Die kontaminierte Zeugung

Über die Ökonomisierung der Fortpflanzung oder warum wir Kinder weder planen noch für Geld kaufen können sollten. Von Stefan Rehder

Kinderwunschzentrum
Im Kinderwunschzentrum Leipzig kontrolliert eine medizinisch-technische Laborassistentin die Befruchtung von Eizellen und die Mikroinjektion von Spermien. Foto: dpa
Kinderwunschzentrum
Im Kinderwunschzentrum Leipzig kontrolliert eine medizinisch-technische Laborassistentin die Befruchtung von Eizellen un... Foto: dpa

Bisweilen beginnen Revolutionen mit extraordinären Zeugungen. Die wirkmächtigste liegt mehr als 2 000 Jahre zurück und hat weit mehr umgewälzt als nur unsere Zeitrechnung. Damals gebar in einem Stall in Bethlehem eine Jungfrau einen Sohn, dem sie den Namen Jesus gab.

Eine ganz andere wird im kommenden Jahr 40 Jahre alt: Am 25. Juli 1978 entband der Gynäkologe Patrick Steptoe im Royal Oldham Hospital bei Manchester mit Louise Brown das erste mittels In-Vitro-Fertilisation (IVF) erzeugte Kind. Seit diesem denkwürdigen Tag sind weltweit rund fünf Millionen Kinder nach künstlicher Befruchtung geboren worden. Was auf den ersten Blick wie eine rein private Angelegenheit aussehen mag, beeinflusst Gegenwart und Zukunft unserer Gesellschaften nachhaltiger, als vielen bewusst ist, und viel mehr, als den meisten lieb sein dürfte.

Denn die Reproduktionsmedizin, die bis zur Geburt von Louise Brown vielen als „Science Fiction“ galt, ist längst zu einem „Big Business“ mutiert. Zu einem rasant wachsenden Industriezweig, der vielerorts blühende Laborlandschaften hervorbringt. Laut einer Marktanalyse des US-Branchenriesen „Market Data Enterprises“ gibt es allein in den USA mehr als 100 Samenbanken und 481 Reproduktionskliniken, in deren Labors jedes Jahr mehr als 50 000 Kinder erzeugt werden. Das Marktforschungsunternehmen „Allied Market Research“ mit Sitz in Portland prognostiziert bis zum Jahr 2020 einen Anstieg des Volumens für Geschäfte mit und um die Laborzeugung auf 21,6 Milliarden US-Dollar.

Dabei umfasst die Angebotspalette weit mehr als nur die bei Louise Brown zum Einsatz gekommene IVF. Sie reicht von Gentests, mit denen Eltern ihre im Labor erzeugten Embryonen auf mehr als 400 vererbbare Krankheiten testen lassen können, bevor sie in den Uterus der Mutter implantiert werden, über Arrangements von Eizellspenden und Leihmutterschaften (darunter spezielle für homosexuelle Paare) bis hin zur Geschlechtsselektion mittels Präimplantationsdiagnostik und zum „social freezing“. Das Schockgefrieren unbefruchteter Eizellen bei minus 196 Grad Celsius sorgte erstmals im Herbst 2014 für Schlagzeilen. Damals meldete der US-Sender NBC, die IT-Riesen „Facebook“ und „Apple“ zahlten weiblichen Angestellten bis 20 000 US-Dollar, wenn diese ihre Eizellen einfrören und ihren Kinderwunsch aufschöben, um sich in jungen, fruchtbaren Jahren anstatt der Gründung von Familien ganz den Wünschen ihrer Arbeitgeber zu widmen. Behält Carl Djerassi Recht, wird das „Social Freezing“ die menschliche Fortpflanzung binnen weniger Jahre radikal verändern. Der 2015 verstorbene Chemiker, der mit der Synthetisierung des Sexualhormons Norethisteron die Voraussetzung für die Entwicklung der Anti-Baby-Pille schuf, war überzeugt, dass auf den von ihm ermöglichten „Sex ohne Zeugung“ bald eine weitere gesellschaftliche Revolution folgen werde: „Die Zeugung ohne Sex“. Mittels „Social Freezing“ würden Männer und Frauen in fruchtbaren Jahren ihre Spermien und Eizellen einfrieren lassen, um sie später von Reproduktionsmedizinern auftauen und im Labor befruchten zu lassen. Diese These vertritt auch der Zukunftsforscher Sven Gabor Janszky. Der Trendforscher prognostiziert die Zunahme „später Familien“. Für diese sei die Reproduktionsmedizin „ein Segen“, weil es erwiesen sei, „dass die Qualität der menschlichen Ei- und Samenzellen über die Jahre nachlässt“. So seien die Keimzellen in fortgeschrittenem Alter „von zahlreichen Mutationen gezeichnet, die die Chance auf ein gesundes Kind verringern“. Dies sei der Grund, „warum es für viele Eltern eine lohnenswerte und sehr menschliche Konsequenz sein wird, in jungen Jahren ihre Ei- und Samenzellen für eine spätere Nutzung einzufrieren“.

