Das göttliche Kind

Die alten Mythen vom heiligen Kind werden von der Wirklichkeit eingelöst und bewahrt, vor allem aber übertroffen. Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

Ausstellung "Goldener Horizont"
Dem Gottkind Eros widersteht nichts, alle Götterwelt ist ihm unterworfen, sogar Aphrodite, die Herrin der Liebe. Foto: dpa
Ausstellung "Goldener Horizont"
Dem Gottkind Eros widersteht nichts, alle Götterwelt ist ihm unterworfen, sogar Aphrodite, die Herrin der Liebe. Foto: dpa

In alten Überlieferungen von Indien bis Griechenland leuchtet die Gestalt eines heiligen Kindes auf, das unmittelbar dem Ursprung entspringt, ja, der Ursprung ist. So erscheint Indra, eine der indischen Ur-Gottheiten, einmal als Knabe, um die alten, abgeklärten Lehrer mit nie gehörten Einsichten zu beschämen. Der thrakische Dionysos ist nicht allein der Weingott, sondern auch der jährlich wiederkehrende Kindgott. In der Südsee wird das Göttermädchen Hainuwele verehrt. Zudem ist auffällig, dass es in der griechischen Sagenwelt mehr göttliche Mädchen als göttliche Knaben gibt. Der griechische Mythos, die Sagenwelt, liebt die Gestalt der Kore, die als Athene oder Persephone oder in vielen weiteren Ausschmückungen die mädchenhafte „Knospe“ vor Augen stellt.

Solche reinen, heiligen Kinder, sofern sie nicht einfach blumenhaft, herkunftslos „aufsprießen“, haben selbst außergewöhnliche Eltern. Altirische Erzählungen wissen von einem sündelosen Paar, das ein vollkommenes Kind erzeugt. Es darf nicht über geschlechtliche Gier entstehen, nicht aus dem tierischen Trieb. Sein Vater und seine Mutter sind selbst makellos und ihrer Liebe wunderbar sicher. Manche Erzählungen berichten von der mütterlichen Empfängnis durch den Wind, durch das Essen von Beere oder Fisch, durch einen Tropfen Wasser, der auf die Zunge springt. Nicht der geschlechtliche Akt ist das Vorrangige, sondern die Offenheit von Mann und Frau für das verborgene Walten der gesamten Welt, für die sichtbaren und unsichtbaren Fügungen einer geheimnisdurchwobenen Schöpfung.

Durch seliges Spiel, durch Lachen, durch bezaubernde Willkür nehmen die Gottkinder für sich ein. Eros gehört dazu, der unbesonnen, unbedenklich mit den Liebespfeilen um sich schießt. Er ist Kind eines „kecken Jägers“, des Gottes Poros, Sohn von Überfluss, Luxus, Selbsterfüllung, aber auf der anderen Seite Sohn einer bedürftigen Mutter, einer Unstillbaren, Nie-Befriedeten, Ausgelieferten. So ist er einerseits herrlich überlegen: Dem Gottkind widersteht nichts, alle Götterwelt ist ihm unterworfen, sogar Aphrodite, die Herrin der Liebe. Er selbst aber kennt keine Unterwerfung. Nie kann der Knabe zur Rechenschaft gezogen werden. Kindliches Spiel bedarf keiner Gründe, sucht seine menschlichen und göttlichen Ziele nach Laune, mischt alles nach Willkür. Eros schenkt leichthändig: pures Glück nicht anders als pures Unglück, ist sowohl unverantwortlich als auch gleichzeitig keiner Rechtfertigung bedürftig. Vor Platon, der die Geschichte des Eros erzählt, sprach Heraklit vom Weltspiel der Zeit: Ein königliches Kind schiebt die Brettsteine hin und her, wirft sie durcheinander – je nach Einfall.

Zum heiligen Kind gehört nicht nur das Spiel, sonst fehlte der Ernst des Schicksals, den das Kind zu bestehen hat, für den es sogar ausersehen ist und in den es kämpfend und reifend hineinwachsen soll. So heißt es über den irischen Prinzen Conneda, den Sohn des sündelosen Paares: „Reinheit und Glanz seines Knabentums haben sein Herz vor allen dunkleren Beweggründen des Daseins bewahrt. Er weiß nichts von der finsteren anderen Hälfte, nichts von den erbarmungslosen Zerstörungskräften, nichts von den eigennützigen, zersetzenden, bösen Leidenschaften.“ (Heinrich Zimmer) Diese innere Gesundheit ist Unschuld, aber sie darf nicht kraftlos sein. Vielmehr muss gerade das heilige Kind die Kräfte haben, den Kampf aufzunehmen.

