Wadowice

Die Heilige Familie aus Wadowice

Papst Johannes Paul II. ist ein Heiliger. Seine Eltern und sein Bruder sind es vielleicht bald auch.

Karol Wojtyla als Kind mit seinen Eltern
Karol Wojtyla als Kind mit seinen Eltern.

Vor einigen Jahren kam man bei einer Studie in der Schweiz zu dem Ergebnis, dass die religiösen Praktiken des Familienvaters entscheidend für den zukünftigen Glauben des Kindes seien. Da scheint etwas dran zu sein. Doch auch der Glaube der Mutter spielt für die religiöse Entwicklung des Kindes eine wichtige Rolle.

Heilige Eltern 

Einen schönen, wenn auch etwas traurigen Beweis dazu liefert das Leben der Familie Wojtya aus dem polnischen Wadowice   das Leben der Eltern von Papst Johannes Paul II. Denn: Nicht nur der Vater des Papstes, Karol Wojtya Senior, auch seine Ehefrau Emilia, eine geborene Kaczorowska, waren gläubige Menschen. So gläubig, dass sie einer Ankündigung des Metropoliten von Krakau, Erzbischof Marek Jdraszewski, zufolge, bald zur Ehre der Altäre erhoben werden könnten. Der diözesane Seligsprechungsprozess hat am 7. Mai begonnen. Ein heiliger Papst mit heiligen Eltern? Warum eigentlich nicht.

Dabei wirkten die Ehepartner sehr unterschiedlich auf Karol Wojtya und seinen älteren Bruder Edmund ein. Bedingt durch ihre Anlagen und Biographien. Emilia, die 1884 in Krakau zur Welt kam, war eine an der Klosterschule in Krakau gründlich ausgebildete junge Dame: Sie sprach fließend Deutsch, Französisch und Englisch, spielte Klavier und las gern Literatur. Karol Wojtya Senior, der 1879 in Biaa geboren wurde, besuchte eine deutsche Volksschule und wurde dann zum Grundwehrdienst in Wadowice einberufen. Er blieb als Berufssoldat in der Armee.
Was beide Ehepartner verband: Sie hatten schon als Kinder ihre Mütter verloren: Emilia mit 13 Jahren, Karol im Alter von neun Jahren. Der Verlust von engsten Angehörigen traf besonders Emilia, die auch einige ihrer acht Brüder und Schwestern verlor. Diese Erfahrung des Verlusts geliebter Menschen sollte auch die Ehe der beiden begleiten und prägen.

Tod der Tochter kurz nach der Geburt

Nach der Geburt ihres ersten Sohns Edmund im Jahr 1906 verloren die Eheleute im Sommer 1916 kurz nach der Geburt Tochter Olga. Es war ein schwerer Schlag für die Eheleute, doch mit starkem Glauben kamen sie darüber hinweg. Emilia als "liebevolle Ehefrau und Mutter, die sich um das Zuhause und die Pflege spiritueller Werte kümmerte", wie die polnische Journalistin und Wojtya-Familien-Forscherin Milena Kindziuk schreibt. Die "Härten des Alltags"   sie waren Emilia Wojtya nicht fremd.

Im Herbst 1919 schließlich war sie erneut schwanger. Emilia war zu diesem Zeitpunkt bereits 35 Jahre alt und hatte Angst, keine weiteren Kinder mehr bekommen zu können. Umso glücklicher war sie zunächst über das Ereignis. Doch die Freude sollte schnell großer Sorge weichen. 
Ein bekannter Gynäkologe und Geburtshelfer hatte nämlich, wie Kindziuk in ihrem Buch "Die Mutter des Papstes" ausführt, festgestellt, dass Emilia keine Chance habe, ein lebendiges Kind zu gebären. Wenn überhaupt ein Kind, so meinte er, dann würde dieses auf Kosten ihres eigenen Lebens geboren werden. "Sie werden diese Geburt nicht überleben, bitte lassen Sie es abtreiben", riet ihr der Arzt. Emilia Wojtya lehnte dieses Angebot ab, und so kam am 18. Mai 1920 der zweite Sohn, Karol (Spitzname "Lolek"), zur Welt. Vollkommen gesund. 

Er führte "Lolek" und seine Freunde 
in die Geschichte Polens ein
und brachte ihnen Deutsch bei. 

Der Vater übernahm die Erziehung

Für Emilia Wojtya jedoch war das Leben von nun an mit starken physischen Schmerzen verbunden, weshalb es nicht überrascht, dass Johannes Paul II. im Rückblick einmal sagte, seine Mutter habe ihn "das Leiden gelehrt". Er sah, wie sie litt und wie sie dieses Leiden mit Würde trug. Sie war es auch, "die den kleinen Karol das Kreuzzeichen und die ersten Gebete lehrte, und ihn auf die Erstkommunion vorbereitete, obwohl sie drei Wochen vor der Feier verstarb", so Kindziuk. 1929 war das. 
Schon während Emilias Krankheit und erst recht nach ihrem Tod übernahm Karol Wojtya senior die Leitung des Hauses und die Erziehung der Söhne. Er machte Einkäufe, kochte das Essen, wusch Geschirr, reinigte die Wohnung, wechselte alte Kleidung und flickte Socken. Er führte "Lolek" und seine Freunde auch in die Geschichte Polens ein, brachte ihnen Deutsch bei. Er unterrichtete die Jungen auch sportlich, etwa beim Schwimmen.

Damit nicht genug. Der Tagesrhythmus der Familie war geprägt von gemeinsamen Spaziergängen und Gebet. Jeden Tag um 7 Uhr morgens nahm Karol Wojtya senior an der heiligen Messe teil. Zu Hause las man die Heilige Schrift, betete den Rosenkranz und sang Marienlieder. "Ich konnte tagtäglich sein Leben beobachten, das würdevoll und streng war. Von Beruf war er Soldat, und als er Witwer geworden war, wurde sein Leben zu einem Leben ständigen Gebets", erinnert sich Johannes Paul II in seiner Autobiographie "Geschenk und Geheimnis". "Es kam vor, dass ich nachts aufwachte und meinen Vater am Boden knien sah." Er war es auch, der seinen Sohn "Lolek" das Gebet zum Heiligen Geist lehrte, das dieser für den Rest seines Lebens jeden Tag betete.

Der Bruder stirbt an Scharlach

Doch leider: Der Tod Emilias war nicht die letzte Tragödie im Leben der Familie. 1932 starb der ältere Bruder des Papstes, Edmund Wojtya. Als Arzt hatte er sich bei einer Patientin infiziert, die am Scharlachfieber litt. Er war der einzige Arzt, der sich um sie kümmern wollte, da es noch keinen Impfstoff gegen die Krankheit gab. 1941 starb "Loleks" Vater, Karol Wojtya. Der Waise der Familie, damals noch Philologie-Student in Krakau, entschloss sich, Priester zu werden. Der Rest ist Geschichte. Kirchengeschichte.

Da bereits 1997 eine Kommission für die Seligsprechung von Edmund Wojtya eingerichtet wurde, kann man sagen, dass sich nun quasi die gesamte Wojtya-Familie auf dem Weg zu den Altären befindet   auf den Spuren des kleinen "Lolek", des großen Papstes Johannes Paul II., der 2014 heiliggesprochen wurde und von allen drei Familienmitgliedern auf seinem Weg geprägt wurde.

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