Allerdings lässt sich dasselbe Phänomen auch anders betrachten. Aus dieser Perspektive wäre die zunehmende Zahl „später Familien“ Beleg eines kulturellen und sozialpolitischen Versagens, der Unfähigkeit von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, Rahmenbedingungen zu schaffen, die hinreichend vielen Paaren die Möglichkeit geben, Familie und Beruf in jungen Jahren zu vereinbaren. Hierbei geht es um weit mehr als nur um die recht einfallslose Bereitstellung von Krippen- und Kitaplätzen. Notbehelfen, die von kaum jemandem als ideal betrachtet werden und geeignet sind, eine der Ursachen für die verspätete Gründung von Familien zu zementieren: Bindungsschwäche. Eine charakterliche Deformation, die durch häufig wechselnde Bezugspersonen geradezu anerzogen werden kann.

Statt mit flexiblen Ausbildungs- und Arbeitszeiten, bezahlbarem Wohnraum, günstigen Darlehen und innovativen Steuermodellen junge Menschen in den von der Natur vorgegebenen Jahren zur Gründung von Familien zu ermutigen, haben westliche Industrienationen sowie aufstrebende Volkswirtschaften in Asien und Osteuropa in den Auf- und Ausbau von Kinderwunsch-Industrien investiert. Wie immer, wenn Industrien erbaut und Märkte erschlossen werden, konkurrieren Staaten miteinander um die besten Standortbedingungen und deregulieren Gesetze und Auflagen um die Wette. „In Kalifornien“ sei es leichter, „eine Samenbank zu eröffnen als eine Pizzeria“, schwärmt William Handel, Besitzer einer Agentur für Eizellspenderinnen und Leihmütter in Los Angeles.

Dass der Auf- und Ausbau einer Industrie, die Kinder produziert, nicht ohne Folgen für den Blickwinkel bleiben kann, aus dem Gesellschaften zunächst auf Kinder, letztlich aber auf den Menschen als solchen – unabhängig von Alter und Entwicklungsstand – schauen werden, liegt auf der Hand. Wie sehr, verrät bereits ihr Sprachgebrauch. Nicht zufällig steckt in dem Kompositum „Reproduktionsmedizin“ das Wort „Produkt“. Treffend lautet mit „Kinder machen“ auch der Titel des mit fast 550 Seiten recht üppig ausgefallenen Werks des Lüneburger Kulturwissenschaftler Andreas Bernard. Das Buch liest sich wie der Frontbericht eines „embedded journalist“, eines in Truppenteile eingebetteten Kriegsberichterstatters. Nur dass dieser aus den Labors von Reproduktionskliniken, Samenbanken und Kinderwunsch-Praxen berichtet. Bernard wartet mit der Erkenntnis auf, dass der Reproduktionsmediziner „das Ergebnis seiner Konservierungs- und Injektionskünste nicht als Subjekt denken“ kann. Doch wo der Mensch als herstellbares Produkt betrachtet wird, können mit „Fehlern“ behaftete Produkte nicht auf Nachsicht hoffen, wird „Qualitätssicherung“ und die „Weiterentwicklung“ des Produkts anhand geäußerter oder auch nur vermuteter Kundenwünsche gewissermaßen zur Pflicht.

„Ich bekomme Anfragen nach der Augen- oder Haarfarbe, aber auch nach der sexuellen Orientierung. Ich muss die Leute vertrösten. Das ist derzeit nicht möglich“, berichtet Jeffrey Steinberg. Der Reproduktionsmediziner, der Kliniken in Los Angeles, New York und Utah sein eigen nennt, weiß, wovon er spricht. Seit 30 Jahren verhilft er Menschen zu Kindern. Vor 14 Jahren spezialisierte er sich darauf, diese im Anschluss nach Geschlecht zu selektieren. Möglich ist das, weil sich unter Neonlicht das Y-Chromosom, das nur Jungen besitzen, unter dem Mikroskop ausfindig machen lässt. Obwohl die zuständige Fachgesellschaft, die „American Society for Reproductive Medicine“, in ihren Richtlinien empfiehlt, Eltern von der Geschlechtsselektion zur Familienplanung abzuraten, bewerben mehr als ein Drittel der Kliniken in den USA das „Social Sexing“ offensiv.