Der Säugling Herkules erwürgte bereits in der Wiege die Schlangen, die ihn auf Befehl der eifersüchtigen Göttermutter zu erdrücken versuchten. Unschuld darf nicht Unwissenheit bleiben, das Gute darf nicht harmlos sein. Im Gegenteil: Heilig am Kind ist der unbedingte Wille zum Guten, auch unter Einsatz des eigenen Lebens. Es ist sogar bereit zu sterben, unerhört tapfer und ungebrochen in seiner Geradlinigkeit.

Ein weiteres Kennzeichen ist die Klugheit, sogar List des Gottkindes. Von Hermes, dem späteren Götterboten, wird berichtet, er habe seinen Halbbruder Apollon schon als Säugling überlistet. Dabei geht es weniger um die Frage, ob diese Schläue zulässig oder Betrug sei. Gerühmt wird die Geistesgegenwart und Stärke des Zupackens im Augenblick. Sie ist ebenso entscheidend wie die leibliche Kraft.

Noch andere Merkmale des heiligen Kindes lassen sich zeigen: seine Weisheit, die nicht aus Schulwissen stammt, seine Aufrichtigkeit, die allem Verbogenen und Verkehrten widersteht, seine Reinheit, die wie der Lotos über dem Schmutz der Abwässer schwebt, seine unzerstörbare Gegründetheit im Göttlichen, die allen Bedrohungen trotzt. Im Grunde gilt das nicht von wenigen, sondern von allen Kindern. In Grimms Märchen vom Fundevogel trägt das Kind im Adlernest ein Seidenhemd und eine Goldkette als Zeichen seiner Herkunft. Kinder sind Findlinge aus hohem Hause. Das Märchen weiß von ihrem königlichen Ursprung in unvordenklicher Heimat, in fragloser Geborgenheit. Auch die wüsten Pelzhüllen löschen das Sternen-, Mond- und Sonnenkleid Allerleihrauhs nicht aus. So ist der Schlaf der Kinder schwerelos, mühelos. „Schlafend wurden wir alle auf Flügeln über den Abgrund getragen.“ (Hans Urs von Balthasar)

All das ist im Kindsein enthalten: Vertrauen, Getragensein, Fraglosigkeit. Und noch mehr: die Herkunft aus einem unsagbaren Geheimnis. Die Weisheit der alten Erzählungen weiß vom Paradies als dem Ausgang des Daseins – daraus stammen die Kinder. „Wo keine Kinder sind, gibt es den Himmel nicht, und nie wird Himmel sein, wenn sie nicht mehr kommen: Gesicht und Stimme eines Kindes sind Bürgen des Himmels und sein Versprechen für immer.“ (A. C. Swinburne) Bisher waren die aufgerufenen Bilder symbolisch-allgemein, zu Erzählungen geformt quer durch die Kulturen. Manches davon erinnert an Zeugung und Kindheit Jesu: die sündelose Mutter, die geheimnisvolle Empfängnis, das von tödlich-bösen Gefahren bedrohte Kind, sein überlegenes Wissen unter den Schriftgelehrten, sein unverletztes Aufwachsen unter der mächtigen Hand Gottes.

Zugleich stellt die Kunst bildhaft seine Spielfreude vor Augen: Jesus, der die Weltkugel als kleinen Ball in Armen hält, der auf der Schulter des Christophorus sitzend den Riesen leichthin bezwingt, der in den Armen von Heiligen, im Paradiesgärtlein zwischen Blumen und Tieren spielt. Bei solchen sprachlichen und künstlerischen Bildern erhebt sich die Gefahr, auch die Kindheitsevangelien des Lukas und Matthäus als weitergeschriebenen Mythos zu lesen. Das ist zum Teil in den Apokryphen, in den nicht von der Kirche anerkannten Erzählungen vom Leben Jesu auch der Fall.

Aber das Nicht-Ernstnehmen der Evangelien führt in ein heilloses Missverstehen. Denn ihre Kindheitsberichte sind kein Mythos, sind nicht verfasst als ungeschichtlich dichterische Deutungen des Daseins. Immer werden im Mythos Zeugung und Geburt wieder in den Naturkreislauf eingebunden, in jahreszeitliche Fruchtbarkeit. Es geht um die Darstellung des Zusammenwirkens von männlichem und weiblichem Prinzip, biologisch-elementar. Vater und Mutter, auch Kinder sind dabei austauschbar, Teile eines Ganzen, das aufquellende Vervielfältigung heißt.

Aber die biblische Mutter ist nicht Hathor oder Demeter, auch nicht die Liebesgöttin Aphrodite/Venus oder gar die menschenverschlingende indische Kali. Nein, Maria ist ein genau bestimmbarer Mensch, nicht einfach nur ein Archetyp des Mütterlichen. Ebenso wird das Wort Fleisch unter einem angebbaren Datum, in einem Nest namens Nazareth, ist dem Blute nach ein Jude und stirbt nach 33 Jahren durch eine Hinrichtung – und in derselben wirklichen Geschichte gibt es eine jüdische Mutter mit einem eigentümlichen Lebenslauf, gegen dessen Eindeutigkeit alle Mythen ins Unbestimmt-Allgemeine verblassen.

