„Wir haben die Kindheit abgeschafft“

Die Psyche des Kindes braucht ein Gegenüber, braucht Bindung und Beziehung, um sich zu entwickeln, sagt der Kinderpsychiater Michael Winterhoff. Von Stephan Baier

Smartphone-Nutzung bei Jugendlichen
Das Smartphone hat uns gekapert, und unsere Kinder auch. Foto: dpa
Smartphone-Nutzung bei Jugendlichen
Das Smartphone hat uns gekapert, und unsere Kinder auch. Foto: dpa

Herr Winterhoff, nahezu alle Eltern wollen ihre Kinder glücklich und lebenstüchtig machen. Warum gelingt uns das heute weniger als früher?

Weil sich die Erwachsenen verändert haben. Wenn Sie heute durch die Stadt gehen und in die Gesichter schauen: genervt, gereizt, depressiv oder am Handy. Wenn jemand entspannt strahlt, hat er vermutlich Drogen genommen. Viele Erwachsene sind von Angst getrieben und gesteuert, gehetzt und finden keine Ruhe. Man ist in einer Situation, aber gedanklich schon bei der nächsten. Deutschland kann nicht einmal mehr einen Flughafen bauen. In einem Land, in dem man darauf angewiesen ist, dass die Logistik stimmt, gehen Brücken und Straßen kaputt. In den Grundschulen haben wir die Schreibschrift und die Rechtschreibung abgeschafft, jetzt folgen die Hausaufgaben. Ein Land im Wahn!

Die digitale Revolution hat uns Erwachsene, Ihre und meine Generation, überrollt, aber gehen die Kinder und Jugendlichen damit nicht viel selbstverständlicher und souveräner um?

Es geht nicht darum, ob die Kinder mit digitalen Geräten besser umgehen. Immer mehr Kinder fallen bereits im Kindergarten auf, selbst im Bewegungsablauf sind sie den Kindern vor 20 Jahren nicht vergleichbar. Sie erkennen zum Teil Abläufe und Strukturen gar nicht mehr. In den Grundschulen sind immer mehr Kinder lernunwillig, rücksichtslos und leben nur noch lustorientiert. Beim Übergang von der Schule zum Beruf zeigt sich, dass immer mehr junge Erwachsene nicht arbeitsfähig sind: Es fehlen ihnen die nötige Arbeitshaltung und der Sinn für Pünktlichkeit. Das Handy ist ihnen wichtiger als der Kunde, der gerade vor ihnen steht. Über das, was sie einmal gelernt haben, können viele nicht verfügen. Viele Ausbilder können ihre offenen Lehrstellen nicht mehr besetzen, weil die Bewerber gravierende Probleme aufweisen. Wir wollen, dass die Heranwachsenden selbstständig, eigenverantwortlich und verantwortungsbewusst leben können und arbeitsfähig sind. Das können aber immer mehr nicht, denn sie kreisen nur um sich selbst. Das ist besorgniserregend, weil all unser Bemühen offenkundig nicht zu dem Ergebnis führt, zu dem es führen sollte.

Wenn Lehrherren klagen, dass Lehrlinge nach neun Schuljahren die Grundrechnungsarten und die Rechtschreibung nicht beherrschen, hat dann nicht einfach die Schule versagt?

Wenn mehr als 50 Prozent nach dem Schulabschluss nicht arbeitsfähig sind, hat sowohl die Schule versagt als auch das Elternhaus. Wenn ich hier in Bonn in der Kneipe von einem Studenten bedient werde, der nicht einmal die Bestellung zusammenbekommt, geschweige denn am Schluss addieren kann, dann hatte der in der Schule doch mal Mathe und Deutsch. Wie wir als Menschen denken und handeln, steuert unsere emotionale und soziale Psyche. Die Psyche besteht aus Nervenzellen und sitzt im Gehirn. Wie wir uns verhalten, hat primär nicht mit Erziehung, sondern mit Entwicklung zu tun. Wir hatten das Glück, in einem Land zu leben, wo sich die Psyche bis Mitte der 1990er Jahre grundsätzlich entwickeln konnte. Ich bin 1955 geboren, damals dominierte die Vorstellung, dass Kinder zu parieren und zu funktionieren haben. Es gab Schläge zu Hause und in der Schule. Meine Generation und die Folgegeneration, die zum Glück diesen Angst machenden, autoritären Erziehungsstil nicht mehr erlebt hat, ist zur erfolgreichsten geworden: Wir sind umsichtig und weitsichtig, können Probleme erkennen und angehen. Alle Fälle, die ich vor 1995 in Behandlung hatte, waren mit drei Jahren kindergartenreif, mit sechs Jahren schulreif, mit 16 Jahren ausbildungsreif. Das hat sich verschoben: Die Kinder, die zu mir kommen, weisen alle einen Reifegrad von Kleinkindern auf. Die Kinder bekommen nicht mehr die Chance, ihre Psyche zu entwickeln. Wenn wir aber immer mehr Kinder in den Schulen haben, die keine Schulreife mitbringen, dann geht die ganze Bildung an denen vorbei.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Plädieren Sie für ein Zurück zur Mentalität, dass Kinder zu funktionieren haben – nötigenfalls mit Schlägen?

