Das Jesuskind der Ewigen Stadt

Der „Santo Bambino“ von Santa Maria in Aracoeli: Trost der Kranken und Retter der Welt. Von Ulrich Nersinger

Viele, auch abenteuerliche Legenden ranken sich um Roms Santo Bambino. Foto: Nersinger
Viele, auch abenteuerliche Legenden ranken sich um Roms Santo Bambino. Foto: Nersinger

Nach Erzählungen des Mittelalters geht die Gründung der auf dem Kapitolinischen Hügel in Rom gelegenen Basilika Santa Maria in Aracoeli auf eine Weissagung der tiburtinischen Sibylle zurück. Die berühmte Seherin der Antike soll Kaiser Augustus bewogen haben, an dieser Stelle einen Altar zu Ehren einer ihm unbekannten, die Welt rettenden Gottheit aufstellen zu lassen. Der Name „Santa Maria in Aracoeli“ ist für die Zeit vor dem 12. Jahrhundert nicht einwandfrei nachzuweisen. Man weiß jedoch um die frühe Existenz einer Kirche, die den Titel „Santa Maria in Capitolio“ trug. Mit Sicherheit standen dort schon zu Zeiten Gregors des Großen (590 bis 604) ein Gotteshaus und ein Kloster griechischer Mönche. Andere Quellen berichten, dass die Kirche mehr als 200 Jahre früher auf Betreiben der heiligen Helena errichtet worden sein soll. Dass um das Jahr 883 Benediktinermönche das Gotteshaus betreuten, bezeugt ein mittelalterlicher Codex. 1250 wurde die Kirche von Papst Innozenz IV. (1243 bis 1254) den Söhnen des Franziskus anvertraut.

Santa Maria in Aracoeli war jahrhundertelang die Kirche des römischen Senats, der in ihr bei besonderen Anlässen Gottesdienste abhalten ließ. Im Mittelalter fanden hier sogar Sitzungen dieser altehrwürdigen Körperschaft Roms statt. Zur Basilika führen 124 Marmorstufen hinauf. Die Treppe wurde im Jahre 1348, während des Avignoner Exils der Päpste, errichtet. Sie war ein Geschenk der Römer an die Gottesmutter, der man so für die Errettung vom Schwarzen Tod, der Pest, danken wollte. Dass bis in unsere Tage so viele Menschen den beschwerlichen Weg zu Santa Maria in Aracoeli hinauffinden, ist nicht zuletzt einem Kleinod zu verdanken, das in einer Kapelle in unmittelbarer Nähe zur Sakristei aufbewahrt wird. Hier hält der „Santo Bambino“, das „Heilige Kind“, Hof. Alt und Jung, Römer und Fremde, verneigen sich hier vor einer 60 Zentimeter großen Statue des Jesuskindes. Einer Legende nach soll die Statue in Jerusalem von einem Franziskanerbruder aus dem Holz eines Olivenbaumes vom Garten Gethsemani geschnitzt worden sein. Da dem Ordensmann die nötige Farbe fehlte, um das Werk fertigzustellen, sei ein Engel erschienen, der die Arbeit beendet habe. Auch der Weg, auf dem der Santo Bambino in die Ewige Stadt gefunden hat, wird als wundersames Geschehen berichtet: Auf der Seereise musste der Franziskaner wegen eines Sturmes das Kästchen mit dem kostbaren Schatz ins Wasser werfen. Es schwamm aber hinter dem Schiff her und erreichte so den Hafen Livorno, von wo aus man es nach Rom brachte.

Bald wurden dem Santo Bambino Wundertaten zugeschrieben. In Erkrankungen, bei denen es keine Hoffnung auf Genesung zu geben schien, vertraute man sich dem Jesuskind von Aracoeli an. Als ein Mitglied des Adelsgeschlechtes der Torlonia mit dem Tode rang, ließ es die Franziskaner bitten, den Bambino mit Hilfe der nach Aracoeli entsandten Kutsche an sein Sterbebett zu bringen. Die Ordensbrüder entsprachen dem Wunsch. Der Adelige wurde nach dem Besuch des Jesuskindes entgegen jeglicher Vorhersage gesund. Seitdem unternahm der Santo Bambino, der als der berühmteste Arzt Roms gilt, „Hausbesuche“. Noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand Tag und Nacht eine Kutsche des Fürsten Torlonia bereit, um den Bambino an das Bett eines Kranken zu bringen.