Zur negativen Eugenik, der Abtreibung von Kindern, die auf natürlichem Weg zu einem als unpassend empfundenen Zeitpunkt oder mit unerwünschten Merkmalen gezeugt werden, hat sich in den vergangenen vier Jahrzehnten eine „positive Eugenik“ gesellt, die mittels künstlicher Befruchtung und pränataler Selektion nach der Produktion von Kindern zum gewünschten Zeitpunkt mit erwünschten Merkmalen strebt. Sollten die neuen Technologien des Genome-Editing wie CRISPR/Cas9 halten, was sich jene davon versprechen, die sie in China, den USA, Großbritannien und Schweden an menschlichen Embryonen erforschen, und sich der genetische Code des Menschen wie in einem Textverarbeitungsprogramm korrigieren, umschreiben oder neu aufsetzen lässt, werden die Reproduktionsmediziner noch mit ganz anderen Kundenwünschen konfrontiert werden, als jenen, die Steinberg derzeit noch nicht erfüllen kann.

Manche dürften dann zur „Serienausstattung“ zählen. „Ich war so frei und habe alle potenziell abträglichen Beschwerden ausgeschaltet. Vorzeitige Kahlheit, Kurzsichtigkeit, Alkoholismus und Suchtanfälligkeit, Neigung zu Gewalt, Fettleibigkeit. Nach der Überprüfung blieben, wie Sie sehen, zwei gesunde Jungen und zwei sehr gesunde Mädchen übrig. (...) Sie müssen nur noch den passenden Kandidaten aussuchen“, lässt der neuseeländische Drehbuchautor, Regisseur und Produzent Andrew Niccol in seinem 1997 erschienenen Science-Fiction-Film „Gattaca“ einen Keimbahningenieur seinen Kunden mitteilen.

Wir leben, behauptet der Moralphilosoph Michael D. Sandel, in einer Marktgesellschaft. In dieser sei die vorherrschende Beziehung die zwischen Kunde und Produkt. Sie infiziere alle übrigen, einschließlich jener zwischen Menschen. Dabei habe das Produkt letztlich nur eine einzige Aufgabe zu erfüllen. Es müsse dem Kunden gefallen. Bezogen auf unser Thema ließe sich der Einwand erheben, es sei nicht zwingend, dass Eltern, die sich für eine künstliche Befruchtung entscheiden, das dabei erzeugte Kind auch als „Produkt“ betrachten. Zwar legt der Entstehungsprozess, der wesentliche Merkmale einer Herstellung besitzt und Eltern die Rolle von Rohstofflieferanten zuweist, ein solches Denken nahe, doch zwingt der Gebrauch der Technologie Eltern nicht, sich eine solche Betrachtungsweise zu eigen zu machen. Auch ein im Labor erzeugtes Kind kann um seiner selbst willen gewollt werden. Angesichts des flächendeckenden Einsatzes von Kontrazeptiva spricht viel dafür, dass auch natürliche Zeugungen in der Mehrzahl der Fälle das Ergebnis absichtsvoller Akte sind, die gleichfalls darauf zielen, Kinder „zu machen“ und sich daher schwerlich als Argument gegen die Laborzeugung ins Feld führen lassen. Das ist jedoch auch gar nicht notwendig. Denn aus der Zurückweisung einer Handlung folgt keineswegs, dass Handlungen, mit denen sich dasselbe Ziel auf alternative Weise erreichen lässt, begrüßt werden müssten.

Auch wenn die Technisierung der Fortpflanzung den Akt der Zeugung weniger kontaminiert als die Unerbittlichkeit des Willens, mit der dieser geplant und (in vitro oder in vivo) zur Tat wird, so lässt sich doch nicht leugnen, dass die Reproduktionsmedizin der alten Versuchung, den Menschen nach dem eigenen Bild zu formen, Tür und Tor öffnet. Weil damit zugleich ein Machtgefälle begründet wird, das in egalitären Gemeinwesen, die von der gleichen Würde aller Menschen ausgehen, keinen Platz hat, ist das auch keine private, sondern eine öffentliche, gesamtgesellschaftliche und deshalb politische Frage.

So wenig wie der Mensch das Recht hat, zu seinesgleichen zu sagen „Du sollst nicht sein“ (R. Spaemann), so wenig steht es ihm zu, ihn mittels einer bloß instrumentellen Vernunft ins Dasein zu zwingen. Denn auf diese Weise entsteht ein Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnis, das zwischen Wesen, die mit der gleichen Würde begabt sind, inakzeptabel ist. Um es mit Michael J. Sandel zu sagen: Kinder sind „Gaben“. Wo sie zu „Objekten unseres Entwerfens“, „Produkten unseres Willens“ oder „Instrumenten unserer Ambitionen“ herabgewürdigt werden, versagen wir nicht bloß punktuell, sondern ganz und gar – als Menschen.