Würzburg

Das Fest der Normalität des Lebens

Ein Racheakt steht im Mittelpunkt des neuen Romans vom Nobelpreisträger Peter Handke.

Auszeichnung Peter Handkes
Umstrittener Literat: Die Verleihung des Literaturnobelpreises an den Österreicher Peter Handke wird aufgrund dessen Unterstützung des serbischen Nationalismus im Bürgerkrieg kritisiert. Foto: Anders Wiklund (TT NEWS AGENCY/AP)

In der Nähe von Versailles lag das Zisterzienserinnenkloster Port-Royal- de Champs. Heute sind davon nur wenige Nebengebäude erhalten geblieben. Auf Befehl von Ludwig XIV. wurde das Kloster 1710 abgerissen: Die Schwestern hatten sich im theologischen Streit über das richtige Verständnis des Zusammenspiels von göttlicher Gnade und menschlicher Freiheit einer extremen Position angeschlossen. Ihre Frömmigkeit war von Weltflucht, Sündenfurcht und Pessimismus geprägt; Weltbezug und menschliche Natur wurden rein negativ betrachtet. Nach der kirchlichen Verurteilung machte der absolutistische Staat dem Gnadenstreit mit der Zerstörung des Klosters ein (vorläufiges) Ende.

In einem Gutshof neben dem Kloster wohnten die „Messieurs de Port-Royal“, die sogenannten Solitaires. Diese waren meist wohlhabende, adlige Privatgelehrte, die an den Gottesdiensten teilnahmen und im Gnadenstreit die Partei des Klosters ergriffen hatten. Zu ihnen gehörte auch Blaise Pascal, dessen Schwester in Port-Royal eingetreten war. „Le Solitaire“ heißt übersetzt Einsiedler, Einzelgänger. Das Adjektiv „solitaire“ bedeutet entsprechend einsam, einsiedlerisch, kontaktlos, weltfern oder zurückgezogen, womit auch etwas über die spirituelle Ausrichtung gesagt ist. Der Ich-Erzähler im neuen Roman von Peter Handke „Das zweite Schwert“ besucht Port-Royal in der Osterwoche. Für diesen Ort hat er spürbar eine besondere Vorliebe. Er ist Österreicher und wohnt seit dreißig Jahren in einem Vorort von Paris. Er hat erwachsene Kinder, lebt aber in seinem Haus mit Garten völlig allein. Seine Lebensweise entspricht der der „Solitaires“, weltabgewandt führt er ein sehr kontemplatives Leben. Er kann stundenlang vor einem offenen Fenster sitzen, voll „namenloser Freude“ am „Nichtstun jetzt, und am weiteren Lassen und Nichtstun“.

Ein Einzelgänger, der meist nur einsame Menschen trifft

Eine Berufstätigkeit wird nicht erwähnt. Rückblickend beschreibt der Erzähler diesen einen Tag in der Osterwoche, als er aufbrach, um einen Mord zu begehen. Alles hatte vor einiger Zeit damit begonnen, dass er in einem Zeitungsartikel über sich lesen musste, „meine Mutter sei eine der Millionen aus der einstigen großen ,Donaumonarchie‘ gewesen, für welche die Einverleibung des kleinen Landes ins ,Deutsche Reich‘ Anlass zu Freudenfesten gewesen war. Meine Mutter habe gejubelt, will sagen, sei eine Anhängerin, eine Parteigenossin gewesen.“ Erschwerend kam noch eine „Fotomontage“ hinzu, auf der die damals Siebzehnjährige in eine „heil- oder sonst was schreiende Menschenmasse“ hineinmanipuliert worden war. Verfasst hat diesen Text eine Journalistin, die wie der Erzähler im Umkreis von Paris wohnt. Ihre Anschrift erfuhr er aus einem unleserlichen Brief, den sie ihm später einmal geschrieben hatte. Darin schlug sie, ohne die Beleidigung der Mutter zu erwähnen, ein gemeinsames öffentliches Streitgespräch vor.

Die Geschichte setzt nun damit ein, dass der Erzähler sich im Spiegel betrachtet und in das „Gesicht eines Rächers“ schaut. Aber auch wenn er sich entschlossen gibt, die „längst fällige Rache zu exekutieren“, gelingt es ihm nicht, die Selbstdistanz im Gewissen („Herz“) ganz auszuklammern: Während er die Haltung des Rächers „förmlich einstudierte“, wurde ihm „zugleich zunehmend das Herz schwer – und tat sogar weh“. Den Gedanken, die Rache gegen Geld an einen anderen zu delegieren, etwa an den Lackierer, der Gedichte schreibt und mit dem er sich in der Bahnhofsgaststätte öfters unterhält oder an einen obdachlosen Schwarzafrikaner, wird schnell verworfen. Offen spricht der Erzähler von seinen Gewaltphantasien, die ihn überkommen, etwa gegen Nachbarn, wenn Hundegebell und Streitgespräche kein Ende nehmen wollen. In seiner Jugend hatte er unbestimmte Rachegedanken, wenn seine Mutter liebevoll von ihren zwei Brüdern sprach, die im Russlandfeldzug umgekommen sind. Als „Gipfel der Gewalttätigkeit“ betrachtet er die Massenmedien, die „ihren Opfern nie wieder gutzumachendes Unrecht“ zufügen. Beim Aufbruch zur „Rache-Expedition“ ist weder von einem ausdrücklichen Plan noch von einer Waffe die Rede.