In seinem Buch „Vatican Assigment“ beschreibt Sir Alec Randall, der zwischen den Weltkriegen Legationsrat an der Britischen Gesandtschaft beim Heiligen Stuhl war, wie der Bambino während einer schweren Krankheit zu ihm gebrachte wurde: „1927 wurde ich von einem schweren Typhusfall aufs Krankenlager geworfen. Für eine Genesung schien keine Hoffnung mehr, und ich empfing die heiligen Sterbesakramente. Dann riet jemand, der berühmte Bambino aus der Kirche von Aracoeli solle zu mir gebracht werden. (...) Pater Philip Langdon, der täglich bei uns ein und aus ging, erbot sich, die ziemlich aufgeputzte, aber große Verehrung genießende Figur des Gotteskindes mitsamt den Franziskanern, denen es oblag, sie zu den Sterbenden zu bringen, im Wagen des Kardinals zu holen. Als sie die Piazza Venezia überqueren wollten, versperrte ihnen ein Kordon Soldaten den Weg. Vergeblich wies Pater Philip auf das Kardinalswappen und die privilegierte CD-Nummer am Wagen. Niemand dürfe vorbei, ehe der Duce seine Rede vom Balkon des Palazzo gehalten habe. Pater Philip ließ nicht locker: er sei auf dem Weg zu einem Sterbenden, dem er den Bambino brächte. Sofort nahmen die Soldaten Haltung an und ließen ihn durch die Absperrung. Der Bambino kam an und wurde mir unter den vorgeschriebenen Gebeten gezeigt.“

Trotz der Verehrung, die der Bambino genoss, blieb er vor Freveltaten nicht geschützt. Die Auflistung der Versuche, sich des Schmuckes oder der Statue selber zu bemächtigen, ist lang. Auch an deren Beginn steht eine Legende: Die Fürstin Borghese hatte heimlich eine Kopie des Santo Bambino anfertigen lassen. Als ihr schwerkranker Vetter, Kardinal Scipio Borghese, mit dem Tode rang, wurde auf ihren Wunsch hin das Jesuskind zu dem Purpurträger gebracht. Dort gelang es der Adeligen, die beiden Statuen auszutauschen. Den echten Bambino behielt sie, den falschen schickte sie nach Aracoeli. In der Nacht jedoch verließ der Bambino den Palast durch ein Fenster und flog durch die Straßen Roms zum Kapitol zurück. Dreimal musste er an der Tür des Klosters klopfen, bis der Pförtner erkannte, wer Einlass begehrte. Unter Glockengeläut und Gesängen geleiteten die Franziskanerbrüder den Bambino in die Kirche und zu seinem angestammten Platz auf dem Altar.

Wenige Tage nach dem Weihnachtsfest des Jahres 1738 beugten sich Diebe über den in der Krippe liegenden Bambino und nahmen einen Teil des Schmuckes an sich. Im Jahre 1798 kam dem Adeligen Serafino Petrarca das Verdienst zu, die Statue vor der Zerstörungswut der Truppen Napoleons gerettet zu haben. Petrarca zahlte den französischen Soldaten eine immense Geldsumme, damit sie das Jesuskind nicht verbrannten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich ein Dieb über Mittag in der Basilika einschließen lassen. Nun ganz allein in der Kirche, raubte er dem Bambino all die Preziosen, mit denen er behangen war. Als die Patres das Gotteshaus wieder öffneten, wartete er noch kurz und verließ dann ungehindert den Ort seiner Schandtat. Es verging kaum eine Woche und die Bewohner der Ewigen Stadt hatten die fehlenden Schmuckstücke ersetzt, ja sogar vermehrt – durch Trau- und Ohrringe, Ketten, Armbänder, Broschen und Ordensabzeichen.

