Würzburg

Die Rückkehr der Gespenster

Während Linksliberale Probleme wegmoralisieren, denken Nancy Fraser und Rahel Jaeggi über eine gesellschaftliche Großtheorie nach.

Sozialismus
Sozialismus Foto: retret

In der berühmten 11. Feuerbach-These postuliert der junge Marx, dass die Philosophen die Welt nur verschieden interpretiert hätten, aber es darauf ankäme, sie zu verändern. Die Philosophin Nancy Fraser und die an der Humboldt-Universität lehrende Professorin Rahel Jaeggi umreißen in einem Gesprächsband die Grundzüge einer umfassenden Gesellschaftstheorie, die von der Kritischen Theorie und vom Marxismus ausgeht, weil die Welt sich gründlich verändert hat und es nun darauf ankommt, sie wieder einmal zu interpretieren. Als zentrale Kategorie gilt beiden Philosophinnen der Kapitalismus. Zunächst versuchen sie, den Kapitalismus auf den Begriff zu bringen, um anschließend einen historischen Überblick über die Geschichte des Kapitalismus zu skizzieren, von dort eine Kritik zu formulieren, um schließlich Vorstellungen über den Kampf gegen den Kapitalismus zu entwickeln. Überblättert man die Folklore der kritischen Theorie und überhört die Hammond-Orgel des westlichen Marxismus, lohnt die Lektüre, ist der Gesprächsband im Gegensatz zu vielen Elaboraten aus dem linksliberalen Spektrum, die unter aller Kritik sind, kritikwürdig.

So erkennen Fraser und Jaeggi an, dass sich neue gesellschaftliche Strukturen gebildet haben, die eine neue herrschende Klasse hervorbrachten. Die Einsicht markiert bereits einen großen Fortschritt gegenüber vielen Linksliberalen, die, obwohl sie die Diskurs- und Deutungshoheit in den Medien errungen haben und Teil der Macht sind, immer noch so tun, als befänden sie sich in der Opposition, und gerieren sich als Opfer einer Rechten, die auf mysteriöse Weise die Macht im Lande innehat. Die rhetorische Figur hierfür findet sich im „Rechtsruck“, der allerdings nur die Ungeduld zum Ausdruck bringt, dass es nicht schnell genug weiter nach links geht. Das Tragische daran ist, dass die Linksliberalen mit großer Medienmacht die „Rechten“ erzeugen, weil für sie unter Aussparung der Mitte alles rechts ist, was von ihrer Position aus sich rechts befindet.

„Diese neue globalisierte Klasse sitzt in den Medien“

Inzwischen sind die Diskurskreise hermetisch, so dass eine Auseinandersetzung, wie sie für das Funktionieren einer Demokratie lebenswichtig ist, nicht mehr stattfindet. Der mediale Klassenkampf hat den demokratischen Discourse ersetzt. Der US-amerikanische Sozialpsychologe Jonathan Haidt warnt vor einer Denkpolizei auf dem Campus und vor negativen Folgen, die das Ende der Binnenpluralität auch für Linksliberale hat, die in der eigenen Blase blind für die Vorgänge in der Gesellschaft werden.

Seit Jahren versucht Nancy Fraser die Entwicklung der Gesellschaft zu analysieren, wozu auch eine Untersuchung der neuen Herrschaftsverhältnisse gehört, vor der sie nicht die Augen verschließt. Aus ihrer Sicht hat sich der Neoliberalismus verändert oder erneuert, indem seine aktuelle Variante der progressive Neoliberalismus darstellt, das Bündnis „hegemonialer Strömungen emanzipatorischer Bewegungen (wie Feminismus, Antirassismus, Multikulturalismus und LGBTQ-Rechte) ... mit neoliberalen Kräften, die darauf abzielen, die kapitalistische Wirtschaft zu finanzialisieren, insbesondere die dynamischen, zukunftsorientierten und globalisierten Kapitalsektoren (wie Hollywoood, IT und die Finanz)“.

Besonders gut lässt sich Frasers Diagnose an Clintons Vizepräsident Al Gore verdeutlichen, der frühzeitig die Klimakampagne als Projekt des „progressiven Neoliberalismus“ vorangetrieben hat und über den auf Wikipedia steht: „Gore ist zudem Partner des Investmentfonds Kleiner Perkins Caufield & Byers und leitet die Klimawandelabteilung der Firma.“ Im November 2009 wurde bekannt, „dass KPCB indirekt einen Staatsauftrag von 560 Millionen Dollar erhalten hatte. Gores Investmentfonds GIM besaß 10 Prozent der Anteile an der Chicago Climate Exchange, der amerikanischen Terminbörse für den Emissionshandel und dieser wiederum die Hälfte der European Climate Exchange.“