Beiläufig wird einmal ein stets mitgeführtes „Sarazenermesser“ erwähnt. Er geht am frühen Morgen auf die Straße mit einen Leinensack, ohne die sonst unverzichtbare Lektüre darin, einem Handy, zwei unterschiedlich farbigen Socken, einem „dreiteiligen blau-schwarzen Dior-Anzug“, „dem breitkrempigen Borsalino und der Bussardfeder im Hutband, mit der dunkel getönten Brille“. Im gesamten Text begegnet der Erzähler vorwiegend einsamen Menschen. Beschrieben werden meist anonyme Orte wie Bahnhofsvorplätze, Bushäuschen, Untergrundbahnstationen.

Immer wieder deutliche Bezüge zur Bibel

Seine Beziehungen zu Frauen bedenkend, empfand er sie rückblickend vorwiegend als „Hinderer“ („anderes Wort für Satan“). Stets hätten sie ihn an seinem „Tun ebenso wie an seinem Lassen“ gehindert. Ergebnis aller Beziehungen sei stets gewesen: Diese Frauen „hassten und verfolgten mich“. Demgegenüber werden alle Menschen, die ihm an diesem Tag begegnen, eindringlich und liebevoll beschrieben: „Sie alle verhöhnten … die, welche ihnen die Existenz absprachen.“ Dann im Taxi nach Port-Royal erkennt er im Fahrer einen ehemals sehr bekannten Bluessänger, der aus Langeweile mit dem Taxifahren begonnen hatte. Er lädt den Fahrer auf eine Terrasse unter blühenden Kastanienbäumen zum Essen ein. Auf der Suche nach einem „Zeichen“ findet der Erzähler an einem einsamen Teich eine Inschrift in eine Mauer eingekratzt: „Heute achten Mai 1945 läuten die Glocken den Sieg“. Es waren die Glocken von der nahen Kirche Saint-Lambert, „wo auf dem Friedhof die als ketzerisch verschrienen Klosterfrauen, Pascals Lehrerinnen, verscharrt lagen in einem Massengrab“. Dort schläft er ein und sieht im Traum seine „Ausbrüche“, wie er der Mutter als Jugendlicher ungerechte Vorwürfe über ihr Verhalten in der NS-Zeit gemacht hat. Dann erschien das Gesicht der Mutter „nach dem Tod alterslos“ wie das einer „Rächerin“: „Das Erscheinen dieses Gesichts … das war schon der Racheakt.“ Schmerzliches Erkennen der eigenen jugendlichen Lieblosigkeit: Du bleibst egozentrisch in deiner vermeintlichen Rache an der „heiligen Mutter“, in der es doch um eine Kränkung deines Egos geht, während du selbst der eigenen depressiv veranlagten Mutter mangelnden Widerstand als damals Siebzehnjährige vorgeworfen hast: „Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen“ (Mt7,5). Vor einer alten Scheune des Klosters ergibt sich ein Gespräch mit einem vom Sehen bekannten Richter aus seiner Wohngegend. Dieser hält einen Monolog darüber, dass es in der heutigen Gesellschaft keine „allgemeinen Übereinkünfte“ mehr gebe. Der Erzähler, leidenschaftlicher Pilzsammler, macht den Richter selbstlos auf zahlreiche „Mairitterlinge“ aufmerksam. Besonders leidet der Richter am allgemeinen Rechtsmissbrauch, dem „Ausspielen und Übertreiben der eigenen Rechte gegen den nebenan als Existenzbeweis“.

