“

Die Liebe zu Schöpfung und Schöpfer neu lernen

Wie könnte eine solche „Ökologie des Menschen“ aussehen? Lange bevor Umwelt- oder gar Klimaschutz zu bestimmenden Themen in der öffentlichen Debatte wurden, schon zur Zeit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre, entwickelte der französisch-amerikanische „Bauernphilosoph“ Peter Maurin, Mitbegründer der „Catholic Worker“-Bewegung, ein Programm für eine „Grüne Revolution“. Einer der zentralen Punkte seines Konzepts betraf den Aufbau von Farmkommunen zur landwirtschaftlichen Selbstversorgung. Anders als andere Protagonisten der damaligen „Zurück-aufs-Land-Bewegung“ sah der tiefgläubige Katholik Maurin darin nicht nur ein Mittel, den Hunger und die Arbeitslosigkeit in den Städten zu mildern; vielmehr sollte die Hinwendung zur Landwirtschaft den Menschen auch dazu verhelfen, ihre Entfremdung von der Natur zu überwinden, oder anders ausgedrückt: die Liebe zur Schöpfung und zum Schöpfer neu zu erlernen und so auch den eigenen Platz in der Schöpfungsordnung wiederzuentdecken. „Wie sollen wir unseren Kindern Tod und Auferstehung begreiflich machen“, notierte Maurins Mitstreiterin Dorothy Day in ihr Tagebuch, „wenn sie nicht sehen, wie das Samenkorn in die Erde fällt und stirbt und doch reiche Frucht bringt?“. Wenngleich von den ersten im Geiste dieser „Grünen Revolution“ gegründeten Farmen nur wenige die Weltwirtschaftskrise überdauerten, inspiriert die Vision einer von christlichem Geist getragenen organischen Landwirtschaft – einer quasi „sakramentalen“ Einheit von „Kult, Kultur und Kultivation“, wie Peter Maurin es nannte – bis heute ähnliche Projekte in aller Welt.

Christen dürfen keine Berührungsängste haben

Die Bezeichnung „Grüne Revolution“ war im Kontext ihrer Entstehungszeit durchaus auch als Gegenentwurf zur „Roten Revolution“ gemeint: Mit der „Catholic Worker“-Bewegung wollten Maurin und Day die Prinzipien der  katholischen Soziallehre  in die Praxis umsetzen und damit sowohl der Verelendung der Arbeiterschaft als auch ihrer Anfälligkeit für kommunistische Propaganda entgegenwirken. Die Sozialenzykliken der Päpste – mitten in der Weltwirtschaftskrise hatte Pius XI. „Quadragesimo anno“ veröffentlicht – seien „Sprengstoff“ für die soziale Ordnung, schrieb Peter Maurin.

Die Konkurrenzsituation gegenüber dem Kommunismus bedeutete für die „Catholic Worker“-Bewegung aber auch, den kommunistischen Agitatoren gewissermaßen auf deren eigenem Territorium zu begegnen – auch um den Preis, in konservativen Kreisen selbst in den Verdacht kommunistischer Tendenzen zu geraten, besonders im antikommunistischen Klima der Nachkriegszeit. „Wenn ich an Schulen und Hochschulen über die Gegensätze zwischen Katholizismus und Kommunismus spreche“, schrieb Dorothy Day 1948, „bemühe ich mich, es möglichst simpel zu halten“ und zu erklären, aus katholischer Sicht sei der Kommunismus im Wesentlichen aus drei Gründen zu verwerfen: wegen seines Atheismus, der ein integraler Bestandteil der marxistischen Theorie sei; wegen des Einsatzes von Gewalt als Mittel zum Zweck des sozialen Wandels; und wegen seiner Forderung nach Abschaffung des Privateigentums. Aber trotz dieser klaren Abgrenzung seien ihre Zuhörer, sobald sie anfange, über die Fehler und Sünden des kapitalistischen Systems zu sprechen, dennoch „überzeugt, dass ich immer noch Kommunistin bin“, fügte sie hinzu. Vor ihrer Konversion zum Katholizismus im Alter von 30 Jahren hatte Dorothy Day für verschiedene sozialistische und anarchistische Zeitungen gearbeitet; Peter Maurin hatte eines seiner liebsten Schlagworte zur Beschreibung der Mission der „Catholic Workers“ – „eine neue Gesellschaft in der Hülle der alten aufbauen“ – aus dem Manifest der anarcho-syndikalistischen „Industrial Workers of the World“ entlehnt. Nicht selten waren Anhänger der „Catholic Worker“-Bewegung auch auf Demonstrationen kommunistischer oder anderer linksgerichteter Gruppierungen anzutreffen und verteilten dort ihre Zeitungen und Flugblätter.