Nach dem Platzen der subprime-Krise und der Weltfinanzkrise 2008 bot sich der Finanzindustrie die „Klimarettung“ als ideales Feld an, um neue, grüne Finanzprodukte zu entwickeln, die überdies durch den von der EU geplanten New Green Deal zu einem märchenhaften, künstlich erzeugten Finanzierungsmarkt führen sollte, wenn nicht vorerst die Corona-Krise dazwischengekommen wäre. Ein Vertreter dieser neuen linksliberalen Elite gab über ihr Selbstverständnis im Tagesspiegel folgende Auskunft: „Diese neue globalisierte Klasse sitzt in den Medien, in den StartUps und NGOs, in den Parteien, und weil sie die Informationen kontrolliert ... gibt sie überall kulturell und politisch den Takt vor … Denn insgeheim weiß sie längst, was die eigentliche Quelle ihrer Macht ist: Sie kontrolliert den Diskurs, sie kontrolliert die Moral … Und das merken die anderen, die kulturell Abgehängten. ... Vor allem merken sie, ... dass wir auf diesem Weg die Standards definieren, die nach und nach auch an sie selbst angelegt werden.“

Sowohl Jaeggi als auch Fraser verschließen vor diesen Entwicklungen nicht die Augen, sondern sehen in ihnen einen Grund für die Krise der Linken, die nicht mehr in der Lage ist, die gesellschaftlichen Entwicklungen zu analysieren, weil sie an die Stelle der Untersuchung die moralische Beurteilung gesetzt hat, weil sie Widersprüche wegmoralisiert oder die Standards definiert, nach denen sich dann all die Abgehängten zu richten hätten. Jaeggi und Fraser bleibt nicht verborgen, wieviel Sprengstoff in dieser linksliberalen Überheblichkeit steckt, zumal der „progressive Liberalismus“ keine Antworten auf die gravierenden gesellschaftlichen Probleme bietet, die er selbst schafft. „Als hegemoniales Projekt ist der Liberalismus am Ende; er mag zwar seine Fähigkeit zur Herrschaft beibehalten, aber er hat seine Überzeugungsfähigkeit verloren.“ Dass für Jaeggi und Fraser die Lösung aller Krisen in der Errichtung des Sozialismus liegt, verwundert nicht. Dabei votiert Jaeggi für einen Sozialismus, der die „demokratische Kontrolle des gesellschaftlichen Überschusses“ ausübt. Sie will, dass „wir“ „an Entscheidungen darüber beteiligt sind, was wir produzieren und wo wir den gesellschaftlichen Überschuss investieren“, denn dadurch „regulieren wir die Wirtschaft nicht mehr von außen, sondern transformieren sie von innen!“

Die Autorinnen glauben an die krisenfreie Gesellschaft

Wer allerdings „wir“ in diesem Zusammenhang ist und wie „wir“ mitentscheidet und mitreguliert, darüber hüllt sich Jaeggi in Schweigen. In der DDR agierte „wir“ als Zentrale Planungsbehörde. Dass Fraser und Jaeggi den realexistierenden Sozialismus als falschen Sozialismus wegschieben, überzeugt nicht, weil ihr Gespräch farblos und phrasenhaft bleibt, wo sie einen funktionierenden Sozialismus beschreiben müssen. Die Verwendung des Adjektivs „demokratisch“ genügt bei weitem nicht, so hatte Lenin die Vorzüge der sozialistischen Demokratie gepriesen, die der bürgerlichen überlegen wäre, weil sie nicht nur die Freiheit der Versammlungen garantiere, sondern auch die Versammlungsräume zur Verfügung stellte – er hat nur vergessen hinzuzufügen, dass die sich im Gulag befanden.

Obwohl – und das macht das Buch lesenswert – den Autorinnen immer wieder inspirierende Problembeschreibungen gelingen, weil das Interesse an der Wirklichkeit das an der Ideologie überwiegt, leidet ihre Kapitalismus-Kritik grundsätzlich daran, den Kapitalismus selbst zu definieren. Der Grund, weshalb der Kapitalismus überwunden werden muss, besteht für die Autorinnen darin, dass er ein System ist, das nicht gut funktioniert und immer wieder Krisen hervorbringt. Über welches Gesellschaftssystem in der Geschichte der Menschheit ließe sich das nicht sagen? Diese Kritik setzt die Vorstellung voraus, dass es möglich wäre, eine krisenfreie, perfekte Gesellschaft zu errichten.

Das „Kommunistische Manifest“ beginnt mit den Worten: „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.“ Wir sollten es dabei belassen und es nicht beschwören, wichtiger wäre es, das beste, was der Kapitalismus geschaffen hat, die soziale Marktwirtschaft, gegen ökosozialistische Vorstellungen und finanzwirtschaftlichen Imperialismus zu verteidigen. Das Buch leistet einen wertvollen Beitrag zum Diskurs.

Nancy Fraser und Rahel Jaeggi: Kapitalismus. Ein Gespräch über kritische Theorie. suhrkamp taschenbuch wissenschaft, 329 Seiten, EUR 24,70

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