Beim Abschied sagt der Richter „mit einem Blick auf mich, als wüsste er alles: ,Sie haben ein ernstes Vorhaben. Meine Wünsche mögen sie begleiten‘.“ Gegen Abend, an dem die Rache ausgeführt werden soll, ist er bereits unter „Zeitnot“ und hat ein schlechtes Gewissen wegen der Uninformiertheit über das Weltgeschehen. Menschenscheu schlägt in „Menschenhass“ um. Er betrachtet einen Maikäfer und kommt zu Ruhe: „Die Maikäferinformation! Gute Nachricht!“ Er wartet auf den Ersatzbus am Betonhäuschen. Beschreibung einer Kirche, die nun als Spielhalle dient und in der alte einsame Frauen beim Kartenspiel sitzen. An der Endstation ist eine Gaststätte. Im tonlos laufenden Fernseher ist eine Talkshow zu sehen. Unter den Teilnehmern ist „die Täterin“, die ihre „Achtlosigkeit meiner Mutter ins Grab nachgerufen hatte“. Dann die Erkenntnis: „Sie, die Übeltäterin, sie und ihresgleichen gehörten nicht in die Geschichte … Es war darin kein Platz für sie! Und das war meine Rache. Das war und ist Rache genug. Wird genug der Rache gewesen sein, amen. Nicht das Schwert aus Stahl, sondern das andere, das zweite Schwert.“ Auch der „Menschenhass“ ist überwunden: Alle Anwesenden, die ihm an diesem Tag bereits begegnet sind, erscheinen ihm wie „Festgäste“: „Erkenntnis, dass ich es all die Zeit mit keinem einzigen bösen oder schlechten Menschen zu tun gehabt hatte, … seit Jahren.“

Was hat es aber mit dem Satz auf sich, aus dem auch der Buchtitel genommen ist „Nicht das Schwert aus Stahl, sondern das andere, das zweite.“ Der Geschichte ist ein Motto aus dem Neuen Testament vorangestellt: „Und Er sagte zu ihnen: Wer jetzt einen Geldbeutel hat, nehme den, ebenso einen Reiseranzen, und wer keins davon hat, verkaufe sein Gewand und kaufe ein Schwert … Sie aber sagten: Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter! Und Er sagte zu ihnen: Das genügt“ (Lk 22,36–38). Handke geht es sicherlich nicht um die hieraus abgeleitete „Zwei-Gewalten-Theorie“.

Im Evangelium kommt das „erste Schwert“ anschließend am Ölberg zum Einsatz: Einer der Apostel schlägt dem Knecht des Hohenpriesters ein Ohr ab. Jesus greift heilend ein und verbietet die Gegenwehr. In einem seiner „Journale“ (2007–2015) schreibt Handke: „,Mein ist die Rache‘ = Altes Testament – ,Keines ist die Rache‘ = Neues Testament“.

Vergeltung, Strafe und Racheverlangen am Übeltäter gehören für jedes menschliche Empfinden zur Wiederherstellung des Rechts. Paulus fordert: „Rächt euch nicht selber, … sondern lasst Raum für den Zorn (Gottes); denn in der Schrift steht: ,Mein ist die Rache, ich werde vergelten … spricht der Herr‘“ (Röm 12,9). Voraussetzung für den Racheverzicht ist aber die Gewissheit, dass Gott (die Einheit von Macht und Gutsein) die Gerechtigkeit wiederherstellen wird. Dies geschieht dadurch, dass Gott sich in Christus selbst zum Gegenstand der Vergeltung gemacht hat. „Das zweite Schwert“ trifft Gott selbst.

Am Schluss dieser „Maigeschichte“ steht die Gesamtdeutung der Erfahrungen dieses Tages. Er hat mit einer egozentrischen Racheabsicht begonnen und mit dem Willen zum Guten geendet. Dies setzt aber eine innere Zustimmung voraus: Das Gute soll sein, das Böse soll nicht sein. Handke beschreibt, wie das Racheverlangen einen Menschen zu deformieren droht. Die „Rache“ des „zweiten Schwertes“ besteht in der Erkenntnis, dass diejenigen, die nicht zum Guten gewillt sind, sich dem Gesollten verweigern, in ihrer Egozentrik gefangen bleiben. Die Befreiung besteht im neuen Leben. Dies beschriebt Handke als unspektakuläres Wunder der Normalität an einem Maiabend in einem Gasthaus. Dieses Wunder der Normalität ist Bedingung unseres Lebens. Sie ereignet sich unter den einsamen Menschen in den anonymen und hässlichen Vorstädten. Ganz am Schluss blickt der Erzähler in der Gaststätte in einen Taschenspiegel: „Ja, sieht so einer aus, dem die langersehnte Rache gelungen ist. Fröhlich schaute ich mich aus dem Spiegel an, fröhlich, wie ich mich kaum je erlebt hatte.“ Damit ist die Selbstentzweiung, die beim morgendlichen Blick in den Spiegel begonnen hatte, geheilt: „Ein Seufzer erscholl quer durch den Festsaal.“ Heimgekehrt ist der Erzähler im Morgengrauen und „auf allen Vieren“, aber ohne Schaden an seiner Seele genommen zu haben.

Peter Handke: Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte. Suhrkamp Verlag 2020, 158 Seiten, EUR 20,–

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