„Woran es im Verhältnis der Kirche zur
Ökologiebewegung heute auffallend fehlt, ist
eine differenzierte und kritische Auseinandersetzung
mit den in dieser Bewegung virulenten Ideologien“

„Unsere Feinde besser zu kennen, hilft uns, sie mehr zu lieben“, schrieb Dorothy Day. Ein missionarisches Christentum darf keine Berührungsängste gegenüber jenen haben, die es zu bekehren sucht – auch wenn es sich um eindeutige ideologische Gegner handelt. Dieselbe Haltung, die Dorothy Day gegenüber den Kommunisten praktizierte, wäre eventuell auch heute gegenüber bestimmten Ausprägungen der Ökologiebewegung empfehlenswert. Dazu gehört es auch, sich mit ihr nicht nur in Form feuilletonistischer Debatten auseinanderzusetzen, mit denen man ohnehin meist nur die eigene „Filterblase“ erreicht, sondern buchstäblich „auf der Straße“. Was diesen letzteren Punkt betrifft, beteiligen sich Vertreter kirchlicher Institutionen oder kirchennaher Verbände zwar durchaus an „Fridays for Future“-Demonstrationen und ähnlichen Aktionen oder rufen zu deren Unterstützung auf, aber dabei entsteht vielfach der Eindruck, sie verhielten sich gegenüber der Klimaschutzbewegung – auch und gerade in ihren radikaleren Erscheinungsformen – als reine Mitläufer, die sich von einem Sendungsbewusstsein und einem missionarischen Eifer mitreißen lassen, der ihnen selbst schon lange abhanden gekommen ist. Und folgerichtig haben sie auch nichts Eigenes zu dieser Bewegung beizutragen, geschweige denn ihr etwas entgegenzusetzen.

Woran es im Verhältnis der Kirche zur Ökologiebewegung heute auffallend fehlt, ist eine differenzierte und kritische Auseinandersetzung mit den in dieser Bewegung virulenten Ideologien – und die Formulierung einer genuin christlichen Antwort auf diese, einer Antwort, die auf den Prinzipien der Soziallehre der Kirche aufbaut. Grundlagen hierfür finden sich nicht erst in Papst Franziskus' Enzyklika „Laudato si'“ sondern auch schon in den Werken seiner Vorgänger, etwa „Centesimus anno“ (Hl. Johannes Paul II., 1991) und „Caritas in veritate“ (Benedikt XVI., 2009). Hier besitzt das Lehramt der Kirche einen Schatz, der darauf wartet, gehoben zu werden.

Kurz gefasst
Die Haltung christlicher Kreise zur Ökologie- und Klimaschutzbewegung scheint vielfach entweder von pauschaler Ablehnung oder von unkritischem Mitläufertum geprägt zu sein. Hingegen fehlt es auffallend an einer genuin christlichen Antwort auf die irregeleiteten ideologischen Aspekte dieser Bewegung, die ihre legitimen und unterstützenswerten Anliegen beschädigen. Hier könnte man von der in den 1930er Jahren gegründeten „Catholic Worker“-Bewegung in ihrem Verhältnis zum Kommunismus lernen.

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