Würzburg

„Ich verstehe die Zeit als Prüfung“

Eine katholische Schriftstellerin über das Leben, Schreiben und Beten als potenzielle Covid-19-Risiko-Patientin.

Corona in Berlin
Nicht nur in Berlin ist weiterhin Vorsicht geboten. Man darf Covid-19 nicht verharmlosen, meint Claudia Sperlich und berichtet von ihren Erfahrungen. Foto: dpa

Zu Beginn der Krise dachte ich: Schlimm, aber die Pest ist es ja nicht, und in zwei Monaten ist mit Gottes Hilfe und menschlicher Vernunft alles hinter uns. Ich befolgte die Ratschläge des Bundesgesundheitsministeriums und wunderte mich über hysterische Anwandlungen einiger Zeitgenossen und tranige Gleichgültigkeit anderer.

Diese Haltung hat sich kaum geändert, nur ist Wissen und Sorge dazugekommen. Es ist in der Tat nicht die Pest – die fordert dank Antibiotika, seit 1999 auch durch Impfstoffe, weit weniger Opfer und wird nie pandemisch; bei einem zugrundeliegenden Zehnjahresdurchschnitt gibt es pro Jahr 2 547 Erkrankungen und 181 Todesfälle (Quelle: yersiniapestis.info). Ein winziger Bruchteil von dem, was Corona binnen weniger Monate angerichtet hat.

Nicht von der Kirche aufgestellte Regeln befolgen ist nicht meine Lieblingsbeschäftigung. Aber weder will ich in einer Isolierstation an Lungenentzündung verrecken noch mit bleibender Lungeninsuffizienz überleben im Bewusstsein, durch Leichtsinn andere infiziert zu haben. Also übe ich mich gegenüber lästigen staatlichen Verordnungen im Gehorsam. Dabei gibt es keine absolute Sicherheit; der Vorsichtigste kann infiziert werden. Ich mache mir Sorgen um Menschen, die ich kenne und liebe. Eine Bekannte ist an Covid-19 erkrankt. Andere sind in Hochrisikogruppen. Mehrere sind in Quarantäne. Ich kann nur hoffen und beten. Ich habe vor längerer Zeit das Gelübde abgelegt, täglich die Messe zu besuchen, täglich zur Anbetung und häufig zur Beichte zu gehen. Stille Anbetung war in Berlin durchgehend möglich, Beichte ebenfalls (nicht im Beichtstuhl, sondern mit gebührendem Sicherheitsabstand), Messe nicht. Sie fehlte mir sehr. Allerdings wurden die Sonntagsmessen meiner Gemeinde weiterhin gefeiert, nicht öffentlich, dafür gestreamt. Als Lektorin durfte ich meist dabeisein. So wird es auch sein, wenn die Beschränkungen wieder verschärft werden. Ich fühle mich amputiert und verbannt an jedem Tag, an dem ich nicht zur Messe gehen darf. Das Mitbeten einer der zahlreichen gestreamten Messen ist weit besser als nichts, aber nicht dasselbe.

„Ich verstand den ,Hausarrest' als verschärfte
Fastenzeit – und als eine Art Eremitenurlaub, in dem
ich Stundengebet und Rosenkranz besonders pflegte“

In der Fastenzeit nahm ich wegen starken Hustens die freiwillige häusliche Quarantäne auf mich. Zuerst war mir das peinlich, aber meine Chefin und mehrere Ärzte bestätigten, dass es richtig war. Da keine anderen Symptome dazukamen, wurde ich nicht getestet, weiß also nicht, ob es eine schwere Erkältung oder ein leichter Verlauf von Covid-19 war. Ich war umgeben von einem menschlichen Sicherheitsnetz, bekam von vielen Seiten Hilfsangebote und konnte meine wenigen Anliegen – Einkaufen, Post und Müll wegbringen – auf verschiedene Schultern verteilen.

Um die Zeit ohne Koller durchzustehen, machte ich mir einen Plan, nach dem ich Stundengebet und Rosenkranz betete. Ich verstand den „Hausarrest“ als verschärfte Fastenzeit – und als eine Art Eremitenurlaub, in dem ich Stundengebet und Rosenkranz besonders pflegte. Das tat mir so gut, dass ich die Gebetszeiten seitdem teilweise, soweit mit der Arbeit vereinbar, beibehalte. Nach der feierlich-üppigen Osterwoche faste ich wieder und sehe den Zusammenhang zwischen Fasten und Beten deutlicher denn je.