Am 1. Februar 1994 kannte Rom nur ein Gesprächsthema: Man hatte den Bambino gestohlen! Die Aufregung war groß. Überall konnte man die Römer gestenreich über den Raub debattieren sehen. Die Zeitungen brachten die Nachricht auf der ersten Seite. Die Carabinieri setzten eine Sonderkommission ein und baten ihre Vertrauensleute in der Unterwelt um Unterstützung. Im Gefängnis Regina Coeli verfassten die Häftlinge eine Petition, in der sie die Diebe aufforderten, den Bambino zurückzugeben. Viele Gläubige fanden sich zum Gebet in Aracoeli ein und entzündeten Kerzen für die Rückkehr ihres Bambinos. Doch nichts half. Das Jesuskind blieb verschwunden. Im berühmten Caffe Greco versammelte sich eine Gruppe von Aristokraten, die eine ungewöhnlich hohe Summe für die Wiedererlangung des Bambino aussetzen wollte. Die Franziskaner aber baten, davon abzusehen. Im Dezember ließen die Patres dann eine Kopie des Bambinos anfertigen und übertrugen diese feierlich in die Kapelle.

Die Verehrung des Jesuskindes von Santa Maria in Aracoeli ist ungebrochen. In seiner Kapelle stapeln sich wie eh und je die Briefe, die ihm aus der ganzen Welt geschickt werden. Oft sind die Umschläge nur mit der Adresse „Il Bambino, Roma“ versehen, aber kein römischer Briefträger würde es wagen, ein solches Schreiben nicht zuzustellen. Denn jeder Postbote weiß, wo der berühmte Bewohner der Stadt sein Zuhause hat, und er ahnt wohl auch, welche Bitten und Hoffnungen viele Absender mit diesen Schreiben verbinden. Die Briefe, die neben der Statue liegen, werden nach einigen Wochen von den Franziskanern weggenommen und durch neue ersetzt. Der Schriftsteller Henry Vollom Morton fragte in den 1960er Jahren einen der Patres, was denn mit diesen Briefen geschehe: „Sie werden alle verbrannt.“ – „Ungeöffnet?“ – „Natürlich. Was in den Briefen steht, ist eine Sache zwischen dem Bambino und dem Briefeschreiber und geht uns nichts an.“

Viele Römer haben den Brauch beibehalten, die Geburt des Herrn in der Basilika beim Kapitol zu begehen. In seinem „Concerto Romano“ schildert Reinhard Raffalt, wie eine römische Familie den Heiligen Abend beschließt: „Wenn die Mitternacht erreicht ist, treten die Mönche auf den Santo Bambino zu, der unter einem weißen Schleier verborgen in der Krippe liegt, nehmen die kleine Gestalt heraus, bringen sie zum Hochaltar und stellen sie auf den Tabernakel. In der Nähe der Sibyllenstätte, ein paar Schritte vom Himmelsaltar entfernt, hebt der Diakon an zu singen: ,In jener Zeit ging vom Kaiser Augustus der Befehl aus...‘, und kaum ist das Evangelium zu Ende, da wird der Santo Bambino von seinem Schleier befreit, alle Lichter in der Kirche flammen auf, und die Leute in der Kirche rufen: ,Vedi, vedi, il Santo Bambino, il Bambino Gesu, evviva il Bambino Gesu!‘ Und die Väter nehmen ihre Kinder auf den Arm, die Orgel ertönt und alle beginnen das alte, reigenhafte Wiegenlied des Christkinds zu singen: ,Tu scendi delle stelle...‘! Überall in der Kirche stehen die Väter neben ihren Frauen, mit den schlafenden Kindern an der Schulter, während durch drei Messen die rührende Weise forttönt vom Bambino Gesu, der von den Sternen herunter auf die Erde kommt.“