Während im Mythos die Frauen unbewusst und ungefragt empfangen, zum Teil auch überwältigt werden, ist in der Verkündigung an Maria der Engel bittend, Auskunft gebend und einer Antwort bedürftig. Lukas zeigt die Erwählung Marias als Werbung Gottes um die freie, willentliche Zustimmung einer bestimmten Frau – nicht „des Weiblichen“ überhaupt. Manche Deutungen der Szene in Nazareth haben eine Überwältigung Marias durch die ungeheure Anfrage angenommen, eine solche Überflutung durch einen stärkeren Willen, dass sie nicht anders als sich ihm beugen konnte. Doch wird bei Lukas keineswegs Überwältigung geschildert. Gott fragt durch den Boten an, um Maria Raum zu geben. Und in Maria verdichtet sich alles, was menschliche und geistvolle Freiheit meint, wie Israel sie im Angesicht Gottes gelernt hat: ein Antwortenkönnen und nicht ein Überlistetwerden, eine wahre Entscheidung und nicht ein bewusstloses Nachgeben.

Die Evangelien wandern nicht in die Mythologie ab und verblassen dort zu allgemeinen Existenzdeutungen. Ernst und Freudigkeit ihrer Berichte sind nicht zu verdünnen und aus ihrem geschichtlichen Angelpunkt auszuhebeln: Jesus, dem Messiaskind. Die größte denkbare Kerbe der Geschichte hat real stattgefunden: die Geburt eines Gottes auf dieser Erde. Die größte denkbare Katastrophe der Geschichte hat ebenso real stattgefunden: die Ermordung dieses Gottes. Die größte, kaum denkbare Wiederherstellung ebenfalls: seine Auferstehung. Die Bedeutung dieser Ereignisse lässt sich bis zur Gegenwart durchaus übersehen und in Zweifel ziehen. Aber sie wird endgültig unübersehbar im letzten Großereignis: im Ziel der Geschichte, der Wiederkunft des Ermordeten und Auferstandenen. Die Evangelien arbeiten auf dieses Endgültige hin und ziehen die Linien der Gegenwart und der Vergangenheit auf die Zukunft, den zweiten Advent, zu.

Dabei kann das Christentum die Weisheit der Mythen, der Märchen, des Volkes, des Heidentums, der Griechen, der Kelten und anderer Kulturen mitnehmen und sie zugleich überholen. Omnia nostra, sagte Augustinus: „Alles ist unser“. Und weiter, in De doctrina christiana: „Die Wirklichkeit, die jetzt christliche Religion genannt wird, gab es schon bei den Alten, und sie fehlte nicht von Anbeginn des Menschengeschlechts, bis Christus im Fleische erschien, von wann ab die wahre Religion, die schon da war, begann, die christliche zu heißen.“ Tertullian fasste diese Einsicht in die großartige und großzügige Formel von der „anima naturaliter christiana“: Die Seele sei schon von Natur aus christlich.

Reinhold Schneider wendet den augustinischen Gedanken auch und besonders auf Maria an: „Ihr haben die Völker uralte Sehnsucht zugetragen: denn sie ist die Erscheinung, die die von den alten Völkern geschauten, in den Urtiefen ihrer Seelen aufscheinenden Bilder ablöst, aufhebt. Wir können wahrlich das Christentum nicht zurückführen auf Mythologie, aber wir können in der Mythologie Vorerscheinungen der Wahrheit finden und verehren; Vorerscheinungen, ohne deren Fortwirkung in der Seele des Menschen die Wahrheit vielleicht nicht aufgenommen worden wäre, wie sie es wurde. Das Wesen des Menschen, der Welt, war in der Richtung der Antwort gebildet, geführt, die sich in der Erscheinung des Engels vor der Jungfrau ereignet hat. Und es ist diese Ahnung gewesen, die der zur Königin des Himmels erhobenen Jungfrau-Mutter die Mondsichel zu Füßen legte.“

An den alten Erzählungen, die von einem Gottkind und seiner Mutter handeln, lässt sich sehen: Lebensnah, erregend und hinreißend, wie sie sind, finden sie ihre Erfüllung nicht in einem weiteren Mythos, sondern in der Wirklichkeit: in Empfängnis, Geburt, Kindheit, Reifejahren und Tod eines Gottes. Die alten Bilder werden eingelöst und bewahrt, aber sie werden vor allem überholt durch das eine, einmalige, wirkliche Geschehen. Ja, der Sinn der Geschichten läuft auf Wahrheit hinaus, buchstäblich – tiefer, als sie selbst es ahnten.