Meine Arbeit als Schriftstellerin ist in praktischer Hinsicht kaum betroffen – ich sitze an meinem häuslichen Schreibtisch wie üblich. Nur die gelegentlichen Ausflüge mit Schreibzeug in ein Café fallen aus. Allerdings schlägt sich die Krise und der Umgang mit ihr, alle Furcht und Hoffnung und Genervtheit, auch in meinem Schreiben nieder – was eher ein Gewinn ist.

Sich vorsehen, so gut man kann

Als Putzfrau sorge ich auf einem katholischen Friedhof für die Sauberkeit von Kirche, Büroräumen, Arbeiterbuden und öffentlichen Toiletten. Wie alle Garten- und Büroarbeiter wurde ich schon zu Beginn der Krise ermahnt, mich an die Regeln zu halten. Wir haben jetzt Schichtdienst, die erste Schicht endet um 12.00 Uhr und die zweite beginnt um 13.00 Uhr. Die Arbeiter der einen Schicht begegnen denen der anderen nie – und im Fall einer Infektion wäre wenigstens eine Schicht noch arbeitsfähig. Für die vielen, die acht Stunden arbeiten, ist das äußerst lästig, für mich mit einem Minijob leicht zu schultern. Alle Mitarbeiter sind diszipliniert, wir schützen einander.

In dem stillen Gotteshaus, in Anwesenheit des Eucharistischen Herrn, für Sauberkeit zu sorgen, macht Freude. Die Zeit, in der die Kirche nicht genutzt wurde, gab mir die Möglichkeit, Stück für Stück den seit Jahrzehnten nicht grundgereinigten und stark gedunkelten Travertinboden sauber zu schrubben und zu versiegeln.

Meine liebsten Freunde samt deren Töchterchen, meinem Patenkind, habe ich seit Beginn der Krise nicht besucht. Dank Internet bleiben wir in Kontakt. Im Gebet sind wir ohnehin verbunden. Aber Freunde nicht in die Arme schließen dürfen ist gespenstisch. Zwar helfe ich dreimal wöchentlich einer gebrechlichen alten Dame (Hände desinfizieren danach!) – aber mehr unmittelbaren Kontakt zu Menschen erlaube ich mir nicht. Wer sich infiziert, weiß es erst beim Auftreten von Symptomen – eine Woche später, oder gar nicht, wenn es symptomlos verläuft. Das gibt Zeit, die Viren großzügig zu verteilen. Ich sehe mich vor, so gut ich kann.

Froh über die Möglichkeit der Beichte

Meine Nerven liegen oft blank, nicht nur bei Lektüre von Verschwörungstheorien und Äußerungen von Hedonisten, denen offenkundig gleichgültig ist, wen sie zu Tode bringen, wenn sie sich nur kräftig amüsieren können, sondern auch bei geringfügigen Anlässen. Schon deshalb bin ich froh über die gegebenen Beichtmöglichkeiten. Weit schlimmer sind zwar etwa die Nachrichten von den Philippinen, wo Menschen, die gegen die Ausgangssperre verstoßen, erschossen werden – auch Slumbewohner, die keine Hilfspakete mehr bekommen. Solche Schreckensmeldungen sind viel schlimmer, aber weniger anstrengend für mich, als die tägliche Konfrontation mit Beschränkung einerseits und Unvernunft andererseits in meinem Umfeld. Beschämend, darüber nachzudenken! Die Auflagen, unter denen wir bald wieder Messe feiern dürfen, sind schmerzlich – aber weit weniger schlimm als das Ignorieren jeglicher Sicherheitsmaßnahmen bezüglich Corona.

Nun lese ich katholische Aussagen, wie unwürdig und feige und böse solche Einschränkungen sind. Liebe Glaubensgeschwister, regt Euch ab. Lest, was Krankenschwestern schreiben. Oder das Robert-Koch-Institut. Überlegt, ob Ihr Schuld sein wollt an der ungebremsten Ausbreitung von Corona.

Es geht nicht nur um Euch. Ästhetisches Empfinden und Frömmigkeit sind dem Virus egal. Ich bin auf dem Standpunkt „Wenn es nur egoistische Nörgler träfe, wäre es nicht so schlimm.” Aber es ist eine Pandemie! Je mehr Leichtsinn und Egoismus, desto mehr Infektionen, desto mehr Neuinfektionen und überlastete Krankenhäuser. Desto gefährlicher für Leute, die wegen irgendetwas ins Krankenhaus müssen. Desto balder der komplette Lockdown. Die Krise ändert mich – meinen Tageslauf, mein Denken, Fühlen und Beten und auch mein Schreiben. Ich verstehe sie als Prüfung, auch wenn ich mir vieles ganz schleierhaft bleibt. Gott gebe, dass wir sie bestehen.

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