Nein, das ist eine Erziehungsfrage. Sigmund Freud hatte die geniale Idee, dass Störungen im Erwachsenenalter zurückzuführen sind auf die Kindheit. Man stellte fest, dass Kinder aus unterschiedlichen Milieus und Elternhäusern sich in bestimmten Altersstufen gleich verhalten. Die Psyche beginnt mit der Geburt, mit der Wahrnehmung der Welt außerhalb von mir: Wickeln ist unangenehm, mit Mama kuscheln ist angenehm. Durch Krabbeln und Laufen entdeckt das Kind den Raum und die Wände. Mit zweieinhalb Jahren erkennt es Vater und Mutter, und kann sich an den Reaktionen anderer orientieren. Mit fünf Jahren weiß es: Das ist falsch, das richtig; jenes ist gut, dieses schlecht. Ein Fünfjähriger benimmt sich im Restaurant nicht, weil er erzogen ist, sondern er nimmt wahr, dass er in der fremden Umgebung andere Menschen nicht stören will. Es ist ein Trugschluss, zu meinen, dass die Entwicklung der Psyche über Erziehung geht oder über Erziehungsstile. Deshalb ist die Diskussion über „Zurück zum Schlagen“ – auf keinen Fall! – falsch. Ob Sie eine Sportart oder eine Sprache lernen, es ist immer das Gleiche: Wir lernen nicht, indem es uns jemand sagt oder vormacht. Das Prinzip, etwa Tennis zu erlernen, ist keine Frage der Muskulatur, sondern des Gehirns. Dazu brauche ich jemanden, der mich sieht, führt und anleitet. Es braucht viel Übung, bis ich in der Lage bin, die richtigen Bewegungen auszuführen. Früher war es selbstverständlich, dass Kinder viel Zeit brauchen, angeleitet werden müssen, dass man Entscheidungen für Kinder trifft.

Das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern hat sich in den vergangenen Jahrzehnten jedoch radikal gewandelt.

Wir Erwachsene mussten uns ab Mitte der 1990er Jahre mit der digitalen Welt auseinandersetzen. Dafür wenden wir bis heute viel Zeit auf. Damals hat die Gesellschaft unbewusst die Kindheit abgeschafft: Wir haben die Kinder zu kleinen Erwachsenen gemacht, zu Partnern, die sich möglichst viel selbst beibringen und selbst entscheiden sollen. Wir haben die Kinder sich selbst überlassen! Daher rühren auch die pädagogischen Konzepte: Wir haben in Grundschulen keine Lehrer mehr, sondern Lernbegleiter. Kinder sollen sich selbstbestimmt an der Lern-Theke bedienen. So kann sich Psyche nicht entwickeln! Sie braucht ein Gegenüber, braucht Bindung und Beziehung. Wo das fehlt, bleiben Kinder psychisch auf der Kleinkindstufe stehen. Hinzu kommt, dass die Erwachsenen durch das Internet orientierungslos geworden sind. Im Internet finden sie zu jedem Problem tausend Lösungen. Plötzlich sollen Kinder den Erwachsenen Orientierung geben. Sie werden ständig befragt: Was möchtest du denn? Die Kinder entscheiden, in welche Schule sie gehen und wo Urlaub gemacht wird, weil Erwachsene nicht mehr in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen.

Zum Internet kam die Smartphone-Welle.

Ja. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass der Mensch nur eine bestimmte Menge an Informationen aufnehmen und eine bestimmte Menge an Entscheidungen treffen kann. Durch das Smartphone kommen wir in eine Situation der Reizüberflutung. Erwachsene sind nur mehr am Reagieren. Das Kind aber erlebt seine Situation so: Es kann in der Schule bestimmen, was es wann macht – und ob es was macht. Wenn der Lehrer nicht mehr als Gegenüber wahrgenommen wird, übt das Kind weder Frustrationstoleranz noch eine Arbeitshaltung ein. Erwachsene, die nicht mehr vermögen, dem Kind Nein zu sagen, schicken es ins Internet oder vor den Fernseher. Wenn Achtjährige bereits Smartphones haben, ist das völliger Wahnsinn! Jeder zweite Elfjährige, der meine Praxis betritt, ist bereits in Pornos drin. Das ist doch abartig! Das liegt nur daran, dass die Erwachsenen nicht mehr Nein sagen können und überfordert sind. Wenn Kinder die Erwachsenen als steuerbar wahrnehmen, dann entspricht das dem Weltbild des Kleinkindes von zehn bis 16 Monaten. Anna Freud nannte das „frühkindlicher Narzissmus“: In dieser Phase verbleiben heute in Deutschland 70 Prozent der Grundschüler. Sie meinen, alles und jeden steuern zu können, agieren nur lustorientiert, haben weder Unrechtsbewusstsein noch Empathie und sind nicht in der Lage, in Konflikten Zusammenhänge zu erkennen. Solchen Jugendlichen müssen Sie Aufträge grundsätzlich doppelt und dreifach erteilen. Sie nicht arbeitsfähig und nicht lebenstüchtig.

