Eins mit der Kirche

Die französische Gemeinschaft Saint Martin orientiert sich in ihrer Priesterausbildung an den kirchlichen Weisungen. Die menschliche Dimension kommt trotzdem nicht zu kurz. Von Katrin Krips-Schmidt
Foto: INT | Die Feier der Heiligen Messe steht im Mittelpunkt des Lebens der Gemeinschaft.
Foto: INT | Die Feier der Heiligen Messe steht im Mittelpunkt des Lebens der Gemeinschaft.

Die Abtei Weingarten: Mit diesem Namen einer im Südosten Baden-Württembergs gelegenen barocken Klosteranlage verknüpft sich eine lange und wechselvolle Geschichte. Im 11. Jahrhundert von Benediktinern gegründet, 1803 säkularisiert, im Jahre 1922 wiederbesiedelt, wurde die Abtei 2010 schließlich aufgegeben. Nun gibt es Gespräche zwischen der Diözese Rottenburg-Stuttgart und der französischen Priestervereinigung „Communauté Saint Martin“, die als Nachfolger in das verlassene Kloster einziehen könnte.

Die „Vereinigung Sankt Martin“ ist eine Gemeinschaft päpstlichen Rechts. Sie ist 1976 von Monsignore Jean-François Guérin in Genua gegründet und 1979 von Kardinal Giuseppe Siri approbiert worden. Zurzeit gehören der Vereinigung 70 Priester und Diakone sowie etwa 40 Seminaristen an. Das Mutterhaus der Priestergemeinschaft befindet sich in Candé-sur-Beuvron in unmittelbarer Nachbarschaft von Blois, das wiederum circa 190 km südwestlich von Paris liegt. Die hier im Ausbildungshaus von Candé seit dem Jahr 1993 bestehende Hochschule für Theologie ist seit 2007 der Päpstlichen Lateranuniversität angegliedert. Der Lehrkörper setzt sich fast vollständig aus Priestern der Gemeinschaft zusammen, zudem werden auch externe Dozenten regelmäßig in den Studienbetrieb eingebunden.

Die Ausbildung der Priester ruht auf drei Pfeilern: der Liturgie, der theologischen Ausbildung und dem Gemeinschaftsleben. Neben dem Studium der Theologie sind demnach nicht nur die gottesdienstlichen Handlungen von zentraler Bedeutung. Auch das Lernen innerhalb einer Gemeinschaft mit seinen konkreten Anforderungen an den einzelnen Seminaristen in Bezug auf Gehorsam, Demut, Nächstenliebe sind wichtige Stationen auf dem Weg in den Priesterberuf.

Das Studium ist in drei Studienabschnitte eingeteilt. Die ersten beiden Jahre widmen sich der Philosophie, die darauffolgenden drei theologischen Studienjahre vermitteln das vertiefte Verständnis der Heiligen Schrift, gelesen in der Tradition der Kirche und nach dem Vorbild des Kirchenlehrers Thomas von Aquin. Der Unterricht in kanonischem Recht, Liturgie und Kirchengeschichte bildet den Abschluss dieses Studienabschnittes. Im sechsten Studienjahr schließlich werden die künftigen Priester für die pastorale Praxis ausgebildet. Bei der gesamten Priesterausbildung orientiert sich die „Vereinigung Sankt Martin“ an den Weisungen der Kirche, insbesondere an dem vatikanischen Konzilsdekret Optatam totius.

Ein Tagesablauf mit festen Zeiten schafft einen stabilen Rahmen, in dem im Wechselspiel zwischen Gebet, Studium, gemeinschaftlicher Arbeit und individueller Erholung die Berufung wachsen kann. Der Tag beginnt (außer samstags und sonntags) um 6.30 Uhr. Nach dem Frühstück und der individuellen Betrachtung – insbesondere der liturgischen Texte des Tages – und nach den gesungenen Laudes (dem Morgenlob), hören die Seminaristen vier 45-minütige Vorlesungen. Nach Mittagessen und Mittagsruhe haben sie Gelegenheit, sich eine halbe Stunde lang bei spiritueller Lektüre geistlich weiterzubilden, bevor sie sich am Nachmittag noch einmal drei weiteren Stunden gemeinschaftlichen Lernens widmen. Herzstück des Tages bildet die vor dem Abendessen und dem Singen der Komplet gefeierte heilige Messe, häufig auch in lateinischer Sprache und gen Osten. Gemäß der Aussage von Papst Johannes Paul II: „Wir müssen die Feier der Eucharistie als Zentrum und Wurzel des ganzen Lebens des Priesters oder Seminaristen verstehen, zum einen hinsichtlich der persönlichen Spiritualität, zum andern hinsichtlich der pastoralen Sendung.“ Jeden Samstag findet zudem Unterricht im gregorianischen Choral statt, der in der „Communauté“ eine besondere Förderung erfährt.

Das Gemeinschaftsleben, wie es in Candé gepflegt wird, spielt in buchstäblich jeder Hinsicht eine bedeutende Rolle: beim Gebet, bei der geistigen Arbeit wie auch im Alltag. So beten die Priester und Seminaristen nicht nur gemeinsam und feiern zusammen Gottesdienst – sie unterstützen sich auch bei der wissenschaftlichen Arbeit: So unterrichtet während des Studiums jeder Seminarist einen jeweils jüngeren. Darüber hinaus bieten die alltäglich anfallenden Arbeiten im Mutterhaus vielfältige Gelegenheit zur weiteren Entwicklung des Gemeinschaftssinnes. Dieses besondere Charisma der von Monsignore Guérin gegründeten „Communauté Saint Martin“ soll die jungen Geistlichen – im Verbund mit ihrer Ausbildung – dazu befähigen, ihren Beitrag zu der von Papst Benedikt XVI. geforderten Neuevangelisierung zu leisten. So sendet die Gemeinschaft, die jedes Jahr vier bis zehn junge Leute aufnimmt, fertig ausgebildete Priester dorthin, wo sie gebraucht werden: in die Pfarreien der Diözesen, die sie rufen, in die Lehre, in Heiligtümer, in den Dienst des Heiligen Stuhls.

Abbé Jean-Marie Le Gall, Generalmoderator bis 2010, hält eine stark von der jeweiligen Kultur geprägte Sichtweise auf die Neuevangelisierung für unumgänglich, „um dem Ruf derjenigen Seelen gerecht zu werden, die wie Schafe ohne Hirte sind. Die Päpste der jüngsten Zeit haben den Weg aufgezeigt, um auch den am weitesten entfernten Menschen Christus nahezubringen. Ich denke an die von Johannes Paul II. lancierte Botschaft, um mit der buddhistischen Welt in Kontakt zu kommen, und auch an die Offenheit Benedikts XVI., der fähig ist, mit jeder Kultur auf Fühlung und selbst mit dem unserem Glauben am weitesten entfernten Denken ins Gespräch zu kommen“, erläuterte er in einem Interview.

Wird die Gemeinschaft von einer eigenen Spiritualität geprägt? Nein, meint Abbé Le Gall im Gespräch. „Man kann der Vereinigung Saint Martin angehören und sich der Spiritualität des Karmels nahe fühlen oder der des heiligen Ignatius von Loyola“, so der Obere.

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