Kinder werden heute online von Reizen überflutet, die sie nicht verarbeiten können, etwa mit Gewalt und Sexualität. Wie können Eltern ihre Kinder stark und resistent machen gegen die Bilderflut, der Kinder wehrlos ausgeliefert sind?

Hier versagen die Eltern. Bei mir würde es das Smartphone ab 14 geben, nicht darunter. Wieso sind Eltern nicht mehr in der Lage, das zu regeln? In der analogen Zeit stand der Fernseher im Wohnzimmer und es gab eine Fernsehzeit für Kinder. Es ist doch unglaublich, dass Erwachsene die Kleinkinder an Smartphones lassen, nur weil sie Ruhe haben wollen. Viele machen sich gar keine Gedanken, was pädagogisch wertvoll ist. Warum können Eltern heute ihren Job nicht mehr machen? Erinnern wir uns: 1990 hatten wir einen Festnetzanschluss. Man wurde mittags und nachts nicht angerufen; wenn man auf Urlaub war, war man zwei oder drei Wochen nicht erreichbar. Wir hatten viel Zeit für uns. Unsere Psyche kann nur regenerieren, wenn wir uns Auszeiten nehmen. Ob ich in den Wald gehe, Yoga mache oder mich in eine Kirche setze: Wenn meine Psyche regenerieren kann, bin ich Kapitän über mein Leben, bin selbstbestimmt. Und ich verfüge über Intuition. Wenn der Erwachsene nicht dafür sorgt, dass seine Psyche regeneriert, ruht er nicht mehr in sich und kann nicht mehr über seine Intuition verfügen. So haben wir das Gespür dafür verloren, was Kinder brauchen und was Kindheit ist. Da die Erwachsenen nicht mehr in sich ruhen, sondern immer mehr am Rotieren sind, spüren sie nicht mehr, was Kinder brauchen. Daraus erwachsen Konzepte in Kindergarten und Schule, die Kinder wie kleine Erwachsene behandeln oder ganz sich selbst überlassen. Eltern müssen in sich ruhen, um Kindern Nein zu sagen und sie schulisch begleiten zu können.

Als Kinderpsychiater und Psychotherapeut müssten Sie also Eltern und Lehrer auf die Couch bitten?

Alle Erwachsenen! Sie fühlen sich nur mehr fremdbestimmt, müssen also wieder zu sich kommen. Wir sind alle überrollt worden. Aber es gibt Auswege: Die ganze Familie braucht eine Auszeit: ein Tag offline! Führt den Sonntag wieder ein! Wir werden heute immer kommunikationsärmer, sind immer mehr in Maschinen. Wenn ich an einem Tag pro Woche realisiere, wie toll das Leben ist, wenn ich nicht in diesen Geräten bin, werde ich immer besser damit haushalten. Ich spreche nicht gegen eine digitale Zeit, aber wir müssen lernen, damit umzugehen.

Immer mehr Kinder wachsen heute nicht bei den leiblichen Eltern auf, sondern in Patchwork-Situationen unterschiedlichster Art. Was macht das mit den Kindern?

Je mehr Wechsel der Bezugspersonen, desto schlechter ist es für die Kinder. Aber warum kommt es zu immer mehr Trennungen? Wenn Erwachsene überfordert sind, gehen auch Beziehungen in die Brüche. Die Kinder sind die Leidtragenden, weil immer mehr Eltern in diesem Modus sind, dass sie Kinder nicht als Kinder erleben.

Wenn Ehen zerbrechen, werden Kinder oft instrumentalisiert: als Waffe gegen Ex-Partner, aber auch als Ersatz-Partner. Sie nennen das ein „symbiotisches Verhältnis“.

Die Gefahr eines symbiotischen Verhältnisses ist weder ein individuelles noch ein familiäres Problem, sondern die ungesunde Antwort auf ein gesellschaftliches Problem. Je mehr eine Gesellschaft eine positive Zukunftsperspektive verliert, desto größer ist die Gefahr der unbewussten Instrumentalisierung des Kindes: dann ist das Glück des Kindes mein Glück. Dann fühle und denke ich für das Kind. So wird das Kind ein Teil der Eltern. Daraus erklären sich viele Reaktionen, die Eltern heute an den Tag legen. Wenn Eltern aufgrund von Überforderung in eine solche Symbiose mit dem Kind hineinrutschen, reagieren sie reflexartig. Dann erleben Kinder, dass sich die Eltern steuern lassen – und das verhindert die Entwicklung über die Kleinkindphase hinaus.

Ihr jüngstes Buch heißt „Die Wiederentdeckung der Kindheit“. Worin besteht eigentlich der spezifische Wert der Kindheit?

Die Kindheit ist eine Errungenschaft der Neuzeit. Erst in der Neuzeit wurde klar, dass Kinder zunächst geschützt werden müssen, auch vor den Themen der Erwachsenenwelt. Wenn man Kindheit nicht ermöglicht, verhindert man Entwicklung. Wir könnten morgen unseren Kindern wieder Kindheit ermöglichen, das setzt aber voraus, dass wir selbst wieder in